Kalenderblatt zum 14./15 April

Am 15. April 1945 vermeldet die Londoner BBC in den frühen Morgenstunden, dass die britische Royal Air Force in der Hafenstadt Wismar die großen Silos am Hafen zerstört wurden.

In dieser Nacht erlebten die Wismarer einen schweren Angriff, der aber die Kirchen und weitere Bauten im „gotischen Viertel“ zerstörten. Ungläubig sahen die Wismarer die entstandenen Schäden an den großen Backsteinkirchen. Offensichtlich hatten die Engländer eine Falschmeldung abgesetzt. Dafür kam später die Richtigstellung, dass man „versehentlich“ die Kirchen zerstört hatten. Man meinte den Hafen und hielten die unter Wasser gesetzte Kuhweide irrtümlicher Weise für den Hafen. Dies war offensichtlich falsch, denn die Engländer hatten eine gute Luftaufklärung und wussten schon, was und wo sie ihre Bomben abwerfen mussten. Es war Krieg und mit den Luftangriffen wollten die Alliierten die Deutschen zu demoralisieren. Das gelang ihnen nicht, da die Naziideologie so fest verankert war. Im Nachhinein ist dieser Angriff drei Wochen vor Kriegsende schmerzhaft, doch es wusste nun keiner wann der zu Ende war.

Zwar war der Luftangriff am 25. August 1944 mit 205 getöteten Menschen der schwerste, jedoch bis heute ist der letzte Bombenangriff vom April 1945, schon allein wegen der hohen Symbolkraft, derjenige, der den Wismarern am längsten an die Sinnlosigkeit des Krieges erinnern sollte. Seit Jahrzehnten versammeln sich Wismars Bürger an diesem Datum in St. Georgen. Zuerst in den Kirchen Ruinen und nach Fertigstellung von St. Georgen am 8. Mai 2010 im Kirchenschiff und gedenken der schrecklichen Nacht vom April 1945.

Am 14. April 1945 wurden spätabends die Wismarer gegen 23 Uhr durch einen Fliegeralarm aus dem Schlaf gerissen. Manch einer drehte sich wieder um und andere nahmen ihre jederzeit griffbereite „Luftangriff Tasche“, um sich in den Schutzraum zu gehen. Zu oft war in den vergangenen Jahren Luftalarm ausgelöst und stellte sich hinterher als Fehlalarm heraus. Über 300mal war seit Kriegsbeginn Fliegeralarm bei zwölf „richtigen“ Angriffen gewesen. Doch diesmal sollte es anders kommen. Die Wismarer waren zermürbt und kriegsmüde. Der 14. April 1945 war ein warmer und sonniger Sonnabend und keiner rechnete mit einem derartigen Angriff. Zudem waren in der Stadt viele Flüchtlinge aus den von den Russen besetzten Gebieten und die Luftschutzanlagen reichten bei weitem nicht aus, um allen einen Schutz zu gewähren. Wismar hatte am 24. Juni 1940 den ersten und in der Nacht vom 14. April auf den 15. April 1945 den letzten und damit zwölften Luftangriff erlebt. Für die Wismarer kam der letzte Angriff völlig überraschend. Keiner hatte mehr damit gerechnet. Schon gar nicht, dass die Kirchen Ziel eines Angriffes werden sollten. Laut Logbuch der Royal Air Force begann um 23:31 Uhr der Angriff der zehn Bomber-Mosquitos der englischen Royal Air Force über der Stadt und zeitgleich waren die ohrenbetäubenden Einschläge zu hören. In der kommenden halben Stunde fielen maximal fünf Luftminen in das Zentrum Wismars, die eine verheerende Wirkung hatten. Innerhalb kürzester Zeit war Wismars zu Stein gewordene Geschichte, das Gotische Viertel zwischen Archidiakonat und St. Georgenkirche ein weites Trümmerfeld. Die Sprengkraft war verheerend und der entstehende Luftdruck ließ nicht nur Fensterscheiben in einem weiten Umkreis zerspringen, sondern zerstörte auch Gebäude, wie die Alte Schule. Die Kapelle Maria zur Weiden kam mit den Schäden am Dach und an den Fenstern etwas „glimpflicher“ davon, weil sie im Schatten des Kirchturms von St. Marien lag, während sich die Alte Schule genau im Bereich der Druckwelle befand. Das Logbuch verzeichnet penibel genau, dass sechs Minuten nach Mitternacht die Bombenflugzeuge den Wismarer Luftraum verließen. Der Wismarer Angriff war ein Entlastungsangriff, denn das Hauptangriffsziel war Potsdam gewesen, das zur gleichen Zeit mit 724 Bombern angegriffen wurde und verheerende Schäden hatte. Sofort nach Beendigung des Luftangriffes rückten in Wismar Feuerwehrleute aus. Viele Helfer und Einwohner begaben sich nach Ertönen der Entwarnungssirene zum Schreckensort, um schnell helfen zu können. Der Turm von St. Georgen brannte lichterloh, bei St. Marien sah es nicht besser aus und die Alte Schule mit dem „Musikerhaus“ war nur noch ein Steinhaufen. Aus dem verschütteten Keller der Alten Schule waren Hilfeschreie zu hören, denn viele Menschen, die im Luftschutzkeller auf dem Marktplatz nicht mehr unterkamen, hatten hier vermeintlich sicheren Unterschlupf erhalten. Dass dies zur Falle werden konnte, ahnte keiner. Viele Wismarer haben die Verletzten aus der Alten Schule geborgen und versorgt. In dieser Nacht sind 14 Menschen, darunter einige Kinder, Opfer der Bomben geworden. Ein 15-jähriger Schüler, der als Feuerwehrhelfer eingesetzt war, kam bei der Brandbekämpfung in St. Georgen durch einen herabstürzenden Balken ums Leben. Aus den brennenden und teilweise einstürzenden Kirchen retteten die Wismarer unter Einsatz ihres Lebens einige Kunst- und Kulturschätze, ehe diese völlig zerstört wurden. Schwere Beschädigungen hatten das Archidiakonatshaus und die Kapelle Maria zur Weiden erlitten. Das gotische Pfarrhaus von St. Marien und die Superintendentur aus der Renaissance waren unwiederbringlich verloren, ebenso wie die Alte Schule. Diese war nach dem Luftangriff regelrecht zu einem Steinhaufen zusammengefallen. In der „Nachberichterstattung“ der herrschenden Partei über die Luftangriffe hieß es bis 1989, das „anglo-amerikanische Flugzeuge“ Wismar zerstört haben. Nicht, dass man es besser gewusst hätte, nein, man wollte bewusst im bestehenden „Kalten Krieg“ die westlichen Alliierten zu diskreditieren.

