Kalenderblatt zum 15. November

 Neuer Bahnhof, aber schön ist er nicht geworden

Am 15. November 1908 erhielt Wismar ein neues Bahnhofsgebäude mit einer Unterführung zu den Bahnsteigen. Die Wismarer schienen nicht so begeistert von dem Neubau zu sein, denn das Mecklenburgische Tageblatt berichtete am anderen Tag darüber: „Die Bahnhofsanlage in Wismar genügt den Anforderungen der Jetztzeit nicht mehr. Einmal ist der Zugang zum Bahnhof über den Schienengeleisen vor dem Pölertor leicht Störungen unterworfen, und dann müssen wegen des gesteigerten Bahnverkehrs auch neue Schienengeleise geschaffen werden. Deshalb will man den Zugang zum Bahnhof verlegen. Dies geschieht durch Anlage eines Tunnels, dessen Eingang bei der Bahnhofstraße liegt. An der Stadtseite wird ein Vorempfangsgebäude errichtet, in dem sich Gepäckannahme und Fahrkartenschalter befinden. Von dem Vorempfangsgebäude geht man auf einer Treppe in den Tunnel, steigt nach Passieren desselben auf und tritt in eine große Bogenhalle, an die sich der überdachte Bahnsteig an beiden Seiten anschließt. Das Gepäck wird in einer besonderen Anlage mit Maschinerie durch den Tunnel befördert. Am Bahnsteig werden Dienst- und Nebengebäude errichtet. Das Vorempfangsgebäude wird einstöckig im Ziegelrohbau mit Mansardendach aufgeführt und mit Ziegeln gedeckt, ebenso das Dienstgebäude am Bahnsteig.“ Als Neuerung hatte das Bahnhofsgebäude eine „Koffertransportanlage“. Ein Buchhändler eröffnete 1906 auf dem Bahnhof sein Geschäft und 1907 wurde der erste Fernsprecher auf dem Bahnsteig aufgestellt.  „Schön ist er nicht geworden“, mäkelten damals schon einige Zeitgenossen an diesem Bauwerk herum.

Wismar erhielt am 12. Juli 1848 einen Eisenbahnanschluss und zwar als Nebenstrecke vom Dorf Kleinen, wo die Hauptstrecke zwischen Schwerin und Rostock verlief. Wismar hätte um 1848 beinahe die Chance gehabt, einen Knotenpunkt, wie das damalige unbedeutende Dorf Kleinen, zu erhalten, doch es wurde durch das Bahnprojekt Hamburg-Berlin als stärkerer Konkurrent regelrecht ausgebotet. Nach Rostock konnte man ab 1883 und in Richtung Sternberg 1887 fahren. Diese Strecke ist heute schon wieder Geschichte und nach Lübeck gab es nie eine direkte Verbindung. In Wismar kamen die Reisenden in ein zunächst provisorisches „Empfangsgebäude“ gegenüber der Grubenmühle unter. Die Lokomotive und die Wagen wurden über den 1847 errichteten Güterschuppen umgeleitet, denn Wismar war und blieb zum Leidwesen vieler Wismarer ein sogenannter „Sackbahnhof“.

Am 1. Juli 1857 konnte dann das neue repräsentative Bahnhofsgebäude im sogenannten „Tudorstil“ eingeweiht werden und nur Teile der Stadtmauer trennten die Eisenbahn von der Stadt. Deshalb „bröckelte“ hier die Stadtmauer zuerst. Die Eisenbahn erzeugte wirtschaftliche Erfolge und 1853 wurde schon das erste Gleis zum Alten Hafen vor dem Bahnhofsgebäude, das 1857 fertig erstellt war, verlegt. Später noch das zweite Gleis, doch das hinderte 1892 nicht, den Bahnhofsvorplatz mit Droschkenplatz und Blumenanlagen herzurichten. Erst als das dritte Gleis 1898 hinzukam, kam eine Unterführung ins Gespräch. Diese wurde 1908 realisiert und das „Mecklenburger Tageblatt“ schreibt am 19. Mai 1908: Die Überdachung für die neue Bahnhofshalle wurde aus Rostock geliefert. Dort hatte man die alte Überdachung des Friedrich-Franz-Bahnhofes abgerissen und man fand sie für Wismar noch ganz „passabel“. Am 14. November 1887 eröffnete mit der Eisenbahnstrecke nach Karow eine besonders für die Landwirtschaft wichtige Verkehrsverbindung zwischen dem Handelszentrum Wismar und den Landstädten mit ihren landwirtschaftlichen Erzeugnissen. 1998 ist diese Strecke wegen der Autobahn A 20 stillgelegt.

Weitere Projekte wie die Anbindung des Klützer Winkels und auch der Insel Poel blieben schon in der Anfangsphase stecken. 1890 entstand der heute unter Denkmalschutz stehende Ringlokschuppen. Dieser gehörte ab 1935 zum damals gegründeten Bahnbetriebswerk Wismar, das am 31.Dezember 1993 seinen Betrieb einstellte. Heute kümmert sich der Verein „Eisenbahnfreunde Wismar e.V.“ um die Geschichte und Erhalt der Bahnanlagen. Ein ehrgeiziges Ziel der DDR-Wirtschaftsführung war die durchgehende Elektrifizierung der Eisenbahn. Am 29. Mai 1987 konnte die Bahnstrecke Wismar-Bad Kleinen mit einer E-Oberleitung übergeben werden. Wismar wäre ohne Hafen nichts aber der Hafen wäre auch ohne Eisenbahn im „schwierigen Fahrwasser“.

Auf dem ehemaligen Bahnhofsvorpatz sind die Gleisanlagen entfernt worden und im Zuge der Neuordnung in diesem Bereich, soll der Platz wieder zu einem Bahnhofsplatz mit direktem Zugang zu den Bahnsteigen umgestaltet werden. Der Fußgängertunnel von 1908 soll zugeschüttet werden. Es ist zu hoffen, dass der Oberbau auch mit entfernt wird, denn „schön ist er nie geworden“, wie die Wismarer schon 1908 sagten. Der alte erhaltene Bahnhof von 1857 wird wieder seine alte Funktion übernehmen können. Mit der vorgesehenen Unterführung

Was sonst noch geschah
17. November 1995 Grundsteinlegung für die Median-Klinik im Stadtteil Wendorf.
17. November 2000 Einweihung des Freizeitbades „Wonnemar“.
17. November 2015 Dr. Rosemarie Wilcken, Bürgermeisterin von 1990-2010, wird Ehrenbürgerin von Wismar.
18. November 1427 Bürgermeister Johann Banzkow auf dem Markt enthauptet.
18. November 1959 Übergabe Park der Solidarität auf ehemaligem Ziegeleigelände (heute Burg-wallcenter).
19. November 1991 Gründung der „Wismarer Wirtschaftsgemeinschaft“ im „Wismarer Hof“ (heute Fründts Hotel).
19. November 1936 Flak-Kasernen (I. Abt. Flaksturmregiment 61) an der Lübschen Burg werden bezogen.
20. November 1554 Fertigstellung des Fürstenhofes.
20. November 1909 Übergabe des Eisenbahnfußgängertunnels in der Rostocker Straße, Baubeginn war im August 1909.
21. November 1939 Nutzung des ehemaligen Arbeitersportlerheimes durch die Norddeutschen Dornierwerke das Haus als Lehrlingswohnheim.
22. November 1835 Bürgermeister Anton J. F. Haupt gestorben (geb. 18. September 1800).
23. November 1838 Einweihung der „Koch´schen Stiftung“ in der Mecklenburger Straße.

Detlef Schmidt

 

 

 

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