Kalenderblatt zum 1. April

Von der Buchhandlung zum Restaurant

Seit 1911 gibt es eine Altdeutsche Gaststätte im Reuterhaus am Markt

Am 1. April 1910 verkaufte der Schwiegersohn des Verlegers Dethloff Carl Hinstorff, der Geheime Kommerzienrat und ehemaliger Bürgermeister Heinrich Witte,  das Haus Am Markt 19 an Bäckermeister Karl Oldenburg, der hier 1911 eine „Altdeutsche Gaststätte“ mit dem Namen „Reuterhaus“ einrichtet. Heinrich Witte war mit der Tochter des Ehepaares Hinstorff, die 1841 geborene Mathilde Hinstorff, verheiratet. Als Auguste Hinstorff,  am 29. Dezember 1901 verstarb, erbten Heinrich und Mathilda Witte unter anderem das „Hinstorff-Stammhaus“ Am Markt 19. Mathilde Witte starb jedoch schon 1903. Im Haus Am Markt 19 war bis 1910 die „Hinstorff´sche Verlagsbuchhandlung“, die ab 1. Januar 1907 an Otto Heidmüller und Friedrich Carl Blanck verkauft wurde und später sich in der Dankwartstraße und darauf in der Lübschen Straße 19a befindet.

Das Haus Am Markt 19 war ursprünglich ähnlich wie der „Alte Schwede“ ein Doppelhaus, so das Alte Stadtbuch von 1680. Hier waren „zwei Wohnungen unter einem Giebel“. Eigentümer des Hauses war bis 1655 die St. Marien-Gemeinde, die es in dem Jahr dann an Claus Gößelke verkaufte, dessen Erben wohl das Haus umbauten und zu einem Grundstück zusammenführten. Ein 1712 bezeugter Brand dürfte die Zäsur am Haus sein, denn aus dieser Zeit stammen das bekannte Krüppelwalmdach und auch der ehemalige Erker am Haus.

Dethloff Carl Hinstorff wurde am 2. Juni 1811 in Brüel geboren. Als Sohn eines Webermeisters aus Brüel wuchs er mit sieben weiteren Geschwistern auf, wovon er als einziger das Erwachsenenalter erreichte. Der Vater schickte den Jungen frühzeitig auf die Große Stadtschule nach Wismar, um ihm, trotz persönlicher finanzieller Engpässe, eine angemessene Ausbildung zu ermöglichen, begünstigt aber auch durch seine Wismarer Verwandtschaft. 1826 begann der junge Hinstorff dann eine Lehre bei der Buchhandlung von Heinrich Schmidt & Friedrich Wilhelm von Cossel (Cossel hatte das Haus am 9.7.1842 erworben) im Haus am Markt 19, dem heutigen Reuterhaus. Da seine beiden Lehrherren den Buchhandel als Nichtfachleute betrieben, der eine war ein ehemaliger Postbeamter und der andere ein Jäger, bildete er sich durch Privatunterricht weiter. Nach Beendigung seiner Lehre gründete er in Parchim 1831 mit zwanzig Jahren eine Buchhandlung. Damals durften nur volljährige Bürger mit dem 25. Lebensjahr sich selbstständig betätigen und er erhielt die benötigte Erlaubnis vom mecklenburgischen Großherzog. 1849 verkaufte Dethloff Carl Hinstorff das Parchimer Geschäft und zog mit seiner Familie, mittlerweile hatte er fünf Töchter und zwei Söhne, eine weitere Tochter wurde 1854 in Wismar geboren, nach Wismar in das frei gewordene Geschäft seiner Lehrherren am Markt 19, das er am 2. März 1850 käuflich erwarb. Hier  richtete er seinen Verlag ein. Grund zum Umzug war neben der Ansiedlung in einer größeren Stadt, die bessere Verkehrsanbindung und die Wiedereinrichtung der großherzoglichen Residenz in Schwerin. Durch seine Zielstrebigkeit stieg Hinstorff zu der führenden Verlegerpersönlichkeit in Mecklenburg auf, die durch einen 1857 geschrieben Brief von Fritz Reuter an Hinstorff, in der es unter anderem  hieß: „Können wir nicht ein Geschäft machen…“ gesteigert wurde und Reuter wie Hinstorff  zu Wohlstand brachte. Ab 1859 druckte Hinstorff alle Werke Fritz Reuters und allein bis 1881 erschienen aus dem Wismarer Verlagshaus eine halbe Million Exemplare in 156 Auflagen. Fritz Reuter hielt sich mehrfach im Haus auf, besonders wenn es um die berühmten hartnäckigen Verhandlungen zwischen Verleger und Autor ging. Der letzte Aufenthalt Fritz Reuters in Wismar war im Februar 1865, wo die Wismarer „ihren Reuter“ hochleben ließen. Am 10. August 1882 starb Dethloff Carl Hinstorff und hinterließ hochgeehrt ein gut geordnetes Unternehmen. Seine zweite Frau Auguste starb zwanzig Jahre später am 29. Dezember 1901. Sie hat 1897 das Reuterdenkmal im Lindengarten gestiftet, das heute vor der Fritz-Reuter-Schule steht. Dethloff Carl Hinstorff und seine Frau sind auf dem Wismarer Friedhof in der Familiengrabstätte Hinstorff beigesetzt.

