Kalenderblatt zum 20. Juli

Auf Aderholm weideten die Pferde 

Am 20. Juli 1629 ist die Insel Aderholm in der Wismarer Bucht erstmalig in einem Wismarer Ratsprotokoll als „Insel Walfisch“ erwähnt.

Wismars einzige Insel – die knapp neun Hektar große Insel Walfisch, liegt nahezu genau in der Mitte zwischen Wismar und der Insel Poel. Seit dem 20. April 1990 offizielles Naturschutzgebiet, ist schon seit Jahrzehnten das Betreten der Insel wegen des reichen Vogelbestandes nur einem ausgewiesenem Personenkreis gestattet und so dürfte der Großteil der Wismarer ihre Insel nur vom Foto, Boot oder Schiff aus her kennen.

Bis Anfang des 17. Jahrhundert hieß der Walfisch „Aderholm“, diente den Wismarern als Pferdeweide und es wurde Heu gewonnen. Einer Aufzeichnung zufolge waren noch 1597 Pferde auf der Insel. Die Insel gehörte der Stadt Wismar und wurde wie auch andere städtische Ländereien an die Bürger für sieben Jahre als „Lot“ verpachtet. Der Inselname mag aus dem skandinavischen Raum kommen, denn dort wird eine kleine Insel als „Holm“ bezeichnet.

Mit Beginn des dreißigjährigen Krieges und dem Einzug der Wallenstein´schen Truppen nach Mecklenburg und Wismar änderte sich das schlagartig. Die Stadt wurde auf Grund der strategischen Lage, die auch später die Schweden erkannten, weiter befestigt und die vor Wismar liegende Insel Aderholm erhielt 1627 wegen ihrer Form von den kaiserlichen Soldaten den Namen „Walfisch“. Wismar sollte als „kayserlicher“ Kriegshafen ausgebaut werden und der Walfisch wurde militärisch befestigt. Seine strategische Bedeutung war unübersehbar. Dies hinderte die Schweden, die seit 1630 schon in Pommern standen, nicht, Wismar einzunehmen und so zogen sie am 7, Januar 1632 in die Stadt und die kaiserlichen Truppen durften am 12. Januar 1632  mit „fliehenden Fahnen und Musik“ aber mit einer Kugel im Mund(!) abmarschieren. Auf dem Walfisch setzten aber sofort rege Bautätigkeiten ein und die Insel Walfisch wurde zum Schutz der Wismarer Hafenzufahrt weiter stark ausgebaut. 1675 eroberten die Dänen Wismar und auch den Walfisch. Durch den Friedensschluss von Fontainbleau erhielten die Schweden ihre Wismarer Besitzungen wieder zurück. Jetzt wurde aber die Festung auf dem Walfisch richtig ausgebaut und ab 1682 entstand der runde Gefechtsturm mit 24 Geschützen durch den schwedischen Festungsbauer Erik Dahlberg. Unterkünfte und auch ein kleiner Exerzierplatz wurden errichtet, denn auf der Insel waren Soldaten stationiert und die wollten bewegt werden. Der Große Nordische Krieg von 1700 bis 1721 brachte aber hier die Wende und nach der Belagerung Wismars von 1715 bis 1716 musste nicht nur die Festung Wismar geschleift werden, sondern auch die auf der Insel Walfisch. Das machte man sich einfach und zündete am 2. Februar 1718 dass sich im Turm befindliche Sprengpulver an und so flog alles in die Luft und in das umliegende Wasser. Noch heute macht manch unkundiger Freizeitskipper  unliebsame Bekanntschaft mit einem Rest der Festung, die im Wasser liegt. Man kann sich sicher vorstellen, wie es damals auf dem Walfisch ausgesehen hat und so hört man erst 1831 wieder etwas vom Walfisch, den Namen haben die Wismarer behalten, als hier eine Quarantäneanstalt zum Schutz gegen die damals aufkommende Cholera einrichtete. Die isolierte Lage nutzte auch Dr. Hugo Unruh, als er Ende des 19. Jahrhunderts die Insel ebenfalls vorsorglich als Quarantänestation einrichten ließ, als in Hamburg die Cholera ausbrach. Die Insel Walfisch zog aber auch friedliche Nutzung an und 1833 versuchte sich Jochen Ahrens in den Sommermonaten mit einer Gastronomie und ab Pfingsten 1833 konnte man auch dort übernachten. Lange hat sich das nicht gehalten und erst 1851 ist hier eine Badeanstalt errichtet worden, die 1858 wegen der unzureichenden und beschwerlichen Anbindung einging. Nach einem kurzen Intermezzo eines Wismarer Gastwirtes auf der Insel, kehrt dann Ruhe ein. Dies und die günstige insulare Lage mag auch der Grund sein, dass Vögel ungestört brüten, denn Fuchs und Marder kommen nur im Winter bei zugefrorener Ostsee auf die Insel.

