Kalenderblatt zum 12. Oktober

Martin Luther gab den Anstoß für eine neue Schule

Am 12. Oktober 1893 wurde feierlich der Neubau der Großen Stadtschule im ehemaligen Grauen Kloster eingeweiht. Damit hatten die jahrhundertealten Klostergebäude der Franziskaner als Schulgebäude ausgedient. Architekt war Gustav Dehn, der auch weitere Wismarer Schulgebäude in dieser Zeit entwarf.

Zwar hatte im Mittelalter in Wismar der Rat das Sagen, aber in Sachen Bildung waren die Geistlichen tonangebend und so kann von einer breiten bürgerlichen Bildung bis zur Reformation in Wismar keine Rede sein. Die Reformation hat unter anderem auf diesem Gebiet in Wismar tiefe Spuren hinterlassen. Im Kirchspiel St. Marien war es zu einem Auswechseln der Konfessionen gekommen. An St. Marien hatte 1543 der letzte katholische Pfarrer Knudsen aufgehört und sein Nachfolger Paul Mecklenburg wetterte von der Kanzel, dass „die Bürgermeister alle auf dem Galgenberg stünden zwischen einem Haufen und brennen, weil sie die geistlichen Güter auffräßen“. Er starb 1542 und damit war ein letztes Aufbäumen der alten Lehre in Wismar vorbei. Neben dem Wechsel der Konfession vom Katholizismus hin zum evangelischen Glaubensbekenntnis, ist das Sendschreiben Martin Luthers „An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“ aus dem Jahre 1524 besonders für Wismarer Schulen von Bedeutung und somit die unmittelbare direkte Reaktion aus Wismar, am Michaelistag dem 29. September 1541 eine Stadtschule im Grauen Kloster der Franziskaner zu gründen. So schreibt Luther, dass „die Aufsicht über die Schulen habe nicht mehr die Kirche. Erhaltung und Ordnung des Schulwesens sei künftig Pflicht und Recht der weltlichen Obrigkeit“. Das war wichtig für den Wismarer Rat.

Zwar sind nicht alle Forderungen Luthers, wie Schulen für das gesamte Volk, danach erfüllt worden, doch dem Wismarer Rat, der zumindest die Einrichtung einer weltlichen „Gelehrtenschule“ zügig betrieb, kann nachgesagt werden, dass er immerhin schon gut seit 250 Jahre die Patronatsrechte gegen alle Angriffe der Geistlichkeit verteidigt hatte.

Mit der Großen Stadtschule wurde auch die Einrichtung der Alten Schule, wie sie nun seit 1569 erstmals genannt wurde, immer hinfälliger. 1544 musste die Große Stadtschule wegen Umbauarbeiten im Grauen Kloster und damit verbundenem Geldmangel in die Schule an der St. Marienkirche verlegt werden, was den Rat noch in einem Schreiben von 1552 „nicht behage“, aber man sparte zunächst zwei Lehrerstellen ein.

