Kalenderblatt zum 16. August

 Kartoffeln und Rüben aus dem Lindengarten

Jedes Stück freies Land wurde nutzbar gemacht

Am 16. August 1949 erließ der Wismarer Rat eine Verordnung, dass ab sofort im Lindengarten keine Privatäcker angelegt werden durften. Da hatten die Wismarer den „Lindengarten“ wörtlich wohl als Garten genommen. Dies traf nach einem weiteren Rundschreiben an alle Haushalte der Stadt vom 8. September 1949, generell für alle nach dem Krieg angelegten Privatäcker in der Stadt und auch die Anlagen am Volkshaus und in der Dahlmannstraße, ebenso die angelegten Gärten am Westhafen. Die privaten Hausbesitzer wurden aufgefordert, die sich vor ihren Häusern befindlichen Vorgärten nicht mehr als Nutzgarten, sondern als Ziergarten zu nutzen.

Es ist auch ein Anzeichen, wie schwer der Neubeginn trotz einer positiven Aufbruchstimmung, für die Wismarer war. Erste statistische Erhebungen ergeben auch einen enormen Zuwachs an Bürger in die Stadt. Wismar hatte 1939 ca. 36-tausend Einwohner, und 1946 waren 16 Prozent mehr Flüchtlinge entfallen. Mit der Besetzung durch die Rote Armee wurde die Bezeichnung „Vertriebene“ aus dem Sprachgebrauch gestrichen. Dafür kamen „Flüchtlinge und Umsiedler“ hinein. Aber diese Menschen aus Ostpreußen, Schlesien, Pommern usw., sind aus ihrer Heimat und von ihrem Eigentum vertrieben worden. Freiwillig ist keiner gegangen. Diesen ein menschwürdiges Dasein zu geben, war vordringlichste Aufgabe der Besatzungsmacht und der deutschen Verwaltung. Schon am 26. Juli 1945 setzten sich der alte Vorstand der Kleingärtner zusammen, um erste Maßnahmen zu beraten, worauf am 18. September 1945 die erste Mitgliederversammlung nach dem Krieg stattfand. Ein Tagespunkt war die Bereitstellung an Gartenland für die Zugereisten, aber auch, dass die Wismarer nur „einen“ Garten bewirtschaften durften und keine „Zweit- und Drittgärten“. Dies war wichtig, um den Vertriebenen durch Bereitstellung eines Gartens, für sich selbst Nahrungsmittel anzubauen. So entstanden nach 1945 die Anlagen „Hinter dem Friedhof, Klußer Damm, Hinter dem Mühlenteich und am Wendorfer Weg“. Dazu kommen noch 1.300 Ackerstücke für Feldfrüchte. Gab es 1945 einen Bestand von 2.500 Gärten so waren es Ende 1949 5-tausend Gärten auf insgesamt 302 Hektar in der Stadt. Aus diesen Zahlen wird leichter verständlich, dass man nun keine städtischen Flächen zur Bewirtschaftung brauchte und auch nicht duldete. Für die tausende Vertriebenen war es ein weiterer Schritt, heimisch zu werden. Heute würde man das mit Integration bezeichnen. Vieler dieser Vertriebenen glaubten, dass sie noch einmal wieder zurück an ihren alten Wohnort kommen würden. Wohnungen waren knapp aber Wismar ist durch die kampflose Übergabe am 2. Mai 1945 so stark nicht zerstört worden. Viele Häuser beschlagnahmte die Rote Armee für sich und ihre Offiziere, so dass die einheimischen Bürger auch auf Wohnungssuche waren. Die Umsiedler fanden in den sogenannten „Flüchtlingslagern“ Unterkunft. Bis weit in die DDR-Zeit konnte man diese sehen und dienten mittlerweile einem anderen Zweck. Diese gab es in der Friedrich-Techen-Straße, an der heutigen Hochschule, in den Kasernen, in Dargetzow und an der Rostocker Straße, wo sich heute der Diamanthof befindet und im ehemaligen Luftwaffenlazarett. Es gab in Wismar 17 Flüchtlingslager mit mehr als jeweils 10 Vertrieben. Zuweisungen erhielten einzelne Familien in Privathäusern. Private Hausbesitzer können jetzt auch Dachgeschosswohnungen oder zerstörte Wohnräume ausbauen. Die städtische Bauverwaltung stellt dazu Material bereit.

