Kalenderblatt zum 14. August


Juden und Querulanten kamen an den Pranger

Am 14. August 1935 wurde mit viel öffentlichem Aufwand ein Pranger auf dem Wismarer Marktplatz in die Nähe der beiden Marktlinden aufgestellt. Damit sollten die zur Räson ge-bracht werden, die es bislang noch nicht begriffen hatten, wer nun Herr im Hause ist. Wer gegen die Ideologie der Nationalsozialisten verstieß, wurde hier mit Namen und Foto öffent-lich gebrandmarkt. Im Mittelalter gab es nahezu in jeder Stadt einen Pranger, der aber nicht die perverse Aufgabe von 1935 hatte, sondern hier wurden Einheimische wie Fremde, sehr wirksam bei kleineren Vergehen bestraft. So kam der Gastwirt an den Pranger, wenn das Glas nicht richtig gefüllt war. Die alte Stadtwache mit der „Hechte“, den Arrestzellen, befand sich bis 1857 ungefähr dort, wo heute das Stadthaus am Markt steht. Die alte Hauptwache stand unmittelbar vor den Marktlinden. Dazwischen befand sich der Pranger, der „Kaak“. Eine der letzten Benutzung des Prangers, die sich schadenfroh durch die Stadt verteilte, war die Nach-richt, dass 1820 die Frau eines städtischen Beamten an den Pranger sollte, weil „sie sich erlau-bet hat, Menschenkoth auf die Straße zu werfen!“ Sie wurde jedoch zu einer Gefängnisstrafe von einem Tag in die „Hechte bey Wasser und Broth“ verurteilt. Eine ähnliche Aktion gab es hundert Jahre zuvor. Ein aufsehenerregendes Ereignis lockte in der Frühe des 8. Dezember 1734 die Bürger auf den Markt. An einem Pfeiler des Rathauses war ein Brett angeschlagen und darunter war eine kleine Semmel angehangen mit „empfindlichen Expressionen“ gegen die „himmelsschreiende Preistreiberey“ der Wismarer Bäcker. Sicherlich waren es keine Schmeicheleien für die Bäcker. In der Ratssitzung desselben Tages teilte Bürgermeister Tanke mit, das Abnehmen wäre bereits durch die Büttel veranstaltet und diese beauftragt, nach dem Urheber zu fahnden.
Der Nazipranger von 1935 zielte in seiner perversen Gebrauchsweise auf Menschenleben. Soll-te hier durch Denunziantentum, die Naziideologie durch Angst und Gewalt gefestigt werden. Der Standort des Wismarer Prangers befand sich an der Südseite des Marktplatzes und wenn man schon keine Wismarer zum „Anschwärzen“ fand, dann nahm man eben Juden! Juden sind in Wismar schon seit Stadtgründung ansässig. So steht im Wismarer Stadtbuch von 1260, dass „der Schuster Jordan seinem Nachbarn ein Pferd stahl und es bei den Juden verkaufte“. Am 14.April 1266 stellte Heinrich I. von Mecklenburg die in Wismar ansässigen Juden unter sei-nem Schutz – gegen Entrichtung eines nicht geringen Schutzgeldes, denn er war ständig in Geldnot. Noch 1342 hieß die Altböterstraße „Judenstraße“. Nach der Pest von 1350 wurden die Juden aus den meisten Hansestädten, so auch in Wismar, verjagt, da ihnen vorgeworfen wurde, die Brunnen vergiftet zu haben. Sie hatten nur die Möglichkeit während der Markttage in die Stadt zu kommen, um ihre Waren anzubieten. Festen Wohnsitz durften sie nicht neh-men und den Bürgern war streng verboten, Juden bei sich aufzunehmen. 1754 wird dies nochmals vom königlichen Tribunal bestätigt. Erst am 4. Oktober 1867 beschließt der Wisma-rer Rat einstimmig, dass Juden den ungehinderten Zugang und Zuzug zur Stadt haben. So ist es nicht verwunderlich, dass in Wismar wenige Juden ansässig wurden und es keine jüdische Gemeinde gibt. Im Juni 1933 waren noch 23 Bürger jüdischen Glaubens in Wismar anwesend, wogegen 1937 es nur noch zwölf jüdische Bürger in Wismar gab. Ende 1942 lebten noch vier jüdische Frauen in der Stadt, wovon drei Frauen durch eine Mischehe etwas geschützter wa-ren. Im November 1942 ist Gertrud Bernhard nach Theresienstadt deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet worden.
In der „Reichskristallnacht“ 1938 wurden die Schaufenster der jüdischen Geschäfte vom Da-menwäschehaus Lindor, Geschenkartikel Löwenthal und Schuhgeschäft Blass zerstört. Das Kaufhaus Karseboom war inzwischen schon „arisiert“. Der „Niederdeutsche Beobachter“ schrieb am 11. November 1938: „Unter Beifall der Wismarer verkündete NSDAP-Kreisleiter Dahl, dass die Juden ihren Schaden nicht ersetzt bekommen und verkündete stolz unter to-benden Beifall, dass alle Wismarer Juden hinter „Schloß und Riegel“ sitzen…wieder sei man der restlosen Erfüllung des Parteiprogrammes mit der vergangenen Nacht und diesem Tage ein Stück näher gekommen und so werde es in den nächsten Jahren weiter gehen….“ Wie das nun ausging, wissen wir zur Genüge aus der Geschichte. Dazu gehörte auch der international ge-achtete Veterinär Dr. Wilhelm Leonhardt, der am Fürstengarten, neben dem Haus von Sella Hasse, wohnte. Er hatte in seinem Fachgebiet Entdeckungen veröffentlicht, die auch paten-tiert wurden. 1941 kam er in das KZ Sachsenhausen, wo er am 13. Juni 1942 verstarb. Der Arzt Dr. Leopold Liebenthal verstarb am 30. November 1938 geschwächt durch Gestapover-höre. Einzig die Eigentümer des Schuhgeschäftes Blass in der ABC-Straße 14 konnten sich durch Flucht nach England retten.
Längst gibt es aber schon wieder Pranger. Wer in den „social network“ unterwegs ist, kann bei unvorsichtiger Handhabung schnell an den „digitalen Pranger“ kommen.

