Kalenderblatt zum 14. April

  

Die Kriegswunden sind immer noch sichtbar
Schwerste Zerstörungen an Wismars architektonischen Kulturschätzen

Am 14. April 1945 wurden spätabends die Wismarer gegen 23 Uhr durch einen Fliegeralarm aus dem Schlaf gerissen. Manch einer drehte sich wieder um und andere nahmen ihre jederzeit griffbereite „Luftangriff Tasche“, um sich in den Schutzraum zu gehen. Zu oft war in den vergangenen Jahren Luftalarm ausgelöst und stellte sich hinterher als Fehlalarm heraus. Über 300mal war seit Kriegsbeginn Fliegeralarm bei zwölf „richtigen“ Angriffen gewesen. Doch diesmal sollte es anders kommen. Die Wismarer waren zermürbt und kriegsmüde. Der 14. April 1945 war ein warmer und sonniger Sonnabend. Am nächsten Tag, einem Sonntag, wollten sicherlich viele von ihnen in die großen Stadtkirchen gehen, um bei einem Gottesdienst in dieser schweren Zeit Trost zu finden. Wismar hatte am 24. Juni 1940 den ersten und in der Nacht vom 14. April auf den 15. April 1945 den letzten und damit zwölften Luftangriff erlebt. Zwar war der elfte Luftangriff am 25. August 1944 mit 205 getöteten Menschen der schwerste, jedoch bis heute ist der letzte Bombenangriff vom April 1945, schon allein wegen der hohen Symbolkraft, derjenige, der den Wismarern am längsten an die Sinnlosigkeit des Krieges erinnern sollte. Für die Wismarer kam der letzte Angriff völlig überraschend. Keiner hatte mehr damit gerechnet. Schon gar nicht, dass die Kirchen Ziel eines Angriffes werden sollten. Laut Logbuch der Royal Air Force begann um 23:31 Uhr der Angriff der zehn Bomber-Mosquitos der englischen Royal Air Force über der Stadt und zeitgleich waren die ohrenbetäubenden Einschläge zu hören. In der kommenden halben Stunde fielen maximal fünf Luftminen in das Zentrum Wismars, die eine verheerende Wirkung hatten. Innerhalb kürzester Zeit war Wismars zu Stein gewordene Geschichte, das Gotische Viertel zwischen Archidiakonat und St. Georgenkirche, ein weites Trümmerfeld. Die Sprengkraft war verheerend und der entstehende Luftdruck ließ nicht nur Fensterscheiben in einem weiten Umkreis zerspringen, sondern zerstörte auch Gebäude, wie die Alte Schule. Die Kapelle Maria zur Weiden kam mit den Schäden am Dach und an den Fenstern etwas „glimpflicher“ davon, weil sie im Schatten des Kirchturms von St. Marien lag, während sich die Alte Schule genau im Bereich der Druckwelle befand. Das Logbuch verzeichnet penibel genau, dass sechs Minuten nach Mitternacht die Bombenflugzeuge den Wismarer Luftraum verließen. Der Wismarer Angriff war ein Entlastungsangriff, denn das Hauptangriffsziel war Potsdam gewesen, das zur gleichen Zeit mit 724 Bombern angegriffen wurde und verheerende Schäden hatte. BBC London meldet am darauffolgenden Morgen die erfolgreiche Zerstörung der 35.000 Einwohner zählenden Hansestadt. Sofort nach Beendigung des Luftangriffes rückten in Wismar Feuerwehrleute aus. Viele Helfer und Einwohner begaben sich nach Ertönen der Entwarnungssirene zum Schreckensort, um schnell helfen zu können. Der Turm von St. Georgen brannte lichterloh, bei St. Marien sah es nicht besser aus und die Alte Schule mit dem „Musikerhaus“ war nur noch ein Steinhaufen. Aus dem verschütteten Keller der Alten Schule waren Hilfeschreie zu hören, denn viele Menschen, die im Luftschutzkeller auf dem Marktplatz nicht mehr unterkamen, hatten hier vermeintlich sicheren Unterschlupf erhalten. Dass dies zur Falle werden konnte, ahnte keiner. Viele Wismarer haben die Verletzten aus der Alten Schule geborgen und versorgt. In dieser Nacht sind 14 Menschen, darunter einige Kinder, Opfer der Bomben geworden. Ein 15-jähriger Schüler, der als Feuerwehrhelfer eingesetzt war, kam bei der Brandbekämpfung in St. Georgen durch einen herabstürzenden Balken ums Leben. Aus den brennenden und teilweise einstürzenden Kirchen retteten die Wismarer unter Einsatz ihres Lebens einige Kunst- und Kulturschätze, ehe diese völlig zerstört wurden. Schwere Beschädigungen hatten das Archidiakonatshaus und die Kapelle Maria zur Weiden erlitten. Das gotische Pfarrhaus von St. Marien und die Superintendentur aus der Renaissance waren unwiederbringlich verloren, ebenso wie die Alte Schule. Diese war nach dem Luftangriff regelrecht zu einem Steinhaufen zusammen gefallen. In der „Nachberichterstattung“ der herrschenden Partei über die Luftangriffe hieß es bis 1989, das „anglo-amerikanische Flugzeuge“ Wismar zerstört haben. Nicht, dass man es besser gewusst hätte, nein, man wollte bewusst mit dazu beitragen, dass der Westen nicht so gut da stand. Über die Kriegsschäden, die die Rote Armee verursachten, ist in der ehemaligen DDR nicht berichtet worden. In Wismar gab es 1944 nur einen Angriff der amerikanischen Luftwaffe, alle übrigen sind von der britischen Royal Air Force geflogen worden. Bis 1948 waren die Überreste der Alten Schule beseitigt und ein leerer Platz verbarg bis 2007 die noch erhaltenen Grundmauern und den alten Keller. Die alte Wallfahrtskapelle Maria zur Weiden ist Anfang 1960 ohne jedwede Genehmigung abgerissen. Auf dem Bereich des alten Pfarrgehöftes von St. Marien und der Superintendentur wurde 1951 die Neue Kirche für die Kirchgemeinden St. Marien und St. Georgen aus den Steinen des Pfarrhauses und der Superintendentur als Notkirche errichtet. Die beiden großen Kirchen, St. Marien und St. Georgen, hatten schwerste Beschädigungen erlitten und große Verluste waren am Kircheninventar zu verzeichnen. Ihr Wiederaufbau schien für die Wismarer damals beschlossene Sache, bescheinigte 1951 der Landeskonservator Adolf Lorenz für St. Georgen, dass 85 Prozent der Bausubstanz erhalten sind. Man hoffte auf die Wiederherstellung der beiden schwer beschädigten großen Gotteshäuser, nicht ahnend, dass im August 1960 das Kirchenschiff von St. Marien gesprengt und St. Georgen über 40 Jahre dem Verfall preisgegeben wurde. Erst ab 1990 setzte ein Wiederaufbau ein und am 8. Mai 2010 konnten die Wismarer „ihre“ Kirche wieder nutzen. Insgesamt kostete der Wiederaufbau 40 Millionen Euro.

