Kalenderblatt zum 15. Januar

  Neues Forum setzte sich durch

Am 15. Januar 1990 plante die Wismarer Bürgerinitiative „Neues Forum“ in ganz Mecklenburg und in Wismar auf dem Marktplatz, eine große Kundgebung, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Schon damals wurde die Bekämpfung Links- und Rechtsradikaler Strömungen gefordert, aber auch die Auflösung des Geheimdienstes, die Offenlegung des Vermögens der in PDS umbenannten SED und Bestrafung der Schuldigen aus deren Parteiapparat und der Staatsführung.

Die geplante Kundgebung wurde aber von der ehemaligen SED blockiert, da sie am 15. Januar 1990 eine Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg planten. Am 15. Januar 1919 sind die beiden ermordet worden und die SED Führung veranstaltete jedes Jahr an diesem Tag einen Gedenkmarsch zur Berliner „Gedenkstätte der Sozialisten“. Nun sollte dieser auf dem Wismarer Marktplatz stattfinden, und das noch auf einem Montag, dem Tag der traditionellen „Montagsdemonstrationen“. Die Wismarer im Neuen Forum waren außer sich und nachdem sie am 7. November 1989 auf dem Markt die größte Demonstration in der Wismarer Geschichte abgehalten hatten, meinten sie zu Recht, dass der Markt dem Volk gehört und nicht den „Bonzen“. Die Verwerfungen in der Gesellschaft waren soweit gediehen, dass sie der ehemaligen führenden Partei erfolgreich Paroli bieten konnten. Letztendlich hatte das Neue Forum die Oberhand und die Demo der Bürgerinitiative fand unter Leitung des Neuen Forum statt. Sie stand unter dem Motto: „Deutschland, einig Vaterland gegen die Verschleierungspolitik der SED-PDS“.

Das Neue Forum ist am 19. September 1989 unter Berufung auf Artikel 29 der DDR-Verfassung in elf der 15 DDR-Bezirke angemeldet. worden Zwei Tage später wurde über die staatliche Nachrichtenagentur ADN das Neue Forum als verfassungs- und staatsfeindlich beschrieben. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits 3.000 Menschen den Aufruf unterschrieben. Am 25. September wurde der Antrag auf Zulassung offiziell mit der Begründung abgelehnt, es bestehe keine gesellschaftliche Notwendigkeit für eine derartige Vereinigung. In Regierungskreisen wurde der Gründungsaufruf wie folgt interpretiert: „Es sei ein gefährliches Oppositionspapier, weil es zu 70 Prozent die Probleme der Bevölkerung benenne und nur zu 30 Prozent ein Angriff auf die DDR sei.“

Am 18. Oktober 1989 schreibt das Wismarer Neue Forum an die Kreisleitung der SED, den Rat der Stadt und des Kreises, das am 23. Oktober 1989 in einer außerordentlichen Sitzung der SED Kreisleitung mit einer Kampfansage des Kreissekretärs Hans-Jürgen Große-Schütte, seine Antwort fand. Man wollte zu dem Zeitpunkt keinen Dialog mit „Volksfeinden“. Doch diese versammelten sich am 18. Oktober 1989 mit 2.000 Sympathisanten in der Prosekener Kirche und am 23. Oktober 1989 im Haus von Fritz Kalf in Voßkuhl. Unter dem Eindruck dieser Volksmasse begann am 25. Oktober 1989 die erste „Dialog“veranstaltung im Wismarer Rathaus, die wegen Platzmangels bei den nächsten „Dialogen“ in das Theater und in die Sporthalle verlegt wurden. Die Funktionäre meinten nun, sie hätten „verstanden“, doch die Menschen wollten sie nicht mehr. Das war der große Irrtum der allgegenwärtigen Partei, dies nicht zu begreifen – sie waren schlichtweg dazu nicht mehr in der Lage. Einen Höhepunkt des Neuen Forum Wismar, war dann der Reformationsgottesdienst am 31. Oktober in der St. Nikolaikirche. Thomas Beyer vom Neuen Forum hielt eine beachtete Rede in der überfüllten Kirche. Er gab ihnen Trost aber auch Kraft, den noch vor ihnen liegenden Weg weiter zu gehen und mahnte aber gleichzeitig einige Hitzköpfe, keine Gewalt auszuüben. So einen Reformationstag hatten die meisten von ihnen noch nicht erlebt und sie setzten die Reformation ihrer eigenen Gesellschaft mit der ersten großen Demonstration am 7. November 1989 mit zehntausenden Menschen auf dem Wismarer Marktplatz fort.

Zuvor gab es am 12. November ein erstes Gespräch zwischen Neuem Forum und dem Rat der Stadt Wismar. Das Neue Forum organisierte sich und am 15. November 1989 bildete es einen Sprecherrat mit, Fritz Kalf, Ulrich Bäcker, Guntram Erdmann, Thomas Beyer und Frank Wiechmann.

Thomas Beyer, Sohn eines Pfarrers in Rostock, ehemaliger Bausoldat und Vater dreier Kinder, hatte sich im Herbst 1989 der neuen Bürgerinitiative angeschlossen und zählte zu den führenden Mitgliedern. Früh hatte er erfahren müssen, dass man aufgrund seiner Einstellung nicht studieren dürfte. So wurde er Krankenpfleger und konnte danach Theologie studieren. Der vorgesehenen Promotion kam der „heiße DDR-Herbst“ dazwischen und er setzte seine gesamte Kraft zur Umgestaltung der Gesellschaft ein. Bei den ersten freien Kommunalwahlen am 6. Mai 1990 erreichte er mit vier weiteren Mitgliedern des Neuen Forum vier Sitze in der Bürgerschaft und wurde am 30. Mai 1990 zum Senator für Soziales und Gesundheit und ersten Stellvertreter der Bürgermeisterin der Hansestadt Wismar gewählt. Nach der Widerwahl 1994 kamen noch die Bereiche Schulverwaltung, Kultur, Sport, Jugend und Wohnungswesen hinzu.  In der damaligen Aufbruchstimmung hatte keiner Erfahrung in der Selbstverwaltung einer Stadt, doch mit den Aufgaben wachsen auch Fähigkeiten. Hatte man in den Anfangsjahren noch gerne die Hilfe des Lübecker Senates mit dem Senator a.D. Egon Hilpert angenommen, so sind die heutigen Akteure unserer Kommunalpolitik längst in der Lage die Hansestadt Wismar weiter zu entwickeln. Das dem so ist, kann man überall in der Stadt sehen. Die Hansestadt Wismar ist eine Erfolgsgeschichte in allen Bereichen geworden und dazu hat letztendlich die Bürgerinitiative des Neuen Forum mit beigetragen.

Was sonst noch geschah

16. Januar 1948 Das Karstadt Haus in Wismar wird Volkseigentum.

18. Januar 1990 Wismar erhält durch Ratsbeschluss den Beinamen „Hansestadt“.

19. Januar 1721 Oberhauptmann Strömfeld trifft in Wismar ein, um die Schwedische Herrschaft nach dem Ende des Nordischen Krieges wiederherzustellen.

20. Januar 1948 Sitzungen der Stadtverordneten finden wieder im Ende 1947 fertiggestellten Rathaus statt.

21. Januar 1329 Fürst Heinrich der Löwe (von Mecklenburg) gestorben.

21. Januar 1990 Erneute Montagsdemonstrationen in Leipzig und Wismar.

22. Januar 1935 Erbbaurecht für die Sportanlage an der Dammhusener Chaussee erloschen und Zwangsversteigerung des Arbeiter-Sport-Kartell e.V.

 

Detlef Schmidt

 

 

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