Kalenderblatt zum 12. Februar

Sella Hasse in Wismar 

Am 12. Februar 1878 wurde in Bitterfeld die spätere Malerin und  Grafikerin Sella Hasse geboren. 20 Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Wismar und schuf hier eine Reihe ihrer bedeutendsten Werke. Es war auch wohl die produktivste Zeit ihres künstlerischen Lebens. Sie wuchs in Berlin auf und nach Schulabschluss bekam sie privaten Mal- und Zeichenunterricht bei so bekannten Lehrern wie Walter Leistikow und Lovis Corinth. 1902 lernte sie Käthe Kollwitz in der Malklasse des Berliner Vereins der Künstlerinnen kennen. Käthe Kollwitz beeinflusste die junge Sella Hasse sehr stark, was man an ihren zahlreichen sozialkritischen Druckgrafiken ihres künstlerischen Schaffens erkennen kann. 1899 heiratete Sella Hasse den Mathematiker und Chemiker Robert Hasse. Im gleichen Jahr wurde auch ihre Tochter Hanne geboren. 1904 zog die Familie Hasse aus beruflichen Gründen nach Hamburg. 1908 wurde in Wismar durch Robert Schmidt die private Ingenieur Akademie in der Neustadt in der ehemaligen Mädchen Volksschule gegründet und nahm ihren Betrieb auf. Dazu wurden tüchtige Lehrer in den Naturwissenschaften gesucht. Robert Hasse erhielt hier eine Anstellung und wurde später zum stellvertretenden Direktor berufen. Die Familie zog von Hamburg nach Wismar. Zunächst wohnte die kleine Familie am Dahlberg, ehe sie 1913 das Haus Fürstengarten 7, heute Goethestraße7, erwarben und hier einzogen.

Dieses Villenwohnviertel ist planmäßig ab 1905 geplant und entwickelt worden, was man heute noch an den Zuschnitt der Grundstücke und Straßen erkennen kann. Der Straßenname „Fürstengarten“ geht auf das hier ehemals dem mecklenburgischen Fürstenhaus gehörende Land zurück, das für die Hofküche als Garten genutzt wurde. Erst 1896 konnte die Stadt Wismar das gesamte Gelände übernehmen, als der 1897 fertiggestellte Wasserturm auf „herzogliches Dominium“ gebaut werden musste.

Sella Hasse unternahm von Wismar mehrere künstlerische Reisen, so 1912 an die Academie Suisse nach Paris und 1926 für mehrere Monate nach Paris zum Studienaufenthalt. 1919 verstarb ihr Mann Robert Hasse. Er wurde auf dem Wismarer Friedhof beerdigt, der späteren Familiengrabstelle. Einen weiteren Schicksalsschlag musste die Künstlerin 1928 hinnehmen, als ihre Tochter Hanne verstarb. Danach gestaltete Sella Hasse die Familiengrabstelle in der heute uns noch bekannten Anlage um. Auf dem Grab eine Grabplatte ihres Mannes und in den gebrannten Klinkerstelen die Ansicht ihrer Mutter Emma Schmidt, die ebenfalls in Wismar bei der Familie wohnte, in der Mitte Sella Hasse und rechts die Tochter Hanne Hasse. Es ist eine Kleinarchitektur des Expressionismus. Sella Hasse hat 1928 schon vorsorglich diese Grabstelle für sich und auch ihre noch lebende Mutter, die 1936 verstarb, gewählt. Wismar war der Künstlerin ans Herz gewachsen. Hier wollte sie neben ihrem Mann und ihrer Tochter begraben werden. Eindrucksvoll ihr kurzes Zitat zum Inhalt der Hansestadt: „Die dominante Backsteingotik gibt noch immer, wie vor vielen Jahrhunderten, der Stadt Charakter und Würde. Ein unermessliches, nicht mehr errechenbares Viel von Ziegelsteinen ist hier in wundervoller Gesetzmäßigkeit gehäuft und gestapelt.“ Das Arbeitsleben, die sozialen Umstände im Milieu, die Architektur der Backsteine ob das Chilehaus in Hamburg oder die gotischen Backsteinkathedralen der Hansestädte waren beliebte Motive und kommen in ihren zahlreichen Linolschnitte und Druckgrafiken vor. Charakteristisch auch der künstlerische unübersehbare Einfluss von Käthe Kollwitz, wobei Sella Hasse durchaus eigene künstlerische Akzente setzte.