Nach 1911 wird das Haus durchgängig bis heute als Gaststätte genutzt. Das barocke sehenswerte Innenmobilar soll aus einem westfälischen Schloss kommen. In den dreißiger Jahren gehörte es dem Gastwirt Wilhelm Schmidt und 1951 war Hermann Berner Pächter. Die relativ gut geführten und auch florierenden Restaurants waren der neuen „sozialistischen“ Regierung ein Dorn im Auge, was auch die ab 1953 durchgeführte Aktion „Rose“ zum Ziel hatte. Bei Herrmann Berner wurde ein Sack Getreide „gefunden“ und er ging für einige Zeit in das Zuchthaus Dreibergen nach Bützow. Das war die staatliche kriminelle Enteignung. Das „Reuterhaus“ wurde fortan „sozialistisch“ geführt. Dies führte in die Misswirtschaft, denn 1988 musste das Haus wegen „Baufälligkeit“ komplett abgerissen werden. Man errichtete sofort  einen äußerlich nahezu unveränderten Nachbau, der 1989 leider den bekannten und markanten  Fassadenerker eröffnet wurde. Die Plastik an der Giebelseite zeigt den Verleger Hinstorff mit seinem Dichter Fritz Reuter. Die Plastik erschuf der Bildhauer Rainer Kessel aus Neu Nantrow im Landkreis Nordwestmecklenburg.

Was sonst noch geschah

1. April 1888 Einweihung des Postamtes in der Mecklenburger Straße 18.
1. April 1891 Einweihung der Mädchen-Bürgerschule in Dahlmannstraße (seit 1946 Fritz-Reuter-Schule) Architekt war Gustav Dehn.
1. April 1895 Verleihung des Ehrenbürgerrechts an Otto von Bismarck.
1. April 2003 Einweihung des AWO Kindergarten „Löwenzahn“ am Bürgerpark.
2. April 1921 Errichtung des Ehrenmales auf dem Friedhof für die Opfer des Kapp-Putsches. Umgestaltung der Gedenkstätte zu einem Ehrenmal und Einweihung am 2. April 1978.
4. April 2011 Eröffnung der Markthalle am Alten Hafen mit 1.300 qm².
5. April 1848 Verfügung des Großherzogs, dass das neue Militärlazarett gebaut werden kann. Hierfür stellt die Hansestadt Wismar dem Großherzog das benötigte Grundstück zur Verfü-gung. Am 1. Juli 1852 Einweihung als Militärlazarett, bis 1920 entsprechende Nutzung. Um-bauten erfolgten 1929-1933, danach bis 1950 Nutzung als Finanzamt. Seit 1952 wird das Ge-bäude von der Wismarer Polizei genutzt.
6. April 1925 Adolf Hitler beauftragt Friedrich Hildebrandt mit dem Aufbau der NSDAP in Mecklenburg und Lübeck.
7. April 1890 Der spätere Wismarer Stadtbaurat Arthur Eulert wird in Rostock geboren. Am 3. März 1946 nimmt er sich mit seinen vier Kindern in der Wismarer Atwismarstraße 6 das Leben.

Detlef Schmidt

 

 

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