Kalenderblatt zum 10. September

Wismars Scharfrichter verrichtete letzte Hinrichtung 

Am 10. September 1799 wurde auf Anordnung des Wismarer Rates der 14jährige Hütejunge Caspar Schwartzkopff auf dem Marktplatz öffentlich hingerichtet. Vorausgegangen ist eine Tat, die ein Jahr zurückliegt. Es war der 25. August 1798, als Caspar Schwartzkopff wie jeden Morgen die Kühe des Bauern Jakob Allwardt auf die Pachtweide vor dem Altwismartor trieb.  Hierher kam auch sein Freund Gottfried Allwardt, der Sohn des Bauern. Um sich die Langeweile zu vertreiben begannen sie zu spielen und mit dicken Holzstangen „fechteten“ sie. Wie sich später herausstellte waren die beiden Jungen so vertieft und plötzlich sackte der junge Allwardt zusammen undblieb mit einer großen Kopfplatzwunde regungslos am Boden liegen. Sofort ließ Caspar alles liegen und stehen und kniete neben Gottfried, um ihn aufzuhelfen. Doch der rührte sich nicht. Da half kein Schütteln und Rufen – Caspar hatte Gottfried beim Spielen erschlagen! Nach dem ersten Schrecken nahm Caspar die silbernen Schnallenschuhe des Opfers an sich und flüchtete

Als am Abend Caspar nicht mit den Kühen in der Baustraße erschien, machten sich die Knechte von  Jakob Allwardt und die Wismarer Büttel auf den Weg, um nach dem Rechten zu sehen. Sie entdeckten die grausige Tat und suchten nach Caspar Schwartzkopff. Diesen entdeckten die städtischen Büttel am nächsten Tag schlafend unter einem Baum.

Schnell hatte sich die Tat in der Stadt herum gesprochen. Die Leute standen stumm an den Straßen und schüttelten über den vermeintlichen jungen Mörder den Kopf. In der Hauptwache mit den beiden Linden vor der Tür auf dem Markt war die Hechte, das Stadtgefängnis und hier wurde Caspar  hingebracht. Da diese Straftat im schwedischen Wismar dem städtischen Gericht unterstand und nicht dem Tribunal, wandte sich Jacob Allwardt an den Rat und an den beauftragten Richter Samuel Ehrenreich Gertz, um mit seiner Anklage Sühne für den Mord zu erlangen. Samuel Gertz ließ sich Caspar Schwartzkopff vorführen und befragte ihn eindringlich, wobei dieser ihm den Tathergang schilderte und er immer wieder seine Unschuld beteuerte. Nach erneuter Befragung gab Caspar Schwartzkopff zu, die Schnallenschuhe an sich genommen zu haben und Richter Gertz schüttelte den Kopf. Wenn er vorher noch von einem Unglücksfall überzeugt war, so war dieser Tathergang, Totschlag mit Raub. Darauf stand die Todesstrafe durch den Henker!

Samuel Gertz holte sich Rat im schwedischen Tribunal am Fürstenhof und es ging doch nicht so schnell wie manch einer sich das gedacht hatte. Dazu war Richter Gertz zu gründlich. Er befragte Dienstboten, Bürger und andere Leute, die die beiden Jungen kannten und erhielt schnell ein Bild davon, dass es tatsächlich nur ein Unfall war – wenn nicht, ja wenn nicht die Sache mit den silbernen Schnallenschuhen wäre. Über die Untersuchungen war der Winter vorüber gegangen und das Frühjahr 1799 brach an. Die Familie des Opfers drängte auf ein Urteil haben und Richter Gertz lud zur Verhandlung in die Gerichtslaube im Rathaus. Dort hatten alle Beteiligten das Recht eine Aussage zu machen, auch Caspars Eltern. Caspar Schwartzkopff ließ den Kopf hängen und meinte nur, dass es ihm so leid täte und wie das mit den Schuhen passieren konnte, kann er sich auch nicht erklären. Richter Gertz kam auch zu der Ansicht, dass es ein tragischer Unglücksfall wäre, doch durch die Entwendung der Schuhe wurde daraus ein Raubmord. Nach eingehender Beratung mit den Gerichtsbeisitzern verlas Samuel Ehrenreich Gertz das Urteil: Tod durch Enthaupten!

Lange hatte der Wismarer Henker, der in der Frohnerei „bi de rakkemuren“, dem unteren Teil der Papenstraße an der Stadtmauer, wohnte, nichts mehr zu tun gehabt. Dass er jetzt sein letztes Werk vollbringen sollte, wusste er aber auch nicht. Bleich und teilnahmslos nahm Caspar. Da die Todesstrafe lange nicht angewandt wurde, wurde durch den Wismarer Rat eine Revisionsberatung anberaumt. Doch auch hier kam man zu keinem anderen Urteil.