1930 verzog Sella Hasse mit ihrer Mutter nach Berlin. Nach der Machtergreifung der Nazis wurde es schwer für das künstlerische Wirken Sella Hasses. 1937 wurden ihre Werke als „entartet“ eingestuft und zahlreiche Werke von ihr beschlagnahmt, was einem Berufsverbot gleichkam. Sie verließ 1943 Berlin und zog sich in den Elsass zurück. Nach Kriegsende kehrte sie wieder nach Berlin zurück und blieb auch im sowjetischen Sektor der geteilten Stadt. Von Seiten der DDR erhielt sie die notwendige Anerkennung ihrer Werke. Ab 1947 machte sie künstlerische Studien in Betrieben, unter anderem im Stahl- und Walzwerk Hennigsdorf. 1951 erlitt sie durch einen Unfall eine Lähmung und gab ihr künstlerisches Schaffen auf. 1955 wurde sie Ehrenmitglied im Verband Bildender Künstler und Mitglied der Akademie der Künste. 1962 wurde sie mit dem Käthe-Kollwitz-Preis geehrt. Am 27. April 1963 verstarb Sella Hasse in Berlin und wurde in Wismar in ihrer 1928 gestalteten Grabstelle beigesetzt. Schon 1954 hatte sie für die Erhaltung der Grabstelle vorgesorgt, indem sie der Wismarer Friedhofsverwaltung anbot, für die Erhaltung und Pflege der Familiengrabstelle, Grafiken und Gemälde zu überlassen. Heute sind im Wismarer Stadtgeschichtlichen Museum 78 Ölbilder, 250 Aquarelle, etwa 1000 grafische Arbeiten und nahezu 100 Skizzenbücher verwahrt. Das Museum verwaltet einen großen Teil des grafischen und persönlichen Nachlasses der Künstlerin. Dazu gehören neben der Kunst wie Gemälde, Linolschnitte, Zeichnungen, Skizzenbücher usw. auch Möbel, Haushaltsgegenstände und ein umfangreicher Briefwechsel. Es ist der Künstlernachlass Sella Hasse, der auch einer regelmäßigen wissenschaftlichen Bewertung unterzogen wird. Wismar ehrt die Künstlerin mit der Benennung einer Straße im Wohngebiet Friedenshof.

Was sonst noch geschah:

12. Februar 1995 Eröffnung des Technologie- und Gewerbezentrum Wismar mit Haus 1-3, Phillip-Müllerstraße.
13. Februar 1544 Fertigstellung der neuen, astronomischen Monumentaluhr hinter dem Haupt-altar in St. Marien.
13. Februar 1903 Einweihung des Offizierskasinos für das Wismarer Offizierskorps im ehema-ligen Hause des Baumeisters Heinrich Thormann am Lindengarten, Altwismartor.
13. Februar 1849 Wilhelm Voigt (der „Hauptmann von Köpenick“) in Tilsit geboren (wird 1 Tag vor seinem Geburtstag am 12.2.1906 aus dem Zuchthaus Rawitsch bei Breslau entlassen).
14. Februar 1825 Bürgermeister Karl von Breitenstern (geb. 25. Juni 1777) gestorben. Er war Gründer des „Musikverein 1818“.
14. Februar 1990 Die Ostsee-Zeitung Wismar berichtet über Wahlfälschungen bei der 1989 durchgeführter Kommunalwahl in Wismar.
15. Februar 1950 Der kommunale Stadtverkehr nimmt seinen Betrieb mit zwei Linien auf.
15. Februar 1890 Heinrich Thormann, Wismarer Architekt, gestorben. Geboren 18. April 1816.

Detlef Schmidt

 

 

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