Kalenderblatt zum 12. Juli

 

 Die Wismarer Kaufmanns-Kompagnie – Bewahrer hansischer Traditionen

Am 12. Juli 1924 eröffnete die Wismarer Kaufmanns-Compagnie in der Lübschen Straße 23, dem heutigen Welt-Erbe-Haus. Das am 1. Juni 2014 übergebene Wismarer Welt-Erbe-Haus, Wismar gehört mit der Altstadt von Stralsund seit dem 27. Juni 2002 zum Weltkulturerbe, in der Lübschen Straße 23, sensibilisiert Bürger wie Besucher für das Weltkulturerbe und die hier werden über die Tourismuszentrale der Hansestadt Wismar die notwendigen Informationen vermitteln.
Kaum ein anderes Haus ist derart dafür prädestiniert wie dieses, das laut altem Stadtbuch 1546 dem Wismarer Bürger Bartold Knurreke gehörte und 1817 von Senator Gabriel Lembke, einem späteren Bürgermeister, gekauft wurde. Am 14. Dezember 1923 erwarb die Wismarer Kaufmanns-Kompagnie die Häuser Lübsche Straße 21/23 von den Erben des im Mai 1923 verstorbenen Justizrat Dr. Oskar Lembke in einer wirtschaftlich sehr schwierigen Zeit. Wismars Unternehmer dachten weiter und bewahrten mit der Übernahme des Hauses ein Stück Wismarer Geschichte. Ein Jahr später wird das Haus als „Haus der Kaufmanns-Kompagnie“ eingeweiht.
Die Kaufmanns-Kompagnie besteht nachweislich seit 1379 und ist zunächst eine Vereinigung von Kaufherren und Brauern in der „Papagoyen-Gesellschaft“, die das jährliche Vogelschießen der Gesellschaft veranstalteten, das auch als Waffenübung angesehen wurde. Lange Zeit bildeten die Brauer, auch in der Hansezeit, die Mehrzahl der Mitglieder; so hieß deshalb die Gesellschaft auch die „Papagoyen- und Brauer-Kompagnie“. Im 16. Jahrhundert hatten sich die Kaufleute unter dem Namen der „Conthor-Herren“ innerhalb der Gesellschaft abgezweigt, vereinigten sich aber 1623 wieder mit der Papagoyen-Gesellschaft, nachdem diese 1612 nach einer zwischenzeitlichen Auflösung neu begründet wurde.
Der 30-jährige Krieg hatte auch für die alte Gesellschaft schlimme Folgen, doch 1681 wurde sie mit einer königlich-schwedischen Bestätigung von 1683 wieder hergestellt. Von 1736 an wurden alle Wismarer Kaufleute zum Eintritt in die Kompagnie verpflichtet. Sie nannte sich nun „Brauer- und Kaufmannskompagnie“, seit 1792 aber nur „Kaufmanns-Kompagnie. Sie hatte ihren Sitz bis 1826 im Fest-Haus der Stadt, dem „Neuen Haus“, Hinter dem Rathaus 15.
Dieses Haus kaufte 1867 der Verleger Dethloff Carl Hinstorff für seine Wismarer Druckerei und baute es dementsprechend um. Die Wismarer Kaufmanns-Kompagnie hatte eine starke Stellung, die den Wismarer Rat in wirtschaftlichen Fragen beraten sollte. Dafür gestattete der Rat ihnen eine Reihe von Handelsprivilegien, die erst mit Einführung mit Inkrafttreten der Gewerbeordnung vom 21. Juni 1869 für den Norddeutschen Bund fielen. Die Kaufmanns-Kompagnie in Wismar war Mitglied des Deutschen Handelstages und des Hanse-Bundes. Die heutigen Industrie- und Handelskammern in Deutschland begründen sich auf derartige Gesellschaften, die die Rechtsform einer „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ besaß. Der aus dem Mittelalter überkommende Begriff des Kaufmannes, hat mit dem heutigen benannten Beruf wenig gemeinsam. Der hansische Kaufmann war der Unternehmer des Mittelalters und die Wismarer Unternehmen, Industrielle, Brauereien, Fabriken und Kaufleute, übernahmen gerne die alte Bezeichnung.
Als die Wismarer Kaufmanns-Kompagnie das Haus während der grassierenden Inflation in wirtschaftlich schwieriger Zeit kaufte, übernahmen sie auch die umfangreiche Ausstattung des verstorbenen Justizrates Dr. Oskar Lembke, der Junggeselle war und keinerlei Erben hatte. Er war ein Sammler bürgerlicher Wohnkultur und sein Mobiliar, von der Schauküche im Keller bis in die Obergeschosse, bildete den Grundstock für die Ausstattung. Mittelpunkt ist jedoch nach wie vor der sogenannte „Tapetensaal“, das frühere Speisezimmer, oder früher auch „Empire-Festsaal“ wegen der „Tapetenwandverkleidung“ genannt, die der damalige Bürgermeister Gabriel Lembke am 20. August 1828 durch den Tapezierer Hermann Fölker in seinem

