Kalenderblatt zum 16. Mai

  Neue Namen braucht das Land – als erste wurde der Naziführer entfernt

Am 16. Mai 1945 wurden auf Anordnung der britischen Militäradministration die Wismarer Straßennamen mit Persönlichkeiten der Nazizeit entfernt. Die Wismarer hatten sich in den vergangenen zwölf Jahren an diese Bezeichnungen so gewöhnt, dass es ihnen nicht so auffiel, denn sie hatten sicherlich Wichtigeres zu tun.
Gleich nach dem Sieg der NSDAP in Deutschland wurde begonnen das gesamte gesellschaft-liche Leben blitzartig auf ihre Ideologie umzustellen. Dazu gehörten Vereine und Verbände und auch das äußere Erscheinungsbild. Am 2. April 1933 erhält die Mädchen-Bürgerschule in der Dahlmannstraße den Namen Adolf-Hitler-Schule und am 10. April 1933 erfolgt mit der Umbenennung der Lindenstraße in „Adolf-Hitler-Straße“ der Beginn einer Reihe von weite-ren Straßenumbenennungen. Mit diesen neuen Straßenbezeichnungen und veränderten Schul-namen, will das Nazi-Regime eine hohe Identifikation der Bürger mit ihrer Ideologie errei-chen. Die Menschen in Deutschland erlebten unbewusst, wer nun der Herr im Haus war. Um-benennungen wurden auch am Turnerweg in „Schlageterallee“, dem im Nazi-Putsch von 1923 erschossenen „Nazihelden“, und der Turnplatz in „Horst-Wessel-Platz“, „Nazi-Märtyrer“ und SA Sturmführer, der 1930 von Kommunisten ermordet wurde, vorgenommen. Die Knaben-Bürgerschule erhielt den Namen „Horst-Wessel-Schule“. Der Friedrich-Ebert-Damm, nach dem ersten sozialdemokratischen Reichstagspräsidenten benannt, erhielt den Namen „Parkstraße“ (Ph.-Müller-Straße) und das Neubaugebiet am Köppernitztal bekam ab 1937 die Namen „Friedrich-Techen-Straße“, „Bismarckstraße“ (Köppernitztal) und „Moltkestraße“ (Am Schwedenstein). Schon 1935 wurde der Bernittenhöfer Weg in „Bürgermeister-Haupt-Straße“ umbenannt. Der heutige Weidendamm erhielt den Namen „Hindenburgdamm“. Diese Namen wurden dann in der DDR-Zeit wieder umbenannt. Die Straße zum Luftwaffenlazarett, die heutige „Friedrich-Wolf-Straße“, erhielt einen perfiden Namen: „Erich-Hippke-Straße“- nach dem Generaloberstabsarzt der Luftwaffe Dr. Erich Hippke. Er führte in Dachau medizinische Experimente mit Häftlingen in den Unterdruckkammern und in Abkühlbecken durch. Sicher-lich ein „Vorbild“ für Ärzte. Nach dem Krieg tauchte Hippke unter und war als praktischer Arzt in Hamburg tätig. 1946 verhaftet, musste er sich in Nürnberg verantworten, doch verließ er das Gericht ohne Anklage und war bis 1962 Kassenarzt in Berlin, sowie Berater des Sani-tätswesens der Bundeswehr.
Die „gutbürgerliche“ Lindenstraße, heute Dr.-Leber-Straße, hat eine interessante Geschichte. Die Lindenstraße gehört wie die Dahlmann-, Ulmen-, und Wasserstraße, zu den Wismarer Ringstraßen, die die Altstadt im ehemaligen Bereich der alten Stadtmauer umschließen. Ab 1868 begann man zielstrebig zunächst die Stadttore und bis 1904 die die Stadt umziehende Stadtmauer abzureißen. Auf der nun frei werdenden Fläche wurde ab 1870 mit dem Bau von Wohnhäusern und Villen begonnen. Nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, begann auch in Wismar, sich die Wirtschaft, nicht zuletzt dank der immensen Kriegsschulden der Franzosen an Deutschland, sprunghaft zu entwickeln. Die Stadt breitete sich aus und der erste Bauboom begann eben auf der Fläche der alten Stadtmauer. Wasser- und Ulmenstraße erhielten am 24. Mai 1876 ihren Namen, die Dahlmannstraße am 1. Dezember 1881. Am 22. November 1887 erhielt die Lindenstraße ihren Namen, nach den hier angepflanzten Straßen-bäumen. Die Linde ist Deutschlands liebster Baum und nicht von ungefähr heißt Wismars ältester Park „Lindengarten“.
Ab 1934 befand sich in der Adolf-Hitler-Straße 28 die Kreisleitung der NSDAP. Am 25. Au-gust 1944 kam es in den Mittagsstunden zu einem schweren Luftangriff. Nahezu 70 Prozent der Bebauung in der alten Lindenstraße wurden zerstört, die von ihr abzweigende Gartenstra-ße und Runde Straße (etwa dort, wo eine Tankstelle steht) ist vollkommen ausgelöscht wor-den. Die Nazikreisleitung hatte ebenfalls schwerste Zerstörungen und man baute trotz Woh-nungsnot für die „Braunen“ ein Notgebäude, die „neue Kreisleitung“, auf dem kleinen Exer-zierplatz. Hier erschossen sich kurz vor Einmarsch der Engländer am 2. Mai 1945 die beiden Kreisleiter von Wismar und Rostock. Das kleine Haus ist bis nach der Wende noch erhalten geblieben und diente jahrzehntelang der Fritz-Reuter-Schule (1933 in Adolf-Hitler-Schule umbenannt) als Schulhort. Nach der Befreiung Wismars durch die Engländer ist der Name „Adolf-Hitler-Straße“ am 16. Mai 1945 entfernt worden. Die Engländer nannten die ehemali-ge Lindenstraße nun bis zu ihrem Abzug am 30. Juni 1945 „Churchill Straße“. Diese ver-schwand bei der Besetzung durch die sowjetische Armee am 2. Juli