Kalenderblatt zum 13. Juni

Der Wismarer vergnügte sich auf der Lorenzhöhe
Aus der Bädergeschichte Wismars II

Am 13. Juni 1850 inserierte der Wismarer Ratsschreiber Lorenz in der „Wismarschen Zei-tung“: „Ich erlaube mir die gehorsamste Anzeige, daß ich nachdem das bisherige Badeschiff eingegangen ist, mehrfach angesprochenen Wünschen zufolge, eine anderweitige Badeanstalt eingerichtet habe, bestehend in einem unweit der bekannten Badeschiffstelle auf einer Anhö-he am Strand errichteten Bretterzelte mit Restauration, in einer Brücke zum Anlegen mit Boo-ten und – einstweilen – in drei Badekarren, von denen zwei bereits an Ort und Stelle sich be-finden. Der dritte wird in ganz kurzer Zeit ebenfalls fertig sein. Ich empfehle dem Publikum diese kleine Anzeige zur recht fleißigen Benutzung angelegenlichst.“
Lange, bis in unser Jahrhundert hinein, hat sich der Name „Lorenzhöhe“ für das Seebad Wen-dorf erhalten. Diese kleine Badeanstalt war 1851 schon so weit gediehen, dass sie ein eigenes Pferd halten konnte, um die Badekarren zu jeder Zeit, dem Wasserstande angemessen, fahren zu können. Doch auch ihre Benutzung, der Preis betrug drei Taler für 30 Abonnementskarten und für ein Bad sechs Schillinge, blieb einer kleinen wohlhabenden Schicht vorbehalten.
1852 erwuchs Lorenz eine scharfe Konkurrenz durch eine Badeanstalt, die auf dem Walfisch, einer in der Wismarschen Bucht gelegenen Bucht, angelegt wurde. Unter diesem Druck ver-kaufte Lorenz 1856 seine drei Badekarren und stellte den Badebetrieb am Wendorfer Ufer ein.
Die Badeanstalt auf dem Walfisch wurde von einem städtischen Konsortium geleitet. Auf dieser Insel hatte man auf dem Strand kleine Badehütten aufgestellt. Von dort konnte man sofort ins Wasser steigen. Den Transport übernahm der städtische Schleppdampfer „Samson“, der morgens und abends zwei Abfahrten vom Baumhaus. Das Fahrgeld betrug vier Schillinge für Hin- und Rückfahrt. Dazu kam aber auch noch das Badegeld, für die Damen acht und für die Herren sechs, bzw. vier Schillinge, ob sie aus einfachen Hütten oder gemeinschaftlich ba-deten. Für das leibliche Wohl sorgte der Konditor Schäfer, der in einem Bretterhaus für den Sommer ein Restaurant einrichtete. Zur weiteren Unterhaltung fanden regelmäßig Konzerte statt. Diese Badeanstalt bestand bis 1858, dann wurde sie an das Wendorfer Ufer verlegt.
Noch einmal, 1861, versuchte der Gastwirt Schröder aus der Böttcherstraße, auf dem Wal-fisch ein Vergnügungsunternehmen zu gründen. Er ließ ein großes Erfrischungszelt aufschla-gen und bekannt machen, dass für Speisen und Getränke, aber auch für Unterhaltungsmusik bestens gesorgt ist. Doch das Badeunternehmen am Wendorfer Ufer war konkurrenzfähiger, so dass sich das „Inselabenteuer“ nicht lange gehalten hat.
Am 14. Juni 1905 ging dann die Insel Walfisch nach fast 300 Jahren wieder aus dem großher-zoglichen Besitz in Wismarer Eigentum über.
Man sah sich von seitens der Stadt gezwungen, umfangreiche Sanierungsarbeiten zu unter-nehmen. So wurde in den Jahren 1907/08 im Norden der Insel eine etwa 100 Meter lange und vier Meter hohe Mauer zum Schutz gegen Anspülungen gebaut. Die hierzu verwandten Felsen haben ihren Ursprung aus der näheren Umgebung der Insel, so dass zu vermuten ist, dass sie vom ehemaligen Wehrturm herrühren. Ein dabei gefundenes Geschoß wurde mit vermauert.
. Ferner wurde 1907 ein Leuchtfeuer auf Walfisch installiert.
Die Gemeinnützige Gesellschaft Wismar richtete 1909 eine Schutzhütte mit Kochgelegenheit und eine Badehütte her. Gleichzeitig wurde vom Hafenamt ein Anlegesteg für größere Boote gebaut. Schon bald danach erkannte man aber die Natürlichkeit dieser Insel und seit mehreren Jahrzehnten steht sie unter strengem Naturschutz und Begehverbot, so dass sie heute und si-cherlich auch in Zukunft nur noch friedlichen Zwecken dienen wird.
Die Direktion der Aktiengesellschaft des Wendorfer Badeunternehmens ließ am 22.Juli 1859 bekannt machen, dass „die Badehütten sind auf demselben Wasserstande angebracht wie auf dem Walfisch. Für diejenigen, welche den Wasserweg benutzen wollten, werden am Baum-haus sichere Böte mit zuverlässigen Leuten in hinreichender Anzahl zu jeder Tageszeit bereit-liegen.“ Diese Boote wurden dann schon 1865 durch das Dampfboot „Nymphe“ abgelöst, das täglich sechs Fahrten machte. Dies Unternehmen gedieh so gut, dass man schon 1866/67 da-ran gehen konnte, ein großes Kur- und Gästehaus zu errichten. Es ist uns heute noch fast in seiner ursprünglichen Gestalt und Form als Hotel „Seeblick“ am Wendorfer Ufer erhalten.
Für die nicht bemittelten Schichten wurde am äußersten Ende des Hafens, etwa in der Nähe des Baumhauses, eine Badeanstalt eingerichtet. Sie wurde „Schillings Badeanstalt“ genannt, weil das Baden einen Schilling, etwa sechs Pfennige, kostete. Dies war für das Volk gerade noch erschwinglich, und man hatte in den Sommermonaten sein Vergnügen. Neben dem Baumhaus wurde dann auch noch eine Soldatenbadeanstalt eingerichtet.
Die „Schillings Badeanstalt“ ging in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts in den Besitz von August Beguhl über. Er verlegte sie auf die andere Seite des Hafens. Wer zum Baden wollte, stellte sich an das Baumhaus und winkte, dann kam Fährmann Weiß oder „Schuben-weiß“, wie er genannt wurde, und fuhr die Gäste zum Baden. Da ehemals Männlein und Weiblein getrennt baden mussten, wurde zunächst den Frauen ein paar Stunden in der Woche allein das Baden eingeräumt. 1880 wurde an der Koggenoor eine Badeanstalt für die Frauen gegründet, die Frau Beguhl streng leitete. 1905 gingen diese Anstalten im Zusammenhang mit der Hafenerweiterung ein, und es wurde 1906 eine neue Badeanstalt auf dem „Grasort“ für das Volk eingerichtet
Heute hat sich das Badewesen gründlich gewandelt. Außer dem Strand in Wendorf, das längst zur Stadt gehört und mit seinen Neubauten bis an das Ufer reicht, existieren im Stadt-gebiet keine von den genannten Badeanstalten mehr. Die Wismarer entdecken seit einigen Jahren wieder „ihren“ Strand und eine Bürgerinitiative sorgt seit geraumer Zeit für Sauberkeit. Die 350 Meter lange Seebrücke ist am 3. Oktober 1993 wieder neu erbaut worden.

Detlef Schmidt
Juni 2018

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