Kalenderblatt zum 12. August

Vom Provisorium zum Denkmal

Am 12. August 1951 weihte der Landesbischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche, Niklot Beste, die Neue Kirche für die durch den Krieg ausgebombten Gemeinden von St. Marien und St. Georgen am St.Marien-Kirchplatz ein. Neben den bauhistorischen Aspekten, steht sie wie kaum ein anderes Gebäude symbolhaft als Mahn- und Denkmal für sinnlose Zerstörungen.
Als am 14. April 1945 das Gotische Viertel mit den beiden Kirchen St. Marien und St. Georgen und auch das Pfarrgehöft von St. Marien mit der Superintendentur schwer und teilweise unwiederbringlich zerstört wurden, war es auch ein schmerzlicher Verlust für viele gläubige Christen in schwerer Zeit. In Wismar suchten viele Flüchtlinge Schutz und die Bevölkerungszahl stieg nach Kriegsende sprunghaft an. Wohnungsnot und eine schlechte Versorgungslage erschwerte das Zusammenleben. Hier war seelischer Beistand oft das einzige Mittel zur Linderung. St. Marien und St. Georgen waren wegen der Zerstörungen nicht mehr nutzbar, jedoch war der Gedanke an einem Wideraufbau bei allen Beteiligten völlig klar. Gottesdienste fanden in Notunterkünften, wie etwa in der Koch´schen Stiftung oder auch im Schwarzen Klosters in der Mecklenburger Straße statt. Nach vielen Gesprächen und der Suche nach geeigneten Objekten und Bauplätzen für einen vorläufigen Kirchenbau wurde der Platz auf dem zerstörten Pfarrhaus von St. Marien vorgesehen. In Deutschland hatte Otto Bartning, ein ausgewiesener Architekt sakraler Bauten, einen Kirchentypenbau entworfen, mit dem man mit einfachen Mitteln in Elementarbauweise einen Kirchenneubau verwirklichen konnte. Wegen des durch Kriegseinwirkungen entstandenen akuten Mangels an geeigneten Kirchenräumen, wurden diese in das Kirchenbauprogramm der Evangelischen Kirche in Deutschland aufgenommen. Es wurden 43 Kirchen errichtet, wovon heute noch die meisten in Gebrauch sind.
Zunächst war vorgesehen, dass Teile des noch stehenden Pfarrhauses mit in den Neubau integriert werden sollten, was jedoch vom Architekten verworfen wurde. Letztendlich gab die Stadt „grünes Licht“ und am 17. August 1950 war die Baugenehmigung vorhanden, doch erst am 6. Oktober 1950 erhielt das Wismarer Bauunternehmen Sengebusch die erforderliche Baufreigabe. Ausschlaggebend für die Erteilung der Baugenehmigung war auch, dass der Kirchenbau durch die Evangelische Kirche in „Westmark“ bezahlt wurde und kein Material aus dem Aufbauprogramm der Stadt vergeben wurde. Die Stadt Wismar stellte für die notwendige Baufreiheit 10.000 Mark zur Verfügung. Sofort setzte unter den Gemeindemitgliedern eine Hilfsaktion für „ihre“ Kirche ein. Zahlreiche Helfer waren auf der Baustelle anzutreffen, um Steine zu bergen und abzuputzen. Man nahm jedoch nur Steine vom Pfarrgehöft, denn entgegen manchen Äußerungen, wurden von St. Marien, bis auf wenige Ausnahmen, keine Steine genommen. Die wollte man wieder aufbauen und da brauchte man jeden Stein! Dass diese dann zehn Jahre später nach der brutalen Sprengung von St. Marien mit einer Steinmühle zermahlen wurden, ahnte von den vielen Helfern keiner.
Am 1. Januar 1951 legte Mecklenburgs Landesbischof Dr. Niklot Beste den Grundstein für die Neue Kirche, um ein deutliches Signal für den Aufbauwillen zu setzen. Für die Bauarbeiten bedeutete es einen Schub. Die Maurer setzten alles daran, schnell die Außenmauern zu setzen und die Zimmerleute konnten die vorgefertigten Bauteile des Daches einbauen. Im Mai 1951 wurde Richtfest gefeiert und als zusätzliche Belohnung erhielt jeder Bauhandwerker einen Kuchenstollen, die von der Kirchgemeinde „organisiert“ wurden. Einen Lohn, der zur damaligen Zeit nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.
Der Innenausbau ging zügig vonstatten, Kanzel und Altar wurden handgemauert und nach einigen Suchen konnte eine ehemals schadhafte Orgel aus der Kirche von Holzendorf für den Gemeindegesang eingebaut werden. Aus St. Georgen war der wertvolle Passionsaltar aus dem 15. Jahrhundert mit einem gemalten Triptychon gerettet worden und befindet sich seit dem in der Neuen Kirche.
Der große Tag der Weihe war am 12. August 1951. Landebischof Dr. Niklot Beste hielt den Weihegottesdienst und die Kirche konnte die Gäste gar nicht alle fassen. Auf dem Platz vor der Kirche waren Lautsprecher angebracht, die den Gottesdienst übertrugen. Symbolisch hatten sich von den provisorischen Gottesdiensträumen die Gemeindemitglieder zu einem Zug zu ihrer Kirche aufgemacht und Pastor Radtke öffnete feierlich die Kirchentür.
Der ebenfalls eingeladene Otto Bartning konnte leider aus terminlichen Gründen nicht bei der Einweihung seiner letzten „Notkirche“ dabei sein. 83.000 DM kostete der Kirchenneubau, wovon alleine 14.000 DM durch Spenden aufgebracht wurden.
Seither wurden hier unzählige Gottesdienste gehalten, Hochzeiten, Konfirmationen und Taufen durchgeführt und seelsorgerische Arbeit geleistet. In einem bemerkenswerten Gottesdienst wurde am 24. Oktober 1982 das von den Altschülern der Großen Stadtschule finanzierte Glockenspiel von St. Marien geweiht.
In einem haben sich die Wismarer von 1951 geirrt. Sie dachten, nach ein paar Jahren diese Kirche wieder zu entfernen, denn dann wäre St. Marien und auch St. Georgen wieder für Gottesdienste offen, so die Hoffnung. Spätestens am 6. August 1960, als die erste Sprengung an St. Marien durchgeführt wurde, platzte diese Vision und St. Georgen konnte nach einer beispiellosen Aufbauarbeit erst am 8. Mai 2011 seiner Bestimmung übergeben werden. Zukünftige Generationen werden uns dankbar sein, dass wir ihnen diese Kirche zur Nutzung erhalten haben. Die Neue Kirche ist aber neben ihrer ureigenen sakralen Bedeutung ein bleibendes Denkmal gegen Krieg und Zerstörung.

