Kalenderblatt zum 15. Januar

Er widersetzte sich der Staatsgewalt

Am 15. Januar 1926 wird der Philologe und spätere Leiter des „Mecklenburgischen Wörterbuches“ Dr. Jürgen Gundlach in Plau am See geboren. Am 3.12.2014 verstirbt er in Wismar.
Jürgen Gundlach hat nahezu sein ganzes Leben in Wismar verbracht. 1932 verzog die Familie Gund-lach mit dem sechsjährigen Jürgen von Plau am See nach Wismar. Seine Eltern kauften ein Haus in der Lübschen Straße mit einem Blick in die Wallgärten. Hier hat Dr. Gundlach bis zu seinem Tod al-lein gewohnt. Er war nie verheiratet und hat seine Eltern mit großer Sorgfalt bis ins hohe Alter in heimischer Umgebung gepflegt und pflegen lassen. Eingeschult ist Dr. Gundlach 1932 in der Kna-benbürgerschule am Schwarzen Kloster, der heutigen „Goethe-Schule“. 1936 bestand er die Auf-nahmeprüfung und besuchte das altgriechische Gymnasium. Durch die Kriegsumstände gezwun-gen, machte der 1944 sein Abitur an der Großen Stadtschule. Gleich nach dem Examen wurde er im März 1944 zur Wehrmacht eingezogen und musste an die Front. Das eine Jahr Soldat in einem mörderischen Krieg hat ihn zu einem Gegner von Krieg und Gewalt, die überhaupt nicht zur Einstel-lung des zukünftigen Philologen passte, werden lassen. Er kam in englische Kriegsgefangenschaft, die er im Winter 1945 zu 1946 in Belgien überstand und kehrte im Frühjahr 1946 nach Wismar zu-rück. Er bemühte sich um Aufnahme eines Jurastudiums an der Rostocker Universität, belegte aber doch ein Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie, das er 1951 mit dem Staatsexamen für das Lehramt im höheren Schuldienst abschloss. Gleich nach dem Studium begann er an seiner Dissertation „Das Komische im Werk von Wilhelm Busch“ zu schreiben und promovierte 1954 hier-mit an der Rostocker Universität.
Bis 1954 lehrte er als Dozent Deutsch und Geschichte an der Fachschule für Gartenbau in Ribnitz-Damgarten, bis ihn Prof. Hermann Teuchert 1954 als Wissenschaftlicher Assistent an das „Mecklen-burgische Wörterbuch“ in der Außenstelle Rostock-Warnemünde der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin berief. Teuchert ist schon lange auf den jungen Philologen aufmerksam geworden, der durch seine zielgerichtete Arbeit und Kenntnis der mecklenburgischen Volkskunde und Sprache sich auszeichnete. Nach dem Ausscheiden Teucherts, wurde Dr. Jürgen Gundlach Lei-ter der Außenstelle, die er bis zu seinem Ausscheiden in den Ruhestand am 1. März 1991 leitete. In Fortführung und Beendigung der lexikografischen Arbeit hat er mit den sieben Bänden und einem späteren schmalen Indexband des Mecklenburgischen Wörterbuchs eine mit seinem Namen ver-bundene Lebensleistung geschaffen. Das Wörterbuch ist inzwischen für die Sprache und die Volks-kultur Mecklenburgs zu einem Standardwerk und unentbehrlichen Ratgeber geworden. Für diese Lebensleistung ist er 1993 mit dem Kulturpreis der Hansestadt Rostock und im gleichen Jahr der Landsmannschaft Mecklenburg geehrt worden. 1994 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz 1. Klas-se des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen. In zahlreichen Vorträgen, Auf-sätzen und Zeitungsartikeln in den Regionalzeitungen des damaligen Bezirkes Rostock, mit einer Hörfolge beim Radio DDR, Sender Schwerin, und der viel beachteten Reihe „Von Aant bis Zäg“ oder dem Büchlein „Krischan mit der Piepe“, hat er für Verbreitung und Ansehen des Plattdeutschen gewirkt. Erst im Ruhestand und wieder im vereinten Deutschland, das ihn immer wieder mit un-bändiger Freude erfüllte, erhielt er späte aber durchaus berechtigte Ehrungen.
Seine berufliche Tätigkeit in einem Institut der Deutschen Akademie der Wissenschaften hat ihn in seiner beruflichen Tätigkeit in der DDR-Zeit vor größeren Angriffen und Bevormundung von politi-scher Seite bewahrt, auch wenn er häufig bedrängt wurde, weil er sich frei von politischer Bindung hielt. „Ich war kein Widerstandskämpfer“, bekannte er, „aber Maßregelungen aus Gründen der Konfrontation mit der Parteilinie sind unvergessen“. Als es im August 1960 zur Sprengung von St. Marien in Wismar kommen sollte, war er ein entschiedener Gegner einer Sprengung von St. Mari-en. Als sein persönliches Eintreten bei den kommunalen Vertretern und auch bei der Landesdenk-malbehörde nicht fruchtete, wandte er sich mit einem Protestschreiben an den Ministerpräsiden-ten der DDR. Hier protestierte er gegen den Abriss des Kirchenschiffes und bezeichnete diesen als „Kulturschande“. Dass er damit seine junge akademische Laufbahn aufs Spiel setzte störte ihn nicht, denn St. Marien war ihm wichtiger! Die Wiedervereinigung, die er als das größte Geschenk empfand, sah ihn als politisch aktiven Bürger, der sich über die Presse für Bereitschaft zum Mittun einsetzte, so auch für die Rückbenennung von Straßennamen wie seiner Lübschen Straße in Wis-mar. Jürgen Gundlach war ein vielseitig gebildeter, feinsinniger und humorvoller Mensch und ein beliebter, immer interessanter Gesprächspartner mit einem großen Freundes- und Bekannten-kreis. Jürgen Gundlach war schon von seinem Äußeren her eine charismatische Gestalt, die er noch durch seine vielseitigen Kenntnisse vertiefte.
Dem Erhalt der niederdeutschen Sprache hat er besonders in der für diese Sprache schwere Zeit zwischen 1950 und 1970 sehr viel getan. Diese Sprache ließ ihn natürlich auch in seinem Ruhestand nicht los und gerne nahm er 1994 den Auftrag an, die neue mecklenburgische Verfassung in das plattdeutsche zu übersetzen. Eine reizvolle aber auch schwierige Aufgabe, wie er sagt: „Plattdütsch is nu mal keine Juristenspraak“. Doch Artikel 16 verpflichtet das Land Mecklenburg-Vorpommern ausdrücklich die niederdeutsche Sprache zu fördern und zu schützen. Bis ins hohe Alter nahm Jür-gen Gundlach am kulturellen und geselligen Leben seiner Heimatstadt Wismar teil. Erst als seine Krankheit ihn zwang, verzichtete er auf die ihm lieb gewordenen Veranstaltungen. Doch er wurde vermisst. Am 3. Dezember 2014 verstarb Dr. Jürgen Gundlach in Wismar. Er fand seine letzte Ruhe-stätte auf dem Wariner Friedhof in der Familiengrabstätte. Testamentarisch vermachte er sein El-ternhaus, eine Villa in der Lübschen Straße, der Diakonie für soziale Zwecke.