Haus anbringen ließ. Die seltene Wandverkleidung wurde 1823 in Paris aus kunstvollen Papierdrucken und einem Untergrund in der Manufaktur von Dufour & Leroy aus Sackleinen hergestellt. Für die filigranen Farbdrucke waren 2087 Druckstöcke nötig. Dargestellt ist die mythologische Geschichte „Reise des Telemach auf die Insel der Göttin Calypso“, nach einer Erzählung des französischen Dichters Francois Fénelon von 1699. Diese Erzählung diente Xavier Mader als Vorlage für seinen zwischen 1815 und 1823 entstandenen Entwurf der Panoramatapete. Neben Wismar besitzt das Museum of Modern Art New York Fragmente des gleichen Tapetenzyklus. 1995 wurde sie aus dem damals leer stehenden Haus gestohlen, konnte aber nach kurzer Zeit wieder ausfindig gemacht werden und ist aufwändig für 100.000 Euro restauriert worden. Leider fehlt im Haus der Kaufmanns-Kompagnie die 1614 vom Wismarer Goldschmied Cyriakus Klein für die „Papagoyen-Gesellschaft“ hergestellte Kette, die aus feuervergoldeteten Silber besteht. Sie war Eigentum der Kompagnie, befindet sich jedoch nach einem Rechtsstreit zurzeit in privatem Besitz. Die Stadt Wismar möchte diese Kette wieder allen zugänglich machen.
Nach 1945 wurde die Kaufmanns-Kompagnie zum „Haus der Kultur“ mit Sitz des Kulturbundes. Als letzte größte Sünde und Geschmacklosigkeit baute man Anfang der siebziger Jahre in die da noch bestehende Club-Gaststätte das polnische Folklorerestaurant „Kurpianka“ ein. Die wertvollen Mobilarien verschwanden auf wundersame Weise aus diesem „kulturellem Bau“. Nach der Wende stand das Haus leer, bedingt auch durch Vermögensansprüche, die sich als nichtig erwiesen.

Was sonst noch geschah
12. Juli 1963 Internationales Kriterium im Radrennen auf dem Hanseatenring.
14. Juli 1945 1.600 Umsiedler treffen auf dem Bahnhof Wismar ein.
15. Juli 1993 Erster Auftritt von Tanzensembles des CIOFF Festivals in Wismar.
16. Juli 1935 Schließung des Wismarer Logenhauses und Enteignung der Freimaurer.
17. Juli 2010 Amtswechsel im Bürgermeisteramt. Dr. Rosemarie Wilcken -Thomas Beyer.
19. Juli 1803 Ratifizierung des Vertrags von Malmö durch den König von Schweden.
19. Juli 1945 Einundsechzig Polizisten erhalten ihr Entlassungsschreiben, neue Polizisten kommen aus der organisierten Arbeiterschaft.
20. Juli 1971 Erstes Tierparkfest im Köppernitztal.
20. Juli 1977 Schausteller Johannes Seeler gestorben.

Detlef Schmidt

 

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