Kalenderblatt zum 10.Mai

  Protest gegen Wahlfälschung in Wismar

Am 10. Mai 1989 wurde in der Wismarer Ostsee-Zeitung das Ergebnis der Kommunalwahl vom 7. Mai verkündet. Diese Wahl und das veröffentlichte Ergebnis, war wohl der letzte Tropfen, der das sprichwörtliche „Fass zum Überlaufen“ brachte. Die Wahlfälschungen waren so offensichtlich und die damals Verantwortlichen sich so sicher, dass sie mehr wie dreist das Volk belügen konnten. Das Jahr 1989 stand in Wismar von Beginn an unter dem Zeichen der Kommunalwahlen im Mai. So jedenfalls konnte man den Eindruck gewinnen, wenn man die Medien verfolgte. Die Wahlen waren omnipräsent und sollten als klares Bekenntnis zur Politik der SED und der gleichgeschalteten Nationalen Front dienen. Dass dies anders kam, ahnte von den Beteiligten niemand. Die am 7. Mai 1989 abgehaltenen Kommunalwahlen sollten natürlich ein überwältigendes Ergebnis bringen, was auch gelang, jedoch mit Manipulationen. Erstmalig haben Bürger sich an der Auszählung beteiligt und stellten Unregelmäßigkeiten fest, die sie auch in Eingaben monierten. Oftmals wurden sie daran gehindert, obwohl nach dem DDR-Wahlgesetz die Stimmauszählung öffentlich war. In so gut wie allen Wahlkreisen wur-den von den Beobachtern deutlich mehr Neinstimmen registriert als offiziell bekanntgegeben. Man frage sich heute einmal was wohl gewesen wäre, wenn die DDR-Oberen zwei bis drei Prozent von ihren 99 Prozenten hätten als Gegenstimme gehabt? Nein, ihre Starrsinnigkeit war natürlich auch der letzte Anstoß zum Zusammenbruch eines nicht mehr überlebensfähigen Gesellschaftssystems. 98,5 Prozent Zustimmung für die Kandidaten der Nationalen Front war das Ergebnis, das heute viele schmunzeln lässt und doch war dieses auch nach den offiziellen Wahlergebnissen das schlechteste in der Geschichte der DDR. Bei den Volkskammerwahlen hatte es meist über 99 Prozent Zustimmung gegeben. Ein absoluter Nachweis der Fälschung gelang für den Berliner Stadtbezirk Weissensee, da hier die bei der Auszählung dokumentierte Zahl der Nein-Stimmen höher lag als die offiziell angegebene. Informationen.
Es war schon eine eigentümliche Stimmung, die in diesem Jahr herrschte. Da wurde von oben Euphorie verordnet und um den Wismarer Markt gingen die Ausreisewilligen provokativ „spazieren“. Machte man unter Nachbarn und Kollegen noch ab und zu Späße und kleine Wit-ze über die da „oben“, so verschwanden diese völlig. Dem Volk schien der Witz abhandenge-kommen zu sein oder sie hatten ihn schließlich satt!
Die Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989 verliefen in Wismar ruhig. Es werden für die Stadt-verordnetenversammlung 137 Abgeordnete und 46 Nachfolgekandidaten gewählt. Das end-gültige offizielle Wahlergebnis der Wismarer Kommunalwahl wird am 10. Mai verkündet: Von 44.244 Wahlberechtigten haben 43.757 ihre Stimme abgegeben. 17 Stimmen waren un-gültig und 218 stimmten gegen den Wahlvorschlag. 137 Abgeordnete und 46 Nachfolgekan-didaten wurden zur Stadtverordnetenversammlung Wismar bestätigt. Im Nachhinein wurden zwölf Bürgereingaben gegen die Wahl und wegen Unregelmäßigkeiten abgegeben. Daraufhin konstituierte sich die Stadtverordnetenversammlung am 1. Juni und bestätigte Oberbürger-meister Günter Lunow in seinem Amt. Alle Wahlunterlagen, wie Wählerlisten, Wahlscheine, Wahlniederschriften, Protokolle und Meldevordrucke, werden laut Protokoll zwischen dem Wismarer Rat und der Papierfabrik am 7. Juli 1989 in der Papierfabrik am Rothentor vernich-tet.
Zwischenzeitlich begann der Ansturm von Ausreisewilligen DDR-Bürgern über Tschechien, Ungarn und auch Polen für die DDR-Führung bedrohliche Ausmaße anzunehmen. Die SED wurde durch einen vorher so nie gekannten Mitgliederschwund nervöser und in ihren Hand-lungen hektischer. In dieser Situation gründete sich die erste oppositionelle Wismarer Bewe-gung, die „Initiative 89“ und das Neue Forum wird im September 1989 aktiv. Beiden Bewe-gungen ist es zu verdanken, dass der offene Widerstand einen geordneten Verlauf nahm. Zwar referierte der 1. Sekretär der Wismarer SED Kreisleitung, Hans-Jürgen Große-Schütte am 23. Oktober 1989 für einen Kampf gegen das Neue Forum, doch das „Protest-Eis“ war längst gebrochen. Schon am 25. Oktober begannen die Dialogveranstaltungen, zunächst im Rathaus und später in der Sporthalle. Am 31. Oktober 1989 ruft das Neue Forum zu einem Treff zum Reformationstag in die St.-Nikolaikirche auf. Thomas Beyer vom Neuen Forum spricht erstmals zu den Wismarer Bürger und die politische „Wende“ verläuft in einer rasanten Geschwindigkeit.
Am 13. September 1990 erließ der Staatsanwalt des Kreisgerichtes Wismar einen Strafbefehl gegen Günter Lunow als Vorsitzender der Wahlkommission Wismar. Er hatte in dieser Funk-tion nach Vorgaben der Rostocker Bezirkswahlkommission die Wahl so zu beeinflussen, dass die Befürworter Stimmen herauf und die Gegenstimmen herunter manipuliert wurden. Der Strafbefehl gegen Oberbürgermeister Günter Lunow belief sich auf 1.500 DM und damit war dem Gesetzgeber Genüge getan, der damit feststellte, dass die Wismarer Kommunalwahl vom 7. Mai 1989 verfälscht war. An der bewussten Fälschung waren sicherlich viele beteiligt, aber einer musste die Verantwortung übernehmen.