Was sonst noch geschah
15. April 1867 Die „Neue Wismarsche Zeitung“ erscheint bei Hinstorrff.
15. April 1945 BBC London meldet die erfolgreiche Zerstörung der 35.000 Einwohner zählenden Hansestadt Wismar.
16. April 2014 Das Haus Hinter dem Rathaus 3, „Der Weinberg“, wird nach Sanierung und Restaurierung seit 2011 übergeben.
17. April 1817 Die Bürger Wismars haben 14 000 Taler zur Wiederherstellung bzw. Neubau des Rathauses gespendet.
18. April 1951 Gründung der „Bank für Handwerk und Gewerbe eGmbH“ im Wismarer Kulturhaus, Lübsche Straße 23 (ehemals Kaufmannskompagnie).
18. April 1991 Gründung des Wirtschaftskreises „Mittwochsrunde zu Wismar“.
18. April 1816 Heinrich Thormann, Architekt und Erbauer des Wismarer Theater, geboren. Gestorben 15. Februar 1890 in Wismar.
18. April 1847 der Raddampfer „Obotrit“ (ex „Finnland“ v. 1842) fährt erstmalig im Auftrag der Mecklenburgischen Dampfschifffahrtsgesellschaft AG nach Stockholm. Ab 4. Oktober 1848 regelmäßiger Verkehr nach Kopenhagen.
19.April 1904 Gründung der Wismarer Elektrizitätswerke.
19. April 1951 Tod des Wismarer Pfarrers Dr. Robert Lansemann im NKWD-Gefängnis am Demmlerplatz in Schwerin. Er gehörte der bekennenden Kirche an und nach 1945 trat er entschieden für freies Denken und einen gelebten Glauben ein. Als Todesursache wird der Entzug von Medikamenten vermutet.
19. April 1948 Umbenennung der Großen Stadtschule in „Geschwister-Scholl-Schule“.

Detlef Schmidt

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