Kalenderblatt zum 15. Januar

Am 15. Januar 1962 wurde der alte Gefangenenturm an der Ecke Turmstraße/Großschmiedestraße abgerissen. Er hatte den schweren Luftangriff vom 25. August 1944 zwar schwer beschädigt überstanden, doch in seiner Bausubstanz war er stark einsturzgefährdet. Um Gefahren vorzubeugen, wurde der alte mittelalterliche Wehr- und Gefangenenturm abgerissen, was man sicher ein paar Jahre später so nicht gemacht hätte. Vielen Nachkriegskindern ist der Turm noch in lebendiger Erinnerung, war doch der abschüssige Berg neben dem Turm eine tolle kleine innerstädtische Rodelstrecke, später auch „Polizeiberg“ genannt. Jahrzehntelang war der Platz unbebaut, ehe die damalige Wismarer Firmengruppe IHB hier 2003 die Häuser Großschmiedestraße 41 – 43 am Ausgang der Turmstraße neu baute, wobei die Form des alten an dieser Stelle stehenden Gefangenenturms in die Architektur mit aufgenommen wurde.

Der Gefangenenturm gehörte zu der ab 1276 errichteten Wehranlage mit der etwa drei Kilometer langen Stadtmauer und vielen Türmen. Herzog Johann I., verlegte seinen Sitz 1256 von seiner Burg im heutigen Dorf Mecklenburg in die Nähe der neuen aufblühenden Stadt Wismar. Die neue Burg südlich der Stadt auf dem Weberkamp. Dieser befand sich zwischen Altwismartor und dem Mecklenburger Tor und die Burg vermutet man dort, wo sich in etwa die Kreuzung Dr.-Leber-Straße/Hochbrücke befindet. Doch die  mecklenburgischen Herzöge hatte die „Rechnung“ ohne die Bürger gemacht, denn diese begannen ab 1276 um die Stadt eine Stadtmauer zu errichten und die Burg war draußen. Johanns Sohn und Nachfolger, Heinrich der Pilger war auf Kreuzfahrt ins Heilige Land nach Palästina und dies nutzten die Wismarer aus. Genau 3030 Meter war die Mauer nach Fertigstellung um die Stadt lang und 20 Fuß hoch, das sind ungefähr fünf bis sechs Meter und hatte eine Breite von einem Meter. Bis 1864 sollte diese Mauer so halten und bisweilen gute Dienste leisten. Danach wurde sie Stück für Stück bis auf kleine Reste, die man heute an der Dr.-Leber-Straße und an der Wallstraße sehen kann, abgetragen.

Mit einer der Stadt umgebenden Mauer war es wegen der Sicherheit noch nicht getan. Da waren zunächst die Vorburgen, die wir heute noch als Lübsche Burg, Kritzowburg, Müggenburg, Eiserne Hand, Kluß oder auch Rotenthor kennen. Das waren keine Burgen im herkömmlichen Sinn, sondern Gehöfte, deren Pächter von der Stadt für ihre Dienste entlohnt wurden. Die „Burgleute“ achteten genau darauf, wer in die Stadt wollte und schlugen auch schon mal Alarm bei verdächtigem „Gesindel“. Ähnlich war es im Übrigen, um das hier mit einzuschieben, im Hafen. Der Baum der vom „Bohmschlüter“ morgens und abends über die Hafeneinfahrt schob, war eine dringliche Sicherheitsmaßnahme im sensiblen Hafenbereich. Weiter ging es von der „Vorburg“ an dem ersten Vorwall vorbei und man musste noch Dornenhecken überwinden. Einen Beweis für diese Hecken finden wir noch im Straßennamen „Am Torney“. Der Name ist slawischen Ursprungs und kommt von „turnu“. Das bedeutet „mit Dornenhecken bewachsenem Gelände“, also der absichtlich gewachsenen „Abwehrhecke“. Wenn der Reisende nun vor die Stadtmauer kam, hatte er den Stadtgraben mit der Stadtmauer vor sich. Dazu die zahlreichen Türme und Wiekhäuser, was schon beeindruckend aussah und diesen Eindruck sollte es auch vermitteln.

Der Gefangenenturm an der Turmstraße ist in der Mitte des 14. Jahrhundert errichtet worden. Es gibt hierzu erste Aufzeichnungen von 1353, die den Turm als Gefängnis bezeichnen. Bis 1866 diente er als Gefängnis. Zwischenzeitlich hatte man in der 1858 errichteten neuen Hauptwache am Markt im Dachgeschoß vier Arrestzellen eingebaut.

Eine weitere „Verwahrungsanstalt“ war das Eckhaus Scheuerstraße/Kleine-Hohe-Straße, das von 1865 bis 1879 für Arrestanten genutzt wurde. 1890 wurde dann in der Kellerstraße auf dem Grundstück des ehemaligen Armenhauses eine „Verwahrung“ eingerichtet, die dann 1935 durch den noch heute bestehenden Arrest-Anstaltsbau ersetzt wurde.

Die Stadtmauer begann man im Bereich der heutigen Turmstraße 1893 abzureißen. Im gleichen Jahr entstanden auch die ersten Häuser „hinter der Mauer“, so die erste Straßenbezeichnung. Am 16. Januar 1894 erhielt die Turmstraße ihren heutigen Namen. Die Turmstraße war eine beidseitig bebaute Straße, wobei der Wismarer Maurermeister Heinrich Scharff, dem alleine sieben Häuser in dieser Straße gehörten, deren rückwärtigen Straßenteil kurzerhand eigenständig in Heinrich-Scharff-Straße benannte. Dies wurde schnellstens durch den Rat rückgängig gemacht, doch noch heute kursieren Ansichtskarten mit der Heinrich-Scharff-Straße und noch das Wismarer Adressbuch von 1898 führte sie als Randnotiz mit auf. Der weitaus größere Teil der alten Turmstraße ist 1944 den Bomben zum Opfer gefallen.

Was sonst noch geschah

15. Januar 1990 Demonstration des Neuen Forum gegen die Verschleierungspolitik der SED-PDS unter dem Motto „Deutschland, einig Vaterland“.

16. Januar 1703 Festungsbaumeister Erik Dahlberg gestorben.

16. Januar 1948 Das Karstadt Haus in Wismar wird Volkseigentum.

18. Januar 1990 Wismar erhält durch Ratsbeschluss den Beinamen „Hansestadt“.

20. Januar 1948 Sitzungen der Stadtverordneten finden wieder im  Ende 1947 fertiggestellten Rathaus statt.

21. Januar 1921 Die Reichswehr raubt die Mitrailleuse (kleine Kanone vor der Hauptwache).

21. Januar 1990 Erneute Montagsdemonstrationen in Leipzig und Wismar.

23. Januar 1823 Anton Haupt wird zum Wismarer Ratsmitglied gewählt.

Detlef Schmidt

 

 

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