Kalenderblatt zum 12. November

   Wassermarken am Zeughaus und Baumhaus zeugen von der schwersten Sturmflut

Am 12. November 1872 und in den Tagen zuvor tobte ein heftiger Sturm aus Richtung Süd-west, in deren Folge ein extrem niedriger Wasserstand in der Wismar-Bucht zu verzeichnen war. An diesem Dienstag wurde vielen Wismarern und besonders den Fischern klar, dass „wenn de Wind sick dreiht“ das Wasser mächtig über die Kaikanten schwappen würde. Lang-sam drehte sich der Wind und blies nun von Nord-Ost. Doch was den Wismarern in den nächsten Stunden bevorstand, übertraf alles bis dahin Dagewesenes.
Hochwasser gehört für Küstenbewohner und somit für die Wismarer zum alljährlichen Ereig-nis, von dem mitunter kaum Notiz genommen wird. Landläufig sagen die Wismarer, dass, wenn dreimal Hochwasser gewesen ist, der Frost kommt. Durch lange Naturbeobachtungen bestätigt, trifft das auch meistenteils zu. Die typischen Hochwasser entstehen durch den „Ba-dewanneneffekt“ der Ostsee: „Lang anhaltende Westwinde im Herbst verhindern ein Ausflie-ßen des Ostseewassers durch Kattegat und Skagerak und staut das Wasser bis in den Finni-schen Meerbusen auf. Bei plötzlichem Umschlag des Windes auf Nordost, wird dann das Wasser verstärkt auf die südliche Küste der Ostsee gedrückt und je nach Windstärke entsteht die Höhe des Wasserstandes.“ Die Wismarer Stadtgeschichte weist eine lange Liste von zer-störerischem Hochwasser auf, so die „arge Wasserfluth“ vom 3. Dezember 1374, wo das Was-ser bis zum Hopfenmarkt reichte. Weitere bedeutende Hochwasserstände werden aus den Jahren 1558, 1596, 1644, 1690 oder auch 1718 berichtet. Schiffe wurden an Land getrieben, stießen an die Stadtmauer oder man konnte mit Boote in die Breite Straße und in die Neu-stadt fahren. Dies war auch im letzten Jahrhundert nicht selten, wie das beim Hochwasser vom Januar 1954 der Fall war. Erst der Neubau der Kaimauern in den folgenden Jahrzehnten verschaffte Abhilfe, doch wie, als Beispiel von vielen, die Hochwasser von 1996 und auch 2002 zeigten, sucht sich das Wasser seinen Weg und richtete Schäden am Wendorfer Ufer, im Bereich der Frischen Grube und auch an der Rabenwiese an. Man kann zwar den Hafenbe-reich durch Anhebung der Kaikanten schützen, die Höhe des Wassers bleibt und so wird es den vollkommenen Hochwasserschutz wohl nicht geben
Die schwerste Sturmflut an der deutschen Ostseeküste bis heute ereignete sich jedoch im No-vember 1872. 482 Schiffe gerieten in akute Seenot und 271 Menschen starben in der Flut an der gesamten deutschen Ostseeküste. Bedingt durch einen orkanartigen Sturm war im Wisma-rer Hafen schon am 12. November 1872 das Wasser über die nicht gerade hohen Kaikanten getreten und hatte den Hafenbereich überschwemmt. In der Nacht zum 13. November stieg das Wasser beinahe stündlich und in den Morgenstunden waren ganze Teile der Stadt unter Wasser. Ein zeitgenössischer Bericht vermerkt: „Ganze Straßen waren Flüssen vergleichbar, auf denen der Verkehr nur durch Böte zu vermitteln war, ganze Landstrecken von dem Alt-Wismarschen, Pöler, Lübschen und Wasserthor waren in eben so viel Seen verwandelt, die Chaussee nach Lübeck, der Weg vor dem Pöler Thor war gleich hinter den betreffenden Tho-ren unter Wasser; eine Menge Häuser standen bis zu den Fenstern und darüber hinaus in der Fluth, von zweien war kaum mehr als die Dächer sichtbar.“
Die betroffenen Bürger hatten kaum Zeit ihre Habseligkeiten zu retten. Kühe und Schweine mussten in Sicherheit gebracht werden und in manchen Häusern wurde das Vieh einfach eine Etage höher verfrachtet und so schaute am Morgen ein Pferd ungewohnt aus dem 1. Stock auf die Straße. Einige Häuser hielten aufgrund ihrer Bauweise den Fluten nicht mehr stand und brachen zusammen oder hatten immense Bauschäden zu verzeichnen, so am Wassertor und auch an der Runden Grube. Im Zeughaus, das damals als Wollmagazin benutzt wurde waren 60 Ballen Wolle durch Wasserschaden unbrauchbar und im Zollmagazin wurden gelagerte Kaffeevorräte und Weine vernichtet. Die Fischer und die Sandböter waren mit ihren Booten unterwegs, um Hilfesuchenden zu helfen und Wismarer Bäcker und Milchhändler versorgten ihre Kunden mit Booten.
Mit Abklingen der Flut am 14. November 1872 wurde das ganze Ausmaß der Zerstörung sichtbar. Holzlager waren zerstört und Bretter und Balken schwammen umher. Auf den Wis-marer Werften im Hafen stand nicht mehr viel Brauchbares. Am Wendorfer Ufer waren neue Baumanpflanzungen völlig vernichtet. Das Ausmaß der Flut ist noch heute an den alten Was-sermarken am Zeughaus und am Baumhaus ablesbar, wo der Wasserstand mit 3,06 Meter an-gegeben ist. Hatten die Wismarer das Hochwasser von 1825 als das bisher schwerste angese-hen, so übertraf diese Flut den damaligen Rekordstand noch um 1,20 Meter. Nahezu genau einhundert Jahre später, am 13. November 1972, gab es ein Hochwasser, aber nur mit 1,30 Meter über dem normalen Wasserstand. Ein weiterer etwas kurioser Hinweis auf die Flut ist die Steintafel im Lindengarten an der Mauer, die über den Wasserlauf zur Grube hin zur Erin-nerung an die sich damals befindliche Stadtmauer angebracht wurde. Im etwas holperigen Reim steht dort: „Der Umgebung zur Zier, Abbruch der Mauer hier. November 1872 im Jahr, als hier die Stumfluth war.“

Was sonst noch geschah
12. November 1989 Erstes Gespräch zwischen dem Neuen Forum und dem Rat der Stadt Wismar.
13. November 1972 Hochwasser 130 cm über normal.
13. – 20. November 1949 1. Wismarer Wirtschaftsschau mit Lübeck.
13. November 1989 Zweite Demonstration auf dem Wismarer Markt mit 35.000 Menschen.
14. November 1910 Einweihung des Laboratoriums der Ingenieurakademie am Baumweg.
14. November 1887 Eröffnung der Bahnstrecke Wismar-Karow.
14. November 1918 Umbenennung des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin in Freistaat Mecklenburg-Schwerin.
14. November 2000 Das Seniorenheim Haus Wendorf, Rudolf- Breitscheid- Str. 62, wird als Neubau mit 81 Pflegeplätzen eröffnet.
15. November 1627 Befehl Wallensteins über den Ausbau Wismars zur Seefestung.

Detlef Schmidt

 

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