Kalenderblatt zum 1. März

Einen Ritter zur Galgeneinweihung
Ab 1. März 1833 durfte niemand mehr innerhalb der Stadt begraben werden

 

Am 1. März 1833 fasste der Wismarer Rat den Beschluss, dass niemand mehr innerhalb der Stadt begraben werden sollte. Vorausgegangen war eine intensive Suche nach einem geeigne-ten Platz für einen neuen Friedhof. Beschleunigt sicherlich auch durch die ab 1830 nach Euro-pa eingeschleppte Cholera. 1832 brach die Seuche in Mecklenburg aus und die Insel Walfisch wurde als Quarantänestation hergerichtet. Wismar blieb verschont war jedoch eine der weni-gen Städte, wo die Toten innerhalb der Stadt in und um die großen Kirchen begraben wurden. So waren in den Kirchspielen von St. Marien, St. Georgen und St. Nikolai in und um die Kir-chen Grabstätten angelegt, wo Bürger je nach Geldvermögen begraben wurden. Wer eben in einer Kirche begraben wurde, hatte in der Regel eine Familiengrabstelle gekauft, die auch für mehrere Generationen reichen sollte. In der Kirche kostete es mehr, wie vor der Kirche. Dazu gab es Friedhöfe am Franziskanerkloster (Große Stadtschule) und Dominikanerkloster (Schwarzes Kloster), sowie im Bereich des Heilig-Geist-Hospitals und von St. Jakob (EVB Gelände an der Werftstraße). Hier war eine sogenannte Quarantänestation eingerichtet. Von einer der ersten Begräbnisstätten erfährt man durch das Schiffsunglück des Sohnes von Hein-rich I., Herzog Johann, der 1289 auf der Fahrt nach Poel verunglückte und in der Kirche der Dominikaner (heute Turnhalle der Großen Stadtschule) beigesetzt wurde. Doch nicht jeder wurde auf den geweihten Gottesäckern beigesetzt. Es gab unehrliche Berufe, wie den Bütteln, Henker aber auch Verbrecher und Hingerichtete. Diese wurden weit draußen vor den Toren der Stadt auf dem sogenannten Schindacker begraben.
Am 2 November 1830 gab Bürgermeister Anton Haupt vor dem Rat einen Bericht über seine Besichtigungen anderer Friedhofsanlagen und schilderte dem Rat die Vorteile einer modernen Anlage. Zuerst wurde die Fläche auf dem Weberkamp (Etwa Parkplatz Dr.-Leber-Straße) fa-vorisiert, die jedoch wegen der schlechten Bodenbeschaffenheit ausschied. Am 14. September 1831 entscheidet sich der Rat für einen neu angelegten Friedhof vor dem Mecklenburger Tor und erließ am 2. Juni 1832 eine Ratsverordnung über den neuen Friedhof. Dieser befand sich aber auf dem Galgenberg, der schon 1295 als „mons patibuli“ Erwähnung findet. Der sich darauf befindliche Galgen stand weithin sichtbar auch als Mahnung und Abschreckung. Deut-lich wird dies auf älteren Stadtansichten, wo der Galgen nie fehlen durfte, zeugte er auch von der städtischen Souveränität. Um 1400 hatte die Hansestadt Wismar eine Hinrichtungsstätte aus Mauerwerk errichten lassen. Der erste Delinquent, der dieses Bauwerk „einweihen“ durf-te, war Ritter Johann von Göhren der wegen schweren Straßenraubes zum Tode verurteilt und dann mit seinen Stiefeln und Sporen gehenkt wurde. Der erst im 18. Jahrhundert erneuerte Galgen stand bis 1830. Dem Verdienst des noch jungen, reformfreudigen und tatkräftigen Bürgermeisters Anton Haupt ist es zu verdanken. dass er, um den Vorurteilen entgegenzuwir-ken, in der entscheidenden Sitzung des Rates am 16. September1831 bekannt gab, einen Be-gräbnisplatz auf dem neuen Friedhof im Bereich des ehemaligen Galgens zu erwerben. Dieser war an der Stelle, an der seit Jahrhunderten der Wismarer Galgen stand. Er ahnte nicht, dass er schon sehr früh, am 22. November 1835 sterben und somit die Grabstelle als erster belegen würde. Sein Grab ist erhalten und man hat heute, wie kaum eine andere Stadt, eine genaue Kenntnis über den Standort der Wismarer Richtstätte. Der Wismarer Rat stimmte dem Antrag zu und der Friedhof „vor dem Mecklenburger Thore“ konnte errichtet werden. Man vermied wo man es konnte, die alte anrüchige Bezeichnung „Galgenberg“. Die Weihe des Friedhofes fand am 24. Oktober 1831 statt. Die Wismarsche Zeitung schreibt: „Das ehrwürdige, geistliche Ministerium und die städtischen Behörden versammeln