Was sonst noch geschah
14. August 1670 David Mevius gestorben.
15. August 1952 Die OSTSEE-ZEITUNG ist Wismars einzige regionale Tageszeitung.
15. August 1991 Gründung der Stadtwerke Wismar GmbH (ab 1. März 1992 auch für die Wasserversorgung zuständig).
15. August 1948 Einweihung des Ehrenfriedhofes der Roten Armee für 348 gefallene Militär-angehörige auf dem Wischberg. Am 8. Mai 1970 wurde im Ehrenmal eine Kartusche mit russi-scher Erde eingelassen.
16. August 2003 Eröffnung und Übergabe der Osttangente mit Verkehrsfreigabe.
18. August 2000 Die Hansestadt Wismar begeht das 1. Schwedenfest, woraus sich in den Folgejahren das größte „schwedische Fest außerhalb Schwedens“ entwickelt.
19. August 1803 Wismar kehrt aus schwedischer Herrschaft nach Mecklenburg zurück.
19. August 1903 Hundertjahrfeier in Wismar mit Umzug sowie Einweihung Bürgerpark und Schwedenstein.
19. August 1949 Umbenennung des Schützenweges in Ernst-Thälmann-Straße.
19. August 1993 Aufstellung des Schwedensteines von 1903 in der Straße Am Schweden-stein. Einweihung mit Bürgermeisterin Dr. Rosemarie Wilcken.
19. August 1993 1. Schwedenmahl im Bürgerschaftssaal, das seither jedes Jahr stattfindet.
19. August 1997 Aufstellung von 2 Kanonen vor dem Stadthaus. Auf Initiative des Lions Club Wismar aus Landskrona aufgestellt.
20. August 1826 Anton Haupt wird mit 26 Jahren Wismarer Bürgermeister.
20. August 1828 Im heutigen Welt-Erbe-Haus, der ehemaligen Kaufmanns-Compagnie ist durch den Tapezierer Hermann Fölker im Haus des Bürgermeisters Gabriel Lembcke der Tape-tensaal mit der Panoramatapete übergeben worden.
20. August 1954 Die Wilhelmstraße wird in Claus-Jesup-Straße umbenannt.
20. August 2000 Der erste Schwedenlauf mit 70 Läufern findet während des 1. Schwedenfes-tes in Wismar statt.

Detlef Schmidt

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