Kalenderblatt zum 10. Juni

  Bei Wasser und Brot in den Turm…..

Am 10. Juni 1907 wurde der Gefangenenturm „während eines abends gegen 9 Uhr heraufzie-henden Gewitters von einem sogenannten Schlage getroffen, der ein Teil des Daches abdeck-te, dann ins Innere ging und die meisten Zellenwände durchlöcherte. Balken von 10-12 Zoll Stärke wurden an den Enden zersplittert. Die unter dem Dache nistenden Stare wurden vom Blitz erschlagen und samt ihren Nestern auf die Straße geschleudert. Zum Glück fing das am Turm vorhandene Schutzgitter die meisten der massenhaft heruntergefallenen Ziegel auf“, so eine Mitteilung der Wismarer Zeitung über das Ereignis, das sicherlich manchen Anwohner in Schrecken versetzte. Die Schäden wurden sofort beseitigt und einen Monat später war das Dach mit seinen ursprünglichen Ziegeln wieder gedeckt. Die teilweise innen zerstörten Zellen hat man so wieder nicht errichtet, da man sie einfach nicht mehr benötigte. Der Gefangenen-turm war bis zu seinem Abriss am 15. Januar 1962, neben dem heute noch stehenden Wasser-turm am Lindengarten, der zweite noch erhaltene Wehrturm der Wismarer Verteidigungsanla-ge. Diese, bestehend aus einer drei Kilometer langen und etwa ein Meter breiten Stadtmauer, fünf großen Stadttoren und 35 Türmen, schützte die Stadt seit ihrem Baubeginn 1276 und heute ist nur noch ein kläglicher, aber wohl gehüteter Rest da. Die Zeiten von Mauern sind vorbei. Der Gefangenenturm ist im 14. Jahrhundert, ebenso wie der Wasserturm, als Wehrturm erbaut. Während man weiß, dass 1682 der Lindengartenturm zum Wasserturm umgebaut wurde, ist das bei dem Gefangenenturm nicht so ganz klar. Fakt ist, dass der Ratsapotheker und Notar Nikolaus Eggebrecht der 1564 dem Wismarer Superintendenten Freder Gewürz-wein verkaufte. Daraufhin verstarb nahezu die gesamte Familie des Geistlichen und Egge-brecht wurde des Giftmordes beschuldigt und kam erst einmal für 15 Monate in den Gefan-genenturm. Das Kaisergericht in Speyer forderte, dass er „gefänglich eingezogen und in eine böse schwere Gefängnis, im Thurm zu Wismar, bey dem alten Wismar Thor gelegen, gelegt und mit eisernen Ketten an beyden Beinen angeschlossen und an einer grossen und starken Ketten, so an der Mauer festgemachet und nun in die 15 Monate lang, erzehlter gestalterber-mlichen und schwerlichen, mit eisernen Ketten Tag und Nacht angefesselt und gefenglich gehalten“. Der Gefangenenturm wird schon einige Jahre früher als Gefängnis gedient haben und immer wieder begegnet man hier „Banquerotteure und boßhafte Schuldner“, die in den Turm kamen. Auch Handwerker hatten diese Strafe zu spüren wie ein Exkurs bei Wismars Maurern zeigt: Eine Verordnung aus dem Jahr 1584, die gleichermaßen für Maurer, Zimmer-leute und Dachdecker verbindlich war, besagt, dass „durch das Bauen allerhand Unrichtigkeit und Neuerung, der Stadt zum Schaden eingeführet werde“. Wer dabei erwischt wurde, dem drohte eine Gefängnisstrafe. Im Wiederholungsfall hatte der betreffende Handwerker die Stadt zu verlassen. Eine noch ältere Verordnung von 1350 bezieht sich auf den Lohn für die Maurer, den sie vom jeweiligen Auftraggeber erhalten sollten. Danach erhielt der Meister zehn Pfennig und der Geselle acht Pfennig pro Arbeitstag, sowie Frühstück und Mittag. Wurde die Arbeit schlecht durchgeführt, so hatten die Maurer die verrichtete Arbeit kostenlos nachzu-bessern. Konnten sie es aber nicht, so landeten sie gnadenlos im Gefangenenturm. Dies brau-chen unsere Handwerker heute nicht zu fürchten. Der Wismarer Gefangenenturm, der so ein richtiger Kerker war, hatte 1866 ausgedient. Da bekam Wismar mit dem Neubau des Eckhau-ses Scheuerstraße-Kleine-Hohe-Straße (heute FFW Wismar) ein neues Gefangenenhaus, das jedoch nur bis 1879 benutzt wurde. Ein weiteres Gefängnis, eher Untersuchungshaft, befand sich in der Hauptwache am Markt. Hier stand auch der „Kark“, der Pranger, und es war die „Hechte“, Arrestzellen, vorhanden. Beim Neubau der Haupwache, sind vier Arrestzellen ganz oben im Haus eingerichtet worden, die auch bei der letzten Sanierung Berücksichtigung fan-den. Diese Arrestzellen dienten aber auch noch dem in Wismar stationierten Militär. .So sollte 1820 die Frau eines städtischen Beamten an den Pranger, weil „sie sich erlaubet hat, Men-schenkoth auf die Straße zu werfen!“ Sie wurde jedoch zu einer Gefängnisstraße von einem Tag in die „Hechte bey Wasser und Broth“ verurteilt. Für Wismar war das bekannteste Ge-fängnis die Arrestanstalt in der Kellerstraße. Hier stand das 1833 errichtete Städtische Ar-menhaus der Stadt, welches 1890 wegen Baufälligkeit erneuert werden musste und ein Haus-teil dafür für das neue Gefangenenhaus genutzt wird. Nachdem das alte Krankenhaus nach 1909 am Katersteig zum „Altersheim“ eingerichtet war, wurde das Haus zur Arrestanstalt, das am 25. Juli 1925 die Hansestadt Wismar an das Justizministerium in Schwerin verkaufte. Das Grundstück wird am 16.April 1930 mit dem Grundstück des Fürstenhofes vereinigt und 1935 wird das neue Gefangenenhaus in der Kellerstraße eingerichtet. Seit dem 01.Juli 1992 befand sich hier die Jugendarrestanstalt mit 16 Haftplätzen und steht seit geraumer Zeit leer. Der nahezu 600 Jahre alte Gefangenenturm hat seinen Namen als Wehr- und Gefangenenturm alle Ehre gemacht. Kein Krieg, keine Kanone und kein Angriff konnte ihm etwas anhaben. Doch der 25. August 1944 mit dem Angriff US-amerikanischer Bomber auf Wismar, war auch für ihn zu viel. Ohne Dach stand er da und die Vernachlässigung seiner Bausubstanz tat ein Übriges, so dass er am 15. Januar 1962 wegen Baufälligkeit abgerissen wurde. Schade, er hät-te gut in unsere Welt-Erbe Stadt gepasst.

