Kalenderblatt zum 12. Mai

Nach der Befreiung zur Siegesparade auf dem Marktplatz

Am 12. Mai 1945 veranstalteten die englischen Besatzungstruppen in Wismar auf dem Marktplatz eine Siegesparade. Viele Wismarer waren an diesem sonnigen Sonnabend gekommen, um sich diese ungewöhnliche Zeremonie anzusehen.

Der verheerende Krieg war aus. In Reims und Berlin wurden am 7. Mai und am 8. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation besiegelt. In Wismar funktionierte am 2. Mai 1945 nichts mehr. In der NSDAP Kreisleitung, Adolf-Hitler-Straße 40, hatten sich nach einem Saufgelage die Kreisleiter von Wismar, Paul Ohl, und Rostock, Otto Dettmann, sowie die Sekretärin Gisela von Sobbe erschossen. Diese wurden, nachdem sie notdürftig im Garten der Kreisleitung verscharrt wurden, auf dem Soldatenfriedhof beigesetzt. Eine Verteidigung der Stadt kam für einen Großteil der Wismarer nicht in Frage. Alfred Pleuger hatte Kenntnis davon, dass die Engländer von Boizenburg anrückten und von Osten die Rote Armee anrückte. Gemeinsam mit Stadtkämmerer Dr. Heinz Maus wollte er mit einer weißen Fahne die Engländer aus Richtung Gadebusch treffen, um die Stadt kampflos den Engländern und nicht der Roten Armee zu überlassen. Die Wismarer trafen auf eine kanadische Fallschirmjägereinheit der 6. britischen Luftlandedivision. Gegen zwölf Uhr Mittag kamen die Kanadier in der Stadt an und Oberbürgermeister Pleuger übergab die Stadt.

Wismar gehörte zu den wenigen Städten in Deutschland, die sich kampflos ergaben. Nachmittags traf ein kanadischer Erkundungstrupp an der östlichen Stadtgrenze auf die Rote Armee, die ebenfalls in Wismar einmarschieren wollte. Der kanadische Oberstleutnant Napier Crookenden machte ihnen unmissverständlich klar, auch mit Verweis auf die militärische Stärke seiner Truppen, dass Wismar in ihrer Hand sei. Die Führung der Roten Armee hatten keine Ahnung, dass Wismar schon besetzt war, hatten sie doch den Befehl bis Lübeck zu marschieren. Ein in voller Fahrt in Richtung Wismar sich befindlicher russischer Panzer, konnte in letzter Minute aufgehalten werden. Ein Trupp Wehrmachtssoldaten unter Führung ihres Hauptmannes Erich Mende, späterer FDP Politiker, wollte sich den Engländern ergeben, wurde aber „vertröstet“. Sie sollten noch eine Nacht ihnen die Russen abhalten, dann dürften sie auch in die englische Gefangenschaft.

Am Abend des 2. Mai 1945 war für Wismar die Nazizeit vorbei und Feldmarschall Montgomery telegrafierte aus seinem Hauptquartier in der Lüneburger Heide nach London, dass seine Truppen den Wettlauf gegen die Russen gewonnen haben. Montgomery hatte den schnellen Vormarsch der Truppen entgegen den Abmachungen mit den Amerikanern befohlen, denn er traute der Roten Armee nicht zu, dass sie bei Lübeck Halt machen würden, sondern weiter in Richtung Dänemark ziehen würden.  Die Russen quartierten sich im Gutshaus Kritzowburg ein. Der Wismarer Stadtkommandant, Major Charles, schlug sein Quartier im Rathaus auf. Zwischen Kritzowburg und dem Soldatenfriedhof war „Niemandsland“. Am 7. Mai flog der englische Feldmarschall Montgomery nach Wismar und traf sich mit dem russischen Marschall Rokossowsky in der Dr.-Unruh-Straße 7, dem Hauptquartier der 6. Luftlandedivision. Montgomery flog am Abend vom Wismarer Haffeld wieder zurück.

Waren es zunächst Kanadier, die Wismar besetzten, so kamen mit ihnen auch Teile der Polnischen Heimatarmee, eine polnische Exilstreitkraft. Besonders diese beiden Gruppierungen haben sich durch Diebstähle, Plünderungen und auch Vergewaltigungen keinen guten Ruf erworben. Das besserte sich erst mit dem Zuzug eines schottischen Regimentes.

Am 16. Mai 1945 wurden erst die Straßennamen mit den Nazigrößen durch die früher gebräuchlichen ersetzt. Lediglich die Adolf-Hitler-Straße wurde in Churchillstraße umbenannt. Oberbürgermeister Alfred Pleuger, NSDAP Mitglied seit 1925, ist erst am 22. Mai durch den englischen Stadtkommandanten Major Charles abgelöst worden und an seiner Stelle Baron von Biel, Gutsherr auf Zierow, eingesetzt. In der kommunistisch gefärbten Geschichtsschreibung wird er als reaktionär beschrieben, aber ausgeblendet, dass er wegen seiner Beteiligung am Widerstand vom 20. Juli 1944 im Zuchthaus der Nazis saß. Gemäß den Vereinbarungen von Jalta vom Februar 1945 über die Aufteilung Deutschlands, räumten die Engländer am 30. Juni 1945 Wismar und am 2. Juli 1945 zog die Rote Armee unter Begleitung einer Wismarer Musikkapelle ein und verließen diese auch mit Musik und Geschenken am 30. Juni 1993. Am 5. Juli 1945 mussten die Wismarer ihre Uhren nach Moskauer Zeit zwei Stunden vorstellen. Mit den Engländern verließ auch Alfred Pleuger, Baron von Biel und weitere Wismarer und Flüchtlinge die Stadt in Richtung Westen. Den Russen traute man nicht.

Was sonst noch geschah

  1. Mai 1949 Die Straße „Fürstengarten“ erhält den Namen „Goethestraße“ gegen den Willen der Bürger.
  2. Mai 1785 Historiker Friedrich Christoph Dahlmann in Wismar geboren.
    14. Mai 1881 Rudolph Karstadt eröffnet sein erstes „Tuch-, Manufactur- und Confectionsgeschäft“ in der Krämerstraße 7.
  3. Mai 2001 Der Rudolph-Karstadt-Platz erhält seinen Namen.
  4. Mai 1993 Der Wismarer Buchhändler und Antiquar Hermann Rhein ist verstorben. Er wurde am 3.11.1906 in Regensburg geboren.
  5. Mai 1975 Eröffnung der Tierparkgaststätte im Köppernitztal. Seit dem 28. April 2007 Vereinsheim des Modelleisenbahn-Club e.V.
  6. Mai 2014 Stiftertafeln der Bürgerstiftung der Hansestadt Wismar von 1997 werden in St. Georgen in der Turmkapelle enthüllt.

Detlef Schmidt

 

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