Was sonst noch geschah
15. Januar 1962 Abriss des Gefangenenturmes an der Turmstraße. Der Gefangenenturm überstand das Bombardement vom 25. August 1944 schwer beschädigt, wurde aber im Januar 1962 abgeris-sen. 2003 wurden die Häuser Großschmiedestraße 41 bis 43 am Ausgang der Turmstraße neu ge-baut, wobei die Form des alten an dieser Stelle stehenden Gefangenenturms in die Architektur mit aufgenommen wurde.
15. Januar 1990 Demonstration des Neuen Forum gegen die Verschleierungspolitik der SED-PDS unter dem Motto „Deutschland, einig Vaterland“.
16. Januar 1703 Festungsbaumeister Erik Dahlberg gestorben.
16. Januar 1948 Das Karstadt Haus in Wismar wird Volkseigentum.
18. Januar 1990 Wismar erhält durch Ratsbeschluss den Beinamen „Hansestadt“.
19. Januar 1721 Oberhauptmann Strömfeld trifft in Wismar ein, um die Schwedische Herrschaft nach dem Ende des Nordischen Krieges wieder herzustellen.
20. Januar 1948 Sitzungen der Stadtverordneten finden wieder im Ende 1947 fertiggestellten Rat-haus statt.
21. Januar 1329 Fürst Heinrich der Löwe (von Mecklenburg) gestorben.

Detlef Schmidt

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