Kalenderblatt zum 15. Februar

NS-Ideologie im Wismarer Bauwesen

Am 15. Februar 1937 wurde der 196 Meter lange dreistöckige Wohnungsblock an der südlichen Sei-te der Rostocker Straße übergeben. Planer und Architekt war der Hamburger Architekt Konstanty Gutschow, der auch wegen seiner besonderen NS-Nähe als „Speer von Hamburg“ genannt wurde. Bauherr war die „Mecklenburger Heimstätte GmbH“. Als Besonderheit wird genannt, dass es für jeden Aufgang Luftschutzkeller gab. Hier sollte jedem schon in „Friedenszeiten“ klar gewesen sein, dass die zwischen 1933 und etwa 1940 entstandenen Bauten auf die Ideologie der Nazis konzipiert sind – Nutzung für einen Krieg.
1933 hatte Wismar 27.500 Einwohner, die bis1940 um 27 Prozent auf 35.100 Einwohner anstieg. Es wurden mehr Geburten als Sterbefälle angezeigt, doch der Anstieg der Bevölkerung resultiert ein-deutig aus dem Angebot an Arbeit. Die Norddeutschen Dornierwerke zogen viele Menschen an und die Stadt musste dringend Wohnraum schaffen. Gleichzeitig übernahm sie die Kosten für die Fertigstellung der Dornierfläche mit Be- und Entwässerung. 1934 bis 1935 wurden zunächst 68 Sied-lerstellen am „Weißen Stein“ und Dargetzow gebaut, und zehn Siedlerstellen an der „Eisernen Hand“. Bis 1936 erfolgte der starke Ausbau der Siedlungen Dargetzow, denn hier entstand mit den Dornierwerken eine kleine autarke Gemeinde mit Kirche, Lebensmittel- und Bäckerladen. Die An-wohner konnten sich auf ihrem Land auch selbst versorgen. Vergeben wurden Häuser unter ande-rem auch an 46 kinderreiche Familien, die „arisch und erbgesund“ sind. Es sollte eine autarke Sied-lung entstehen, die der Nazi-Ideologie entsprach.
Ab 1936 wurde der Siedlungsbau eingeschränkt, da dringender Wohnraum benötigt wurde. Außer-dem hatte Oberbürgermeister Pleuger in dem Hamburger Architekten Konstanty Gutschow einen eifrigen Verfechter von Großbauten, denn „ein nur aus Kleinhäusern bestehende Deutschland könne nicht repräsentativ sein“. Trotzdem wurden die Siedlungen in den Folgejahren weiter aus-gebaut und Pleuger hätte sich beinahe mit seinen Oberbonzen überworfen, denn die „NS Siedler- und Bauernlobby“ warf ihm vor, dass er gegen die Ideale von „Heim und Scholle“ verstoße. Nur Gauleiter Hildebrandt konnte ihn retten. 1935 folgten 244 Wohnungen in Wismar-Süd und weitere am Friedhof, Rosenweg, Wiesenweg, Lehnensruher Weg, Poeler Straße, Philosophenweg kamen hinzu. Ebenso entstanden auf dem Gelände des Arbeitersportkartells an der Friedrich-Techen-Straße, Wohnungen, wie auch der Bereich am Schwedenstein. Heute ist es die Straße „Am Köp-pernitztal“. Bis 1936 entstanden somit 1.000 Wohnungen, davon lediglich 83 die aus privaten Mittel kamen. Ein Gutachten der Stadt durch Befragungen der Wismarer ergab jedoch noch einen Bedarf von 1.000 Wohnungen. Sie sollten „groß und billig“ sein, so die Forderung. Erreicht werden konnte dies, indem die Stadt den Wohnungsbau mit 550.000 Reichsmark unterstützte. Die ausführenden Baugesellschaften waren die „Gagfah“ (Gemeinnützige Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten), die 1918 gegründet wurde und 1933 in den Besitz der NS Deutschen Arbeitsfront gelangte und die Mecklenburgischen Heimstätten GmbH. Beide Gesellschaften arbeiten für die Stadt, die ihnen das Baugelände für weit unter dem Wert veräußerte und diese damit so einen preiswerten Mietzins von 25 Reichsmark anbieten konnten. Der Zinssatz betrug für die Bauträger lediglich zwei Prozent Tilgung und zwei Prozent Zinsen.
Der Wismarer Bauboom setzte sich fort und so wurden 1937, 800 Wohnungen fertig gestellt und von April 1938 bis März 1939 noch einmal 1.112 Wohnungen. Ab 1939 kommt der Wohnungsbau langsam zum Erliegen. Von April 1939 bis Februar 1940 werden noch 223 Wohnungen am Wischberg und in der Poeler Straße und 132 Wohnungen am Lehnensruher Weg gebaut. Insgesamt wurden zwischen 1933 und 1939 2.000 Wohnungen, darunter 1800 Neubauwohnungen.
Eine zentrale Aufgabe war jedoch auch der Bau einer entsprechenden Kläranlage, denn 1935 waren noch 34 Prozent aller Grundstücke ohne Anschluss. Da viele Bürger sich weigerten ihren Anteil für die benötigte Kläranlage zu geben, erhöhte die Stadtverwaltung einfach die Gebühren für die Fäka-lienabfuhr, um bei den Bürger Druck auszuüben.
Die Hansestadt Wismar besaß den Ehrgeiz zu den größeren Städten in Deutschland aufzuschließen. Oberbürgermeister Pleuger plante, sicher unter dem Einfluss des Architekten Gutschow aus Wis-mar eine Großstadt von 150.000 Einwohnern zu machen, die er später in 80.000 revidierte. Dies setzte auch Eingemeindungen voraus. Am 1. Oktober 1939 erfolgte die Eingliederung der Gemein-den Redentin, Hof, Redentin, Hinter Wendorf, Mittel Wendorf, Vor Wendorf, Hoben und Zierow und Rohlstorfer Forst aus dem Landkreis Wismar in die Seestadt Wismar und den Stadtkreis Wismar. Wie die weitere Entwicklung zeigt ist daraus nichts geworden.
Setzte der Beginn des 2. Weltkrieges im Wohnungsbau eine deutliche Zäsur, so gab es mit dem Erlass des Reichswohnungskommissar vom15. März 1943 die Schaffung von Ersatzwohnraum, die Schaffung von „Behelfsnotheimen“ auch in Wismar. Dies waren einfach primitive Häuser, die das Aussehen einer größeren Gartenlaube hatten. In Dammhusen entstanden eine Reihe dieser Be-helfsunterkünfte, die sich nach dem Krieg und später prächtig entwickelten und manchem Haus nicht mehr seine Vorgeschichte ansieht. Zum Baugeschehen in Wismar gehört aber auch der Bau von zwei Kasernenanlagen, 1935 und 1936 für die Wehrmacht. Seit dem12. Oktober 1935 war Wis-mar wieder Garnisonsstadt.