Über die Kriegsschäden, die die Rote Armee verursachten, ist in der ehemaligen DDR nicht berichtet worden. In Wismar gab es 1944 nur einen Angriff der amerikanischen Luftwaffe, alle übrigen sind von der britischen Royal Air Force geflogen worden. Bis 1948 waren die Überreste der Alten Schule beseitigt und ein leerer Platz verbarg bis 2007 die noch erhaltenen Grundmauern und den alten Keller. Die alte Wallfahrtskapelle Maria zur Weiden ist Anfang 1960 ohne jedwede Genehmigung abgerissen. Auf dem Bereich des alten Pfarrgehöftes von St. Marien und der Superintendentur wurde 1951 die Neue Kirche für die Kirchgemeinden St. Marien und St. Georgen aus den Steinen des Pfarrhauses und der Superintendentur als Notkirche errichtet. Ihr Wiederaufbau von St. Georgen und St. Marien schien für die Wismarer damals beschlossene Sache, bescheinigte 1951 der Landeskonservator Adolf Lorenz für St. Georgen, dass 85 Prozent der Bausubstanz erhalten sind. Man hoffte auf die Wiederherstellung der beiden schwer beschädigten großen Gotteshäuser, nicht ahnend, dass im August 1960 das Kirchenschiff von St. Marien gesprengt und St. Georgen über 40 Jahre dem Verfall preisgegeben wurde. Erst ab 1990 setzte ein Wiederaufbau ein und am 8. Mai 2010 konnten die Wismarer „ihre“ Kirche wieder nutzen. Insgesamt wurden für den Wiederaufbau 40 Millionen Euro nötig, die von der Stiftung Deutsche Denkmalpflege und vielen Spenden aus ganz Deutschland und Wismarer Bürgern, ermöglicht wurde.

Was sonst noch geschah

  1. April 1817 Die Bürger Wismars haben 14.000 Taler zur Wiederherstellung bzw. Neubau des Rathauses gespendet.
  2. April 1951 Gründung der „Bank für Handwerk und Gewerbe eGmbH“ im Wismarer Kulturhaus, Lübsche Straße 23 (ehemals Kaufmannskompagnie).
  3. April 1991 Gründung des Wirtschaftskreises „Mittwochsrunde zu Wismar“.

19.April 1904 Gründung der Wismarer Elektrizitätswerke.

  1. April 1951 Tod von Pfarrer Dr. Robert Lansemann im Staatsicherheitsgefängnis Schwerin.
  2. April 1948 Umbenennung der großen Stadtschule in „Geschwister-Scholl-Schule“.

Detlef Schmidt

 

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