Der „Ehrbare Rat zu Wismar“ ließ am 2. September 1799, ein Jahr nach der Tat, öffentlich verkünden, dass am  10. September 1799 vormittags um 10 Uhr auf dem Marktplatz „der Hütejunge Caspar Schwartzkopff mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht werden solle“ Gleichzeitig wurde in der Verordnung sicherheitshalber darauf hingewiesen, „den gemachten Anordnungen zur Ruhe und Stille bei dieser traurigen und feierlich schauerlichen Handlung die Hand zu bieten, damit auch hierdurch der Zweck der Abschreckung erreicht werden möge“. Alles Lärmen und Drängen wurde verboten.

Die Bürgerwache war mit Gewehr aufgezogen und der Richtblock war mitten auf dem Markt aufgestellt. Zusammen mit dem Priester wurde Caspar  durch die Kohlenmesser vor die Hauptwache geführt und dann durch die sich bildende Menschengasse zum Richtblock. Caspar musste mehr hochgetragen werden, als das er gegangen ist und ohne weitere Worte legte er seinen Kopf auf dem Richtblock. Der Henker versah schnell sein Handwerk und trennte Kopf und Rumpf des jungen Caspars. Draußen vor den Toren der Stadt, auf dem Schindacker durften die Eltern ihren Caspar ohne geistlichen Beistand begraben. Hier wurden nur Selbstmörder, Mörder, Verbrecher oder Menschen mit sogenannten unehrlichen Berufen, wie die öffentlichen Dirnen aber auch die Henker, begraben. Sie hatten kein Recht auf ein christliches Begräbnis innerhalb der Stadtmauern auf den Gottesäckern um den Kirchen Wismars. Über ein Jahr hatte man sich Zeit genommen, um Recht zu sprechen und war doch zu keinem anderen Ergebnis gekommen. Dies ist nicht gerade gewöhnlich. Auch damals galt das Recht der Unschuldsvermutung, trotz der immensen Standesunterschiede. Dies Ereignis wäre nicht in die Geschichte Wismars eingegangen, wenn es nicht die letzte Hinrichtung in Wismar gewesen wäre. Der Scharfrichter bekam nie wieder solche Aufgaben und die Frohnerei versah ihren Dienst auch ohne Scharfrichter.

Was sonst noch geschah

  1. September 1300 Heinrich der Löwe einigt sich mit dem Rat auf den Abbruch des Schlosses auf dem Weberkamp und dem Neubau eines unbefestigten Hofes in der Stadt.
  2. September 1984 Umbenennung des Turnplatzes in Gottlob-Frege-Platz.
  3. September 1998 Gründung der Bürgerstiftung Wismar.
  4. September 1998 Eröffnung und Übergabe der Westtangente mit Verkehrsfreigabe.
  5. September 1816 Fürst Leberecht von Blücher ist Gast im Hotel Stadt Hamburg.
  6. September 1945 Beschluss des Rates, die Schulen wegen mangelnden Heizmaterials und anderweitiger Belegung der Gebäude noch nicht zu eröffnen.
  7. September 2002 Das leerstehende Haus des ehemaligen Hotels Zur Sonne stürzt ein. Der Wiederaufbau beginnt. Der alte Saal wurde erhalten und saniert.
  8. September 1653 Erster Gerichtstag des Wismarer Tribunals.
  9. September 1816 In Wismar findet das erste mecklenburgische Musikfest mit der Aufführung von Joseph Haydn „Die Schöpfung“ in St. Nikolai statt, mit dabei 100 Sängern als Mitwirkende.
    12. September 1893 Erste Ausgabe der 2. Wismarer Tageszeitung „Mecklenburgische Ostseezeitung“, die ihr Erscheinen im Mai 1894 einstellte.
  10. September 1935 Neue „Hauptsatzung für die Seestadt Wismar“ tritt in Kraft. Wismar hat einen Oberbürgermeister.
  11. September 1999 Bundespräsident Johannes Rau eröffnet in Wismar die zentrale Eröffnungsveranstaltung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz zum Tag des offenen Denkmals 1999.
  12. September 1832 Neuordnung des Stadtbuchwesens , Bürgermeister Anton Haupt`s letzte Reform.
  13. September 1945 Befehl der SMA Schwerin – Der Unterricht in Mecklenburg-Vorpommern hat am 1. Oktober zu beginnen.
  14. September 1945 Der Postbetrieb wird wieder aufgenommen.
  15. September 1946 Mit den „Wismarschen Nachrichten“ erscheint erstmalig nach dem Krieg wieder eine Zeitung.
  16. September 1831 Rat und Quartiere entscheiden sich für einen neu angelegten Friedhof vor dem Mecklenburger Tor.

Detlef Schmidt

 

 

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