Was sonst noch geschah
12. Juni 1842 Das Porträtbild von Bürgermeister Johann Anton Haupt (1800-1835) vom Wis-marer Maler Carl Düberg (1801 – 1849) wird dem Rathaus übergeben.
12. Juni 1859 Archivrat Dr. Friedrich Techen in der Hegede 7 geboren.
12. Juni 1997 Gründungstag FC Anker Wismar von 1997 e.V..
13. Juni 1850 Ratsschreiber Lorenz nimmt Badeanstalt vor Wendorf (auch „Lorenzhöhe“ ge-nannt) in Betrieb.
14. Juni 1821 Hammersches Badeschiff am Wendorfer Ufer in Dienst gestellt.
14. Juni 1908 Einweihung der schwedischen Seemannsmission im Haus Kleine-Hohe-Straße 26 mit einem kirchlichen Seemannsfest, abgehalten vom schwedischen Pastor Setelius aus Kiel.
15. Juni 1945 400 Beschäftigte produzieren in den Dornier-Werken Aluminiumgeschirr, repa-rieren Landmaschinen und übernehmen Bauarbeiten.
15. Juni 2002 Stadtpartnerschaft mit Kalmar (Schweden).
17. Juni 1991 Seehafen Wismar GmbH gehört nach 44 Jahren wieder der Hansestadt Wismar und zu zehn Prozent dem Land Mecklenburg- Vorpommern.
18. Juni 1859 Gründung der städtischen Feuerwehr.

Detlef Schmidt

 

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