Was sonst noch geschah
13. August 1951 Demontage des Seegrenzschlachthauses im Hafen.
14. August 1670 David Mevius gestorben.
14. August 1935 Aufstellung eines Prangers (Marktplatz bei Trinkhalle) durch die Nationalsozialisten. Es werden Bilder von Wismarern und Juden aufgehängt, die gegen die Ideologie der Nationalsozialisten verstießen.
14. August 1711 Beginn der ersten Belagerung der Stadt durch die Dänen im Nordischen Krieg.
14. August 1945 Der Kindergarten in der Neustadt 24 wird vom Wohlfahrtsamt übernommen und wiedereröffnet.
15. August 1929 Der Stralsunder Museumsdirektor, Dr. Adler, hat die Konzeption und Ordnung des Museumsbestandes übernommen. Das Museum in der renovierten Alten Schule wird zur 700-Jahr Feier Wismars der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
15. August 1952 Die OSTSEE-ZEITUNG erscheint erstmalig und ist Wismars einzige regionale Tageszeitung.
15. August 1991 Gründung der Stadtwerke Wismar GmbH.
15. August 1948 Einweihung des Ehrenfriedhofes der Roten Armee für 348 gefallene Militärangehörige auf dem Wischberg.
16. August 2003 Eröffnung und Übergabe der Osttangente mit Verkehrsfreigabe.
17. August 1880 Einweihung der Knaben-Bürgerschule. Die Kirche wurde abgerissen und der Chor blieb für Turnhalle und Aula erhalten. Seit 1948 ist es die Gothe -Schule, heute IGS Johann Wolfgang von Goethe-Schule.
18. August 1906 Richtfest an der höheren Töchterschule am Turnplatz.
19. August 1949 Umbenennung des Schützenweges in Ernst-Thälmann-Straße.
19. August 1803 Wismar kehrt aus schwedischer Herrschaft nach Mecklenburg zurück.
19. August 1993 Aufstellung des Schwedensteines von 1903 in der Straße Am Schwedenstein. Einweihung mit Bürgermeisterin Dr. Rosemarie Wilcken.
19. August 1997 Aufstellung von zwei Kanonen aus Landskrona vor dem Stadthaus auf Initiative des Lions Club Wismar.
19. August 1967 Heimatforscher Dr. Rudolf Kleiminger gestorben.
19. August 1796 Aufenthalt Wilhelm von Humboldt in Wismar im Hotel Stadt Hamburg.

Detlef Schmidt

 

 

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