Kalenderblatt zum 16. Februar

Kalenderblatt zum 16. Februar

1934 mussten die Wismarer Freimaurer ihr Haus schließen

Am 4. März 1819 wurde in der Mecklenburger Straße 6 die Wismarer Freimaurerloge „Zur Vaterlandsliebe“ gegründet und Landrat Adam Otto von Vieregg zum Vorsitzenden und Meister vom Stuhl der neuen Loge gewählt. Der Logenname sollte an die Treue der Bürger Wismars während der 155-jährigen Schwedenzeit und an die patriotische Haltung der Wismarer zu ihrem Land erinnern.
Seit 1851 nutzen die Mitglieder der Loge „Zur Vaterlandsliebe“ das Haus Lübsche Straße 50 für ihre Versammlungen. Schon damals waren es 90 Mitglieder. 1898 konnte dann dieses Haus angekauft werden und man baute es für die Logenzwecke um. Bis 1930 hatte die Loge 157 Mitglieder, die allesamt maßgeblich im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben Wismars eine entscheidende Rolle spielten. So Robert Schmidt, Gründer der Ingenieur-Akademie, wie ebenso der geachtete Arzt und Jude Dr. Julius Liebenthal. Langjähriger Meister vom Stuhl bis 1930 war Max Lindekugel, Direktor der Stadtwerke und bis zum nationalsozialistischen Verbot, der Wismarer Kaufmann Karl-Ludwig Eschenhagen.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, die in Wismar mit der willkürlichen Übernahme des Bürgermeisteramtes durch den Kreisleiter der NSDAP, dem Uhrmacher Alfred Pleuger, am 8. März 1933 und 15. März 1933 endgültig war, verschärfte sich der politische Ton in Wismar. SPD und KPD Fraktionen der Bürgerschaft wurden massiv behindert und bald darauf aufgelöst und die Gleichschaltung der Vereine nahm ihren Lauf.
Die Wismarer Loge hatte zu diesem Zeitpunkt noch 150 Mitglieder, bei etwa 30.000 Einwohnern in Wismar. Unter Schwierigkeiten und persönlichen Anfeindungen wurde 1933 die Logenarbeit aufrecht erhalten und nach der Reichsverordnung vom 4.Januar 1934 zur Schließung der deutschen Logen, beschlossen die Wismarer Logenmitglieder auf einer Mitgliederversammlung vom 16. Februar 1934 die Scheinauflösung. So schnell wollten die Wismarer nicht aufgeben und aus heutiger Sicht war dies mehr als blauäugig. Gefundene Spitzelberichte aus diesem Jahr berichten von zahlreichen Zusammenkünften in Clubs, privaten Einrichtungen aber auch in der alten Kaufmanns Kompagnie. Hier waren die meisten Logenbrüder aufgrund ihrer beruflichen Stellung sowieso Mitglied und dies war nach ihrer Meinung auch die beste Tarnung. Mitglied der Wismarer Loge blieb auch der allseits in Wismar beliebte jüdische Arzt Dr. Julius Liebenthal, zu dessen Beerdigung am 30. November 1938 den Wismarern das Trauergefolge verboten wurde. Als stummer Protest versammelten sich viele Wismarer, darunter viele Logenbrüder, wie „zufällig“ am Straßenrand und erwiesen ihm somit die letzte Ehre. Heute erinnert eine Straße an den Freimaurer Dr. Julius Liebenthal.  Das Logenhaus wurde enteignet und man baute hier ein nach nationalsozialistischem Vorbild gestaltetes Heimatmuseum ein, das nur wenige Jahre Bestand hatte. Seit dem 1. Oktober 2005 ist das Haus wieder Versammlungsort Wismarer Freimaurer.

Detlef Schmidt

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