Man rückte etwas mehr zusammen, was nicht ohne Spannungen ablief. In den Lagern gab es daher strenge Hausregeln, die auch überprüft wurden. Soldaten und Offizieren der Roten Armee war das Betreten diese Lager aus gutem Grund verboten. Wer diese Hausregeln missachtete, konnte schon mit Verlust seiner Lebensmittelmarken rechnen oder wurde auch zur Arbeit „zwangsverpflichtet“. Das half. Doch die beste Hilfe war die Zuweisung eines Stück Gartenlandes. Hier wurden Kartoffeln, Rüber, Tomaten aber auch Tabak angebaut. Zigaretten waren teuer und so wurden sie eben in „Heimarbeit“ selbst hergestellt. Hier trafen sich „alte und neue“ Wismarer, deren gemeinsame Nenner die Not und der Hunger war. Das war eben die „schlimme Zeit“ von der unsere Eltern und Großeltern sprachen. Diese brachte natürlich auch Mitbürger auf dem Plan, die ohne Ernte etwas abhaben wollten. Am 10. Februar 1946 wandten die Kleingärtner sich an den Oberbürgermeister mit einer Beschwerde über die andauenden Plünderungen und Diebstähle. Der bat die Rote Armee um Mithilfe zur Bewachung der Gärten, was nicht den gewünschten Erfolg brachte und so schrieben die Kleingärtner am 4. Juni 1946 an die mecklenburgische Landesregierung. Die erlaubten dem Wismarer Bürgermeister, dass er aus der Bevölkerung eine „Schutzmannschaft zusammenstellen darf. Nun patrouillierten 20 Männer in den Gartenanlagen als „Gartenpolizisten“ Sie erhielten dafür eine Aufwandsentschädigung, die durch eine Abgabe von 1 Reichsmark pro Garten zustande kam. Das zeigte Wirkung, denn von 299 gemeldeten Gartendiebstehlen in 1948, stehen nur noch 65 gemeldete Delikte gegenüber. Doch die staatliche Hilfe kommt nicht nur aus Mitleid zustande, sondern aus ganz praktischen Erwägungen. So wie der Landwirt sein Abgabesoll hatte, musste jeder Kleingärtner fünf Kilogramm Obst abgeben. Sie wurden daher auch aufgefordert, mehr Himbeeren, Brombeeren und schwarze Johannesbeeren zur Herstellung von Tee und Medikamenten anzubauen.

Heute gibt es in Wismar 5.320 Gärten auf 205,57 ha Fläche. Fünf Prozent der Stadtfläche sind Dauerkleingärten und sorgen mit ihrer grünen Lunge für einen Ausgleich fehlender Wälder. Mit diesen Zahlen hat Wismar in Deutschland die Spitzenposition. Diese Position hatte die Stadt schon erreicht, als es vielen Bürgern nicht so gut geht wie heute und man schaffte sich Gärten zur Eigenversorgung und Erholung an und doch sind viele Parzellen verlassen. Geht es uns so gut, dass man wertvolles Gartenland nicht mehr bewirtschaftet? Kleingärtner wie Landwirte sind die Pfleger unserer Kulturlandschaft und schaffen gute Luft.

Was sonst noch geschah
17. August 1880 Einweihung der Knaben-Bürgerschule (Schwarzes Kloster Peter und Paul). Seit 6.11.1948 ist es die Goethe -Schule.
17.August 1948 Wismarer Polizei droht allen Eltern Strafe an, deren Kinder mit Katapulten, Schäden an Fenstern verursachen und Personen gefährden.
18. August 1949 Die Stadtverordnetenversammlung beschließt am 19.8.49 die Umbenennung des Schützenweges in Thälmann-Straße, die Umbenennung der Schweriner Straße fand 1954 mit der Einweihung des Denkmals statt.
18. August 2000 Die Hansestadt Wismar begeht das 1. Schwedenfest, woraus sich in den Folgejah-ren das größte „schwedische Fest außerhalb Schwedens“ entwickelt.
19. August 1796 Aufenthalt Wilhelm von Humboldts in Wismar im Hotel Stadt Hamburg.
19. August 1803 Wismar kehrt aus schwedischer Herrschaft nach Mecklenburg zurück.
19. August 1903 Hundertjahrfeier in Wismar mit Umzug sowie Einweihung Bürgerpark und Schwe-denstein.
19. August 1993 Aufstellung des Schwedensteines von 1903 in der Straße Am Schwedenstein.
19. August 1997 Aufstellung von 2 Kanonen vor dem Stadthaus.

Detlef Schmidt

 

 

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