Kalenderblatt zum 10. November

Sage nicht, dass du es nicht gewusst hast……..

In den frühen Morgenstunden des 10. November 1938 wurden in Wismar die Schaufenster der jüdischen Geschäfte vom Damenwäschehaus Lindor, Geschenkartikel Löwenthal und Schuhgeschäft Blass zerstört. Das Kaufhaus Karseboom war inzwischen schon „arisiert“. Der „Niederdeutsche Beobachter“ schrieb am 11. November 1938, dass alle Wismarer Juden in Schutzhaft sind und einem Verhör unterzogen wurden. Dazu gehörte auch der international geachtete Veterinär Dr. Wilhelm Leonhardt, der am Fürstengarten, neben dem Haus von Sella Hasse, wohnte. Er hatte in seinem Fachgebiet Erfindungen veröffentlicht, die auch patentiert wurden. 1941 kam er in das KZ Sachsenhausen, wo er am 13. Juni 1942 verstarb. Dr. Leopold Liebenthal verstarb am 30. November 1938 geschwächt durch Gestapoverhöre. Einzig die Eigentümer des Schuhgeschäftes Blass in der ABC-Straße 14 konnten sich durch Flucht nach England retten.

Vorausgegangen war seit der Machtergreifung der Nazis in Wismar am 8. März 1933 eine beispiellose offen zu Tage tretende Hetze gegen Juden und Andersdenkende.   Durch das jahrhundertelange Verbot, dass Juden sich nicht in Wismar ansiedeln durften, gab es keine eigene jüdische Gemeinde in Wismar. Erst am 4. Oktober 1867 beschließt der Wismarer Rat einstimmig, dass Juden den ungehinderten Zugang und Zuzug zur Stadt haben.

Mit Beginn der Nazizeit verschärft sich die Hetze auf Juden und wird somit zur Staatsdoktrin erhoben. Schon am 9. März 1933, einen Tag nachdem man den demokratisch gewählten Bürgermeister Dr. Brechling davongejagt hatte, hetzt der spätere Nazi-Oberbürgermeister Alfred Pleuger vom Rathausbalkon gegen die Juden. Am Abend des 31. März 1933 hielt Pleuger wiederum eine Rede vom Balkon des Wismarer Rathauses mit dem Thema „Gräuelpropaganda und Juden in Deutschland“, indem er sagte: „Der Kampf gegen die jüdische Ware soll so lange geführt werden, bis die Juden in Deutschland ihre Rassegenossen im Ausland dazu bewogen haben, den verbrecherischen Kampf, der mit den verwerflichen Verleumdungsmitteln geführt wird, einzustellen.“ Am anderem Tag, 1. April 1933 schloss sich die Wismars SA in die reichsweiten Boykott-Aktionen ein. Das „Wismarer Tageblatt“ schrieb dazu: „Vor den betreffenden Geschäften, die geschlossen blieben, standen SA-Leute mit Plakaten, die die Käufer über den Zweck des Abwehrkampfes aufklärten.“ Zu den Geschäften gehörten Kaufhaus Karseboom, Hinter dem Rathaus 17, das Schuhwarengeschäft Blass, ABC-Straße 14, sowie die von Isidor Cohn, Herrenkonfektion in der Bohrstraße 1, das Geschenkegeschäft Löwenthal, Hinter dem Rathaus 27 und Lindor, Fachgeschäft für Damenwäsche und Strümpfe, Hinter dem Rathaus 12, in der Krämerstraße 3 befand sich das Schuhgeschäft von Herrmann Frisch und Fischel Rosenberg hatte ein Konfektions- und Schuhwarengeschäft in der ABC-Straße 26, das Schuhhaus Lewinski war in der Dankwartstraße 14. Damit war der Boden in Wismar für die nächsten Aktionen gut vorbereitet. Mit der Aufstellung eines Prangers am 14. August 1935 auf dem Marktplatz geht die Entwürdigung andersdenkender Menschen weiter. Es werden Bilder von Wismarern und Juden aufgehängt, die gegen die Ideologie der Nationalsozialisten verstießen. Im Juni 1933 waren noch 23 Bürger jüdischen Glaubens in Wismar anwesend, wogegen 1937 es nur noch zwölf jüdische Bürger in Wismar gab. Ende 1942 lebten nur noch vier jüdischen Frauen in der Stadt, wovon drei Frauen durch eine Mischehe etwas geschützter waren. Im November 1942 wurde Gertrud Bernhard nach Theresienstadt deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet

Am 10. November 1938 kam es zu einem großen „Protestmarsch“ gegen die Juden, an den 15.000 Wismarer teilnahmen. Das war in etwa die Hälfte der Einwohnerzahl und wenn man bedenkt, dass Wismar jahrelang eine Hochburg der Sozialdemokraten gewesen ist, ist das schon sehr bedenklich. Losungen wie „Juda verrecke“ oder „Hinaus mit den Juden“ stand auf den mitgeführten Losungen und wurden lautstark skandiert. Im „Protestzug“ wurden auch zwei symbolische Galgen mitgeführt, an denen schon vorsorglich zwei Strohpuppen als Juden hingen. Diese Galgen blieben dann symbolisch auf dem Marktplatz. Spätestens seit dieser Zeit konnte sich kaum ein Wismarer später herausreden, dass er von den Judenverfolgungen nichts mitbekommen hat. Unter der Überschrift „Judengalgen“ auf dem Markt berichtete das Wismarer Tageblatt am 11. November ausführlich über die Geschehnisse: „Unter Beifall der Wismarer verkündete NSDAP-Kreisleiter Dahl, das die Juden ihren Schaden nicht ersetzt bekommen und verkündete stolz unter tobenden Beifall, dass alle Wismarer Juden hinter „Schloß und Riegel“ sitzen…wieder sei man der restlosen Erfüllung des Parteiprogrammes mit der vergangenen Nacht und diesem Tage ein Stück näher gekommen und so werde es in den nächsten Jahren weiter gehen….“ Wie das nun ausging, wissen wir zur Genüge und doch gibt es heute wieder Menschen, die dieser Ideologie nachlaufen!

Detlef Schmidt

 

 

 

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