Was sonst noch geschah
9. Februar 1961 Benennung der Dr.-Liebenthal-Straße durch Ratsbeschluss.
10. Februar 1948 Beginn der Bauarbeiten für ein neues Theater an der Parkstraße in der ehemali-gen Exerzierhalle der Infanteriekaserne.
12. Februar 1995 Eröffnung des Technologie- und Gewerbezentrum Wismar mit Haus 1-3, Phillip-Müllerstraße.
13. Februar 1544 Fertigstellung der neuen, astronomischen Monumentaluhr hinter dem Hauptaltar in St. Marien.
13. Februar 1903 Einweihung des Offizierskasino für das Wismarer Offizierskorps im ehemaligen Hause des Baumeisters Heinrich Thormann am Lindengarten, Altwismartor.
13. Februar 1849 Wilhelm Voigt (der „Hauptmann von Köpenick“) in Tilsit geboren (wird 1 Tag vor seinem Geburtstag am 12.2.1906 aus dem Zuchthaus Rawitsch bei Breslau entlassen).
14. Februar 1825 Bürgermeister Karl von Breitenstern (geb. 25. Juni 1777) gestorben. Er war Grün-der des „Musikverein 1818“.
14. Februar 1990 Die Ostsee-Zeitung Wismar berichtet über Wahlfälschungen bei der 1989 durch-geführter Kommunalwahl in Wismar.
14.Februar 2000 Gründung des Förderverein „Poeler Kogge e.V.“
15. Februar 1950 Der kommunale Stadtverkehr nimmt seinen Betrieb mit zwei Linien auf.
16. Februar 1856 Rudolph Karstadt in Grevesmühlen geboren, gestorben am 19. Dezember 1944 in Schwerin.

Detlef Schmidt

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