Kalenderblatt zu 25.November

Lumpen für Papier aus Wismars ältester Industrieanlage

Am 25. November 1669 nahm der Pächter Christoph Teßmar, die neue Papiermühle am „Vie-chelschen Bach“ oder auch „Stivine“, dem heutigen Wallensteingraben bei Steffin, in Betrieb. Schon seit 1613 verhandelte der Wismarer Rat wegen des Baus einer Papiermühle, die durch den Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges zum Erliegen kam. Erst am 10. Mai 1669 schloss der Rat mit dem Mühlenbauer Jakob Grönfeldt einen Vertrag zum Bau einer Mühle. Sie hatte zwei Wasserräder und aus zwei Bütten konnte Papier geschöpft werden. Die Baukosten von 4.192 Lübsche Mark wurden mit letztendlich 7.200 Mark weit überschritten. Ein „Phänomen“, dass uns bis heute immer wieder bei öffentlichen Bauten „erstaunt“. Der Standort der neuen Mühle ist schon seit dem 14. Jahrhundert durch eine Korn- und Walkmühle belegt. Hier muss-ten per Ratsdekret Wismars Wollenweber ihre Stoffe walken lassen und bezahlten dafür pro Webstuhl einen Pauschalbetrag. Am „Viechelschen Bach“ sollen sich bis zu vierzehn Wasser-mühlen befunden haben, die die Fließgeschwindigkeit des Gewässers ausnutzten. Auf einer Länge von rund 20 Kilometern gibt es einen Höhenunterschied von 37,8 Meter, der mit zwölf Schleusen befahrbar gemacht werden sollte.
Erfunden wurde die Papierherstellung im alten China um 105 n.Chr. Vorher benutzte man das aufwändig hergestellte Pergament und auch Papyrus. Erst mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg in Mainz 1454 stieg der Bedarf an Druckpapier enorm an. Die kos-tengünstige Herstellung und schnelle Verbreitung von Luthers Bibel wäre auf gebräuchlichem Pergament nie so gelungen wie auf Papier. Die Universitäten brauchten Papier und auch in den Städten wuchs der Bedarf daran. 1650 erscheint In Leipzig am 1. Juli die erste Zeitung der Welt. Den Rohstoff für Papier lieferten alte Textilien. Lumpensammler verdienten damit Geld und es gab schon mal Reibereien wegen der „Lumpenwilderei“, denn jeder hatte seinen „Lumpensammelbezirk“.
Die Lumpen wurden gekocht, zerstoßen und solange geschlagen, bis ein Teig daraus entstand, der sich im Wasser verdünnen, in Formen Schöpfen und zu Papier umschaffen ließ. Dabei waren zuerst Handpapiermühlen im Gebrauch, die man seit der Mitte des 14. Jahrhunderts durch Mühlstampfen ersetzte. In der Stampfmühle, wurden die schon vorher gröblich zerstü-ckelten Lumpen durch Zufluss von Wasser in einen dünnen Brei verwandelt. Die Lumpen wurden in 20-30 Stunden unter den Hämmern zu einem dünnen Brei gestampft, der überall von gleicher Dichtigkeit, schließlich herauskommt. Dieser wurde in die „Bütte“, einen großen, heizbaren Steintrog gefüllt, aus dem der Bütt- oder Schöpfgeselle mit einer Form den Papier-bogen schöpfte.
Die Papierfabrik an der „Stivine“ hatte bis 1711 schon drei Pächter, als die Dänen im Nordi-schen Krieg Wismar belagerten. Sie versuchten den Wismarern das Trinkwasser bei Metels-dorf abzuschneiden und zerstörten die städtische Papiermühle. Erst 1727 gelang es Gottlieb Meinhardt die Mühle wiederherzustellen und nahm umfangreiche Umbauten vor, die das Werk effektiver arbeiten ließ. Die Papiermühle, war auf gute weiße Stoffe angewiesen, da diese die beste Papierqualität lieferten, doch die weißen Stoffen ließen sich besser ins Ausland verkaufen und so erbat sich der Papiermüller Christian Budach, der die Mühle 1779 über-nahm, 1806 vom mecklenburgischen Herzog ein Ausfuhrverbot von Lumpen aus Wismar und der Insel Poel. Daraufhin durften 16 Jahre keine Lumpen