Was sonst noch geschah
11. Mai 1882 Kauf der abgebrannten Papiermühlen am Wallensteingraben am Rothen Tor durch den Wismarer Kaufmann Gustav Marsmann, der hier eine neue Papierfabrik erbau-te.1948 wurde diese Fabrik verstaatlicht, der letzte Eigentümer Heinrich Marsmann verzog in den westlichen Teil Deutschlands.
12. Mai 1826 Ferdinand Gustav Michaelis als Sohn des Weinhändlers F.G. Michaelis geboren Hinter dem Rathaus 3. Er verstarb am 3. Januar 1891..
12. Mai 1945 Die Engländer veranstalten eine Siegesparade auf dem Markt.
13. Mai 1785 Historiker Friedrich Christoph Dahlmann in Wismar geboren.
14. Mai 1881 Rudolph Karstadt eröffnet sein erstes „Tuch-, Manufactur- und Confectionsge-schäft“ in der Krämerstraße 7 unter dem Namen seines Vaters Christian (in Mecklenburg durf-te man erst mit 25 Jahren ein eigenes Unternehmen gründen).
14. Mai 2001 Der Rudolph-Karstadt-Platz erhält seinen Namen.
15. Mai 1993 Der Wismarer Buchhändler und Antiquar Hermann Rhein ist verstorben. Er wurde am 3.11.1906 in Regensburg geboren.
16. Mai 1903 Zustimmung des schwedischen Reichstages zur Regierungsvorlage der Rück-gabe Wismars an Mecklenburg.

Detlef Schmidt

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