Kalenderblatt zum 12. Oktober

Als die mecklenburgischen Musketiere noch bei den Bürgern wohnten

Am 12. Oktober 1935 wurde die Hansestadt Wismar nach einer 15jährigen Unterbrechung wieder Garnisonsstadt. Das Regime verstieß dabei zwar gegen internationale Verträge, doch wer scherte sich im damaligen Deutschen Reich darum.

Vor dem dreißigjährigen Krieg hat die Hansestadt eine Bürgerwehr, deren Mitglieder von den Bürgern gestellt werden mussten. Wismar führte 1620 eine eigene Mobilmachung durch, um die drohende Gefahr des nahen Krieges abzuwenden. Der mecklenburgische Herzog hatte den Wismarer noch angeboten, sie zu unterstützen, was die stolzen Hanseaten ablehnten. Am 10. Oktober 1627 zogen die kaiserlichen Truppen in die Stadt ein. In jedem Haus musste Quartier für die Soldaten und Offiziere bereitgestellt werden und sie hatten das Militär mit Speis und Trank zu versorgen. Die schwedische Belagerung war 1631 erfolgreich und am 7. Januar 1632 zogen die Schweden in Wismar ein. Die kaiserlichen Truppen verließen am 12. Januar 1632 die Stadt  mit „fliehenden Fahnen und Musik“ aber mit einer Kugel im Mund(!). Ab 1632 war Wismar in schwedischer Besatzung mit teilweise bis zu 3000 Soldaten, die eben auch ihr Quartier bei den Bürgern hatten.

Nach dem Abzug der Schweden 1803 wurde Wismar in die Eroberungszüge Napoleons einbezogen, dessen Truppen am 28. November 1806 in Mecklenburg einmarschierten und Wismar am 30 August 1813 wieder verließen. Auch hier gab es Einquartierungen der Soldaten bei den Bürgern und 1810 nutzten sie den Fürstenhof. Nach 1813 war dann das 1. Mecklenburgische Musketier-Bataillon stationiert, die 1820  Wismar wieder zur Garnisonstadt machten. Etwa 300 Offiziere und Soldaten mussten bei den Bürgern untergebracht werden und alle drei Wochen wurden die Quartiere gewechselt. Im Fürstenhof waren die Montierungskammer und das Instruktionslokal, sowie die Küche für die Soldaten.

Zwischen Militär und dem Wismarer Rat gab es seit 1869 Streit über die Unterbringung von Soldaten, die man schon gerne in eigenen Quartierhäusern (Kasernen) unterbringen wollte. Es wurde vorgeschlagen, alle Soldaten kaserniert im Fürstenhof und im ehemaligen schwedischen Packhaus unterzubringen. Ein Kasernenneubau sollte 26.000 Taler kosten und als Alternative wurde die Aufstockung des Packhauses vorgeschlagen. Das sollte eben die Hansestadt Wismar bezahlen und man wartete ab. Immer noch waren die Soldaten in den Bürgerhäusern untergebracht


und dies erschwerte die militärische Arbeit. Erst 1877 wachten die Bürgervertreter auf, als sie erfuhren, dass durch das Gesetz über die allgemeine Kasernierung des Reichsheeres, Wismar nicht mehr als Garnisonstadt für das mecklenburgische Füsilier-Regiment Nr. 90 existieren sollten, sondern sie sollten nach Rostock verlegt werden. Das „Mittel“ saß und daraufhin wandten sich die Wismarer mit einer Petition vom 31. März 1877 an den Reichstag und klagten, dass ihnen doch beim Wegzug der Füsiliere großer Schaden entstehen würde. Die Wismarer  wollten auch Ersatz für die Räume im Fürstenhof auf ihre Kosten schaffen. Die Petition hatte Erfolg und im März 1881 besichtigten Militärs und der Wismarer Architekt Helmuth Brunswig die vorgesehenen Standorte in der Scheuerstraße und Mühlenstraße.. Das „Quartierhaus 1“ sollte auf dem ehemaligen Armen- und Arbeitshaus in der Scheuerstraße entstehen. Insgesamt dauerten die Bauarbeiten ein gutes halbes Jahr und hatten ein Baukostenvolumen von 46.360 Mark. In den Schlafsälen wurden 20 Soldaten untergebracht. Insgesamt waren hier etwa 220 Militärangehörige untergebracht. Damit hörte die Einquartierung bei den Bürgern auf. 1911 erfolgte ein Umbau der Kaserne und die im Untergeschoß untergebrachten Wagen fanden vor dem Altwismartor eine andere Unterbringung. Nach Aufgabe der Wismarer Garnison 1920 kamen hier zunächst zwei Hundertschaften der Ordnungspolizei unter. Später war es Obdachlosenheim, Wohnungen, Berufsschule, Arbeitsamt und heute Feuerwehr und Bürogebäude der
Hansestadt Wismar.