Nach Beendigung der notwendigen Umbauarbeiten zog die Große Stadtschule 1554 in das endgültig hergerichtete Graue Kloster an der Schulstraße ein. In der Mitte des 16. Jahrhunderts verzeichnete die Große Stadtschule 400 Schüler. Eine enorme Anzahl, wenn man dagegen die Einwohnerzahl von etwa 7.000 Bürgern stellt. Erstmals konnten sehr viele Bürger eine Schule besuchen und so nutzten einige Erwachsene dies Angebot, denn wie vermerkt „saßen auch einige Bärtige“ in den Schulbänken. Wismars „Gelehrtenschule“ im Grauen Kloster stand allen Bürgern offen und hat sich durch einen engagierten Lehrkörper einen exzellenten Ruf erworben. Die auf dem Platz der 1916 erbauten Turnhalle gebaute Klosterkirche wurde schon 1816 abgerissen. Hier war neben vielen Angehörigen des mecklenburgischen Fürstenhauses auch Johann I. begraben, der 1289 vor Poel ertrank. Als „Außen Turnplatz“ für die Schule diente der am 17. Oktober 1863 übergebene Turnplatz. Wismar hatte einen großen Bedarf an Schulen, seit am 1. März 1855 das Schulzwangsgesetz eingeführt wurde. Alle innerstädtischen Schulen wurden in wenigen Jahren erbaut und so ist es nicht verwunderlich, dass der Rat wieder einmal „stöhnte“ wegen der vielen Ausgaben. Uhrmachermeister Julius Brunnckow, auf den auch die „Brunnckowkai“ zurückgeht, hat als Provisor der Stadtschule, stellvertretender Bürgervorsteher und Vorsitzender des Gewerbevereines, dem Rat die richtige Lösung vermittelt. Danach begannen am 16. Oktober 1891 die Abrissarbeiten an den alten Klostergebäuden und am 12. Oktober 1893 um 10 Uhr übergab Bürgermeister Adolf  Fabricius an Schuldirektor Dr. Ludwig Bolle die Schlüssel. Was man nicht vorhergesehen hatte, war die Tatsache, dass der Raumbedarf für die Schule trotzdem zukünftig nicht gesichert war und ab 1927 einen Neubau auf dem „Kleinen Exerzierplatz“ (Ecke Vogelsang, Dr.-Leber-Straße) plante und auch schon die Erdarbeiten dafür fertigstellte.

Der Schulneubau wurde in den kommenden Jahren „regelrecht zerredet“ und herausgekommen ist 1931 eine Erweiterung durch Aufstockung. Dabei ist es auch bis heute geblieben. Nach dem II. Weltkrieg wurde in der Schule am 27. Juli 1945 ein Hilfskrankenhaus mit 200 Betten eingerichtet und am 19. April 1948 erfolgte die Umbenennung in „Erweiterte Oberschule Geschwister Scholl“, der 1991 in „Große Stadtschule – Geschwister-Scholl- Gymnasium“ umgewandelt wurde. Umfangreiche Sanierungsarbeiten der letzten Jahre entsprechen den heutigen Anforderungen an eine Bildungseinrichtung, die nunmehr ihr 475-jähriges Jubiläum begeht.

Was sonst noch geschah

  1. Oktober 1935 Mit der Inbetriebnahme der Infanteriekaserne „Wangenheimkaserne“ (II. Bataillon Infanterie Regiment 89) an der Parkstraße wird Wismar Garnisonsstadt.
  2. Oktober 1902 Einweihung der katholischen Kirche St. Laurentius am Turnplatz.
  3. Oktober 1903 Unterirdische Kabellegung für die Stadtfernsprecheinrichtung.
  4. Oktober 1951 Schiffsreparaturenwerft inVEB Mathias-Thesen-Werft Wismar(VEB MTW) umbenannt.
  5. Oktober 1822 Arzt und Historiker Dr. Friedrich Crull geboren (Mecklenburger Str. 16).14. Oktober 2008 Bundespräsident Horst Köhler anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Bürgerstiftung der Hansestadt Wismar zu Gast in St. Georgen.
  6. Oktober 1687 Bau der Walfischfestung mit der steinernen Außenmauer auf Pfahlgründung begonnen.
  7. Oktober 1904 Das Wismarer Kabelnetz des am 19.April 1904 gegründeten städtischen Elektrizitätswerkes wird in Betrieb genommen und unter Spannung gesetzt. Es wird Licht in Wismar.
  8. Oktober 1945 Wiederaufnahme des Lehrbetriebes an der Ingenieursakademie.
  9. Oktober 1948Wismarer Stadtverordnetenversammlung beschloss die Umbenennung der Mädchenbürgerschule (Adolf-Hitler-Schule) in „Fritz-Reuter-Schule“.

Detlef Schmidt

 

 

 

 

 

 

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