sich um 10 Uhr morgens auf dem Rathause und werden sich von dort unter Vortretung der Waisen-kinder und der Stadtschule und unter dem Geläute der Glocken an Ort und Stelle begeben, wo die Feierlichkeiten unter dem Gesang ´Meine Lebenszeit verstreicht` eröffnet werden…“. Im darauffolgenden Frühjahr wurde dann in einer Spendenaktion um Baumgehölze und Zier-sträucher für die neue Anlage geworben. Einer Zeitungsnotiz zufolge, ist diese Aktion äußerst erfolgreich verlaufen. Eine erste Friedhofsordnung wurde am 2. Juni 1832 herausgegeben. Interessant die Bestimmung, dass niemand auf seinem Grabe Obstbäume pflanzen oder gar Gemüse und Feldfrüchte anbauen durfte, die man heute mit Schmunzeln zur Kenntnis nimmt.

Die erste, sehr feierliche Beisetzung fand im Juni 1832 statt. Heinrich Göttmann, ein zweijäh-riger Junge aus einer Malerfamilie, war am 29. Juni 1832 gestorben und fand seine letzte Ruhe auf dem vormaligen Galgenberg – aber weit genug von der ehemaligen Hinrichtungsstätte auf einem an gepachteten Platz der Malerinnung. Ab 1.März 1833 waren Beerdigungen innerhalb der Stadtmauern verboten und nur auf dem neuen städtischen Friedhof gestattet, bis auf eine Ausnahme: Die nicht unvermögende Kaufmannswitwe Susanne Ockel hatte in ihrem Testa-ment verfügt, dass sie in St. Marien neben ihrem 1830 verstorbenen Ehemann beerdigt werden wollte. Da sie ein nicht unerhebliches Legat von 500 Reichstalern gestiftet hatte, fand dort die letzte Beerdigung ausnahmsweise am 17. August 1835 statt. Verständlich, dass diesem Wunsch nachgegeben wurde und heute, etwas augenzwinkernd, würde man sagen, dass man mit Geld schon immer etwas nachhelfen konnte. Den Galgen haben die Wismarer dank ihres ehemaligen Bürgermeisters nicht vergessen und die Beschreibung des Standortes war eine der ersten „Geschichtslektionen“ für mich, die ich von meinen Eltern erhielt, wenn wir auf dem Friedhof waren. Der Garnisons- oder Soldatenfriedhof ist 1698 eingeweiht wurde und die letzte Bestattung fand 1950 dort statt. Am 30. Mai 1862 wurde der West-Friedhof und am 21. November der Ost-Friedhof eingeweiht. Auf dem Ehrenfriedhof der Roten Armee, der am 15. August 1948 eingeweiht wurde, sind 348 Militärangehörige begraben worden.

Was sonst noch geschah
1. März 1433 Weihe der Sühnekapelle für Bürgermeister Johann Banzkow auf dem St.-Marien-Kirchhof (1850 abgerissen).
1. März 1855 Mecklenburgisches Schulzwangsgesetz tritt auch für Wismar in Kraft.
1. März 1947 Die Waggonfabrik wird landeseigener Betrieb.
1. März 1991 Die Karstadt AG übernimmt wieder ihr altes Stammhaus. Schriftzug „Kaufhaus Magnet“ wird entfernt.
1. März 1867 Sanitätsrat Dr. Ludwig Böckel in Boitze geboren (27.3.1967 in Wismar gestor-ben) Er war mit 98 Jahren ältester noch praktizierender Arzt Deutschlands.
2. März 1850 Robert Schmidt, Gründer der Ingenieur-Akademie, geboren.
3. März 1990 Wahlkampf in Wismar mit dem Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg (CDU) auf dem Marienkirchplatz und Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) auf dem Marktplatz.
4. März 1819 Gründung Wismarer Freimaurerloge „Zur Vaterlandsliebe“ in Mecklenburger Straße 6.
5. März 1906 Platte vom Mecklenburger Tor mit lat. Inschrift wird über Rathauseingang an-gebracht.

Detlef Schmidt

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