Im Mai 1905 erhielt die Hansestadt Wismar die ihr schon seit Stadtgründung gehörende Insel wieder zurück in ihr Eigentum. Zum Schutz der Insel ist 1908 dann eine hundert Meter lange und vier Meter hohe Mauer aus Steinen der alten Festung, die man aus dem Wasser fischte, an der Nordseite errichtet worden und das Leuchtfeuer wurde aufgestellt und gezündet. Das war eine Petroleumlampe mit 28tägiger Brenndauer. Die Gemeinnützige Gesellschaft Wismar erhielt 1907 die Genehmigung, für Ausflügler eine Schutzhütte zu errichten, in der auch ein Kochherd zur Eigennutzung vorhanden war. Man erkannte jedoch schnell auch die einmalige insulare Lage und deren Bedeutung für die Tierwelt und so blieb es ruhig auf Walfisch. Lediglich in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts setzte noch etwas Betrieb ein, als man die Fahrrinne weiter ausbaggerte und das Baggergut teilweise bei Walfisch angespült wurde. Konnte man davor noch in der Silhouette der Insel einen Walfisch erkennen, so hat sie heute eine mehr rundliche Form. In ihrer Jahrtausendalten Geschichte hat sie nur 91 Jahre kriegerischen Zwecken gedient, doch das scheint mehr im Gedächtnis zu bleiben als ihre friedliche Nutzung. Nach der Wende wurde das Schutzgebiet durch den neu gegründeten Verein Walfisch e.V. betreut, seit 2007 findet die Betreuung durch den Verein Langenwerder e.V. statt. Dieser betreibt auch die ornithologische Station auf der Insel. Das Naturschutzgebiet Insel Walfisch ist Bestandteil des FFH-Gebietes Wismarbucht, für das im Jahr 2006 konkrete Schutzmaßnahmen im Rahmen eines Managementplanes erarbeitet wurden.

Was sonst noch geschah

  1. Juli 1905 Kapitän Kommerzienrat Heinrich Podeus gestorben.
  2. Juli 1940 4. Luftangriff: Einen platzierten Abwurf von etwa 35 Sprengbomben und 60 Brandbomben auf Wismar. Dabei wurden Gebäude und Gleisanlagen der Zuckerfabrik beschädigt. Die von der Zuckerfabrik geltend gemachten Schadensansprüche an das Kriegsschäden-Amt beliefern sich dabei auf 118.000 Reichsmark. Weitere Einschläge gab es in der Rabenstraße und am Philosophenweg. Bombensplitter beschädigten zwei Flugzeuge der Norddeutschen Flugzeugwerke von Dornier auf dem Hafffeld.
  3. Juli 1849 Erstfahrt des Schaufelrad-Dampfschiffes „Friedrich Franz II“.
  4. Juli 1940 5. Luftangriff: In der Zeit von 0.30 Uhr bis 2.45 Uhr griffen zwölf englische Kampfflugzeuge die Stadt an. Dabei fielen ca. fünfzig Sprengbomben und etwa gleich viele Brandbomben. Der Angriff erfolgte sehr ungenau und Menschenleben waren nicht zu beklagen. Es wurde ein Schuppenkomplex am Hafen zerstört und ein vor Anker liegender schwedischer Dampfer von einer Brandbombe getroffen. In der Siedlung Dargetzow waren leichte Schäden an Wohnhäusern zu verzeichnen.
  5. Juli 1781 Bericht des Tribunals an die schwedische Krone über die Brandschäden am Fürstenhof; zerstörtes Dach, verbrannte Bibliothek, zerstörte Decken und Treppen, Einsturzgefahr der Archivgewölbe.
  6. Juli 1945 Die Sauberkeit der Stadt lässt zu wünschen übrig. Anordnung, dass regelmäßig gefegt werden soll.

Detlef Schmidt

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

fünfzehn − 3 =