mehr ausgeführt werden. Mehrere Pächter betrieben in der Folgezeit die Papiermühle, ehe sie 1870 abbrannte. Pächter Carl Busch begann sie erneut wiederaufzubauen, was jedoch seine wirtschaftlichen Kräfte über-stieg. Am 11. Mai 1882 kaufte der Wismarer Kaufmann Gustav Marsmann die brandgeschä-digte Fabrik. Er ist 1832 in Wismar in einer Kaufmannsfamilie geboren und hatte zunächst ein gut florierendes Leinengeschäft Hinter dem Rathaus 17, bis er die Papiermühle übernahm. Nach seinem 1899 erfolgten Tod, übernahm sein Sohn Heinrich die Fabrik. Sein 1895 gebore-ner Sohn Gustav Marsmann übernahm 1926 die Papiermühle gemeinsam mit seinem Schwager Dr. Arthur Rehfeldt als Kommanditgesellschaft bis zur Verstaatlichung am 5. Mai 1948.
Schon im 19. Jahrhundert wurde Papier nicht mehr als Altstoffen hergestellt, sondern durch den gewonnenen Holzzellstoff der Bäume. Dadurch und auch durch die Erneuerungen der Maschinen begann der Aufschwung der Papierindustrie, die mit dem rasanten Bedarf kaum Schritt halten konnte. Zudem wurde der Konkurrenzdruck stärker. In Wismar wurden Papier und Pappen produziert.
Nach dem Krieg nahm die Papierfabrik im Oktober 1945 unter schwierigen Bedingungen die Produktion wieder auf. Die Leitung der Papierfabrik übernahm Wilhelm Broichman und der Eigentümer Gustav Marsmann zog sich aus dem Betriebsgeschehen, ehe er nach der 1948 er-folgten Enteignung in den „Westen“ floh. Der Verwaltungssitz ist ab 1958 in die Wismarer Rostocker Straße verlegt. Der Kaufmann Wilhelm Müller errichtete 1902 aus den Gebäuden der „Maschinenfabrik Krohn“ in der Rostocker Straße eine Drahtfabrik ein. Die heute noch stehende Villa „Auguste“ war sein Wohnhaus mit einem direkten Übergang in die Fabrik. 1948 übernahm der Wismarer Papiergroßhändler Otto Rechenberger die Anlage und richtete hier die „Kamel-Schreibgut GmbH“ ein. Eine veranlasste Tiefenprüfung war das Aus und Re-chenberger floh noch vor seiner Verhaftung in den „Westen“. Der „Ostsee-Druck“ wurde Treuhänder. 1958 verschmolz dieses Unternehmen mit der Papiermühle zum „VEB Papierver-arbeitung Wismar“ unter der Leitung von Paul Härtel
In den Aufbaujahren der DDR waren die Produktionsbedingungen auf Grund fehlender Er-satzteile und Materialien nicht immer gut, was die Mitarbeiter aber durch ihre Einsatzfähigkeit mehr als wieder wettmachten. Die Produktionsanlagen wurden sukzessive auf den neuesten Stand gebracht, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Bauliche Anlagen wurden erneuert und zwischen 1982 und 1984 entstand das neue Heizkesselhaus. Die „Wende“ brachte in der Pa-pierfabrik eine harte Zäsur. Noch am 1. Januar 1989 hörte die Wismarer Papierfabrik als eigen-ständiges Unternehmen auf zu existieren, sie wurden dem VEB Feinpapierfabriken Neu Kaliß zugeschlagen. Am 1. November 1991 ist dann das Recyclingwerk Wismar, ein Vorhaben der Wismarer QEG, gegründet worden, das 1993 in „Hanseatische Altpapierverwertung Wismar GmbH“ firmierte. Am 31. Januar 1996 ist diese Wismar Industrieanlage nach 327 Jahren ge-schlossen worden.

Was sonst noch geschah
25. November 1936 Umbenennung der Stadt Wismar in Seestadt Wismar.
28. November 1959 Kiellegung des FDGB Urlauberschiffes Fritz Heckert auf der Mathias Thesen Werft.
1. Dezember 1881 Benennung der Dahlmannstraße.
1. Dezember 2012 Eröffnung des Technischen Landesmuseums als „phanTechnikum“.
1. Dezember 1933 Gründung der Norddeutsche Dornier Werke GmbH.
1. Dezember 2000 Eröffnung des Schwimmbades „Wonnemar“.

Detlef Schmidt

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