Als zweiter Standort für eine kasernierte Unterbringung war das 1690 erbaute schwedische Proviant- und Packhaus an der Mühlenstraße vorgesehen. Auch hier war es Helmuth Brunswig, der die Umbauarbeiten und Aufstockung des Gebäudes leitete. 1882 war auch das „Quartierhaus 2“ fertig, doch reichten die beiden neuen innerstädtischen Kasernen nicht aus, um alle Militärangehörigen der Wismarer Garnison unterzubringen. So wurde 1895 das Haus hinter dem Packhaus neu erbaut und 1912 wurde auch das Packhaus noch einmal erweitert und modernisiert. Erst 1917 erhielten die Kasernen elektrischen Strom und an das städtische Kanalnetz waren sie 1921 angeschlossen. Im April 1920 wurde die Wismarer Garnison aufgegeben. In die Mühlenstraße zogen zunächst die kasernierte Ordnungspolizei ein und in den dreißiger Jahren vor dem II. Weltkrieg  war hier u.a. der Sicherheitsdienst der SS untergebracht. Am 5. Januar 1948 eröffnete Dr. Claus Peters in der ehemaligen Polizei- und SS-Kaserne am Lindengarten mit der Poliklinik eine moderne medizinische Einrichtung. Ab 1994 bis zum März 2014 war hier das Wismarer Arbeitsamt untergebracht.

Zur militärischen Ausbildung gehörten Badeanstalt und Exerzierplätze. So hatten die Soldaten ab 1852 eine eigene Badeanstalt am Baumhaus, die dann ab 1905 auch den Bürgern offenstand. Für die Offiziere des Füsilier-Regiments wurde 1903 ein Offizierskasino in der ehemaligen Villa des 1890 verstorbenen Wismarer Baumeisters Heinrich Thormann eingerichtet. Für die Wismarer Garnison gab es zwei Exerzierplätze. Der kleine Exerzierplatz ist 1850 eingerichtet worden und befand sich an der heutigen Dr.-Leber-Straße zwischen Vogelsang und Turnerweg. Der große Exerzierplatz lag weiter außerhalb der Stadt an der Rostocker Straße zwischen der Landstraße und der Eisenbahnstrecke nach Rostock. Hier war auch die Gefechtsausbildung mit Waffen möglich. Insgesamt waren es etwa 40 Hektar, die dem Militär zur Verfügung standen. Noch in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde hier an den Schießständen geübt. Wismar wurde 1935 mit dem Einzug des II. Bataillon Infanterie Regiment 89 in der Wangenheimkaserne an der Parkstraße und der ein Jahr später eröffneten Flakkaserne an der Lübschen Burg mit der I. Abt. Flaksturmregiment 61 wieder Garnisonsstadt. Hinzu kam das 1939 fertig gestellte Luftwaffenlazarett. Kurzzeitig waren in den fünfziger und sechziger Jahren Angehörige der NVA in der Kaserne Phillip-Müller-Straße untergebracht, ehe die Wismarer Hochschule diese Gebäude benötigte. Zur Wismarer Garnison gehört auch der Soldatenfriedhof an der Rostocker Straße, der schon von den Schweden 1698 auf Weisung von Generalgouverneur von Güldenstern angelegt wurde. Bis 1950 fanden hier Begräbnisse, vornehmlich von Militärangehörigen aber auch Kriegsgefangenen, statt. 1971 wurde die Anlage eingeebnet und um 1995 erhielt der Friedhof sein heutiges Aussehen mit einer Tafel aller hier Bestatteten und einem Mahnmal gegen Krieg und Gewaltherrschaft.

Was sonst noch geschah

  1. Oktober 1902 Einweihung der katholischen Kirche St. Laurentius am Turnplatz.
  2. Oktober 1903 Unterirdische Kabellegung für die Stadtfernsprecheinrichtung.
  3. Oktober 1951 Schiffsreparaturenwerft in VEB Mathias-Thesen-Werft Wismar (VEB MTW) umbenannt.
  4. Oktober 1822 Arzt und Historiker Dr. Friedrich Crull in Mecklenburger Str. 16 geboren.
    14. Oktober 2008 Bundespräsident Horst Köhler anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Bürgerstiftung der Hansestadt Wismar zu Gast in St. Georgen.
  5. Oktober 1687 Walfischfestung – mit der steinernen Außenmauer auf Pfahlgründung begonnen.
  6. Oktober 1904 Das Wismarer Kabelnetz des am 19.April 1904 gegründeten städtischen Elektrizitätswerkes wird in Betrieb genommen und unter Spannung gesetzt. Es wird „Licht“ in Wismar.
  7. Oktober 1945 Wiederaufnahme des Lehrbetriebes an der Ingenieursakademie.
  8. Oktober 1948 Wismarer Stadtverordnetenversammlung beschloss die Umbenennung der Mädchenbürgerschule (Adolf-Hitler-Schule) in „Fritz-Reuter-Schule“.
  9. Oktober 1863 Einweihung des Turnplatzes für die Große Stadtschule.
  10. Oktober 1928 Einweihung des Seegrenzschlachthauses.
  11. Oktober 1819 Feierliche Eröffnung des neuen Rathauses nach Um- und Neubau eingeweiht (Der Balkon wird 1822 angebaut).
  12. Oktober 1989 Offener Brief des Neuen Forums an die Kreisleitung der SED, den Rat des Kreises und dem Rat der Stadt Wismar.
  13. Oktober 1989 Das Neue Forum stellt sich vor 2.000 Menschen in der Kirche zu Proseken vor.

Detlef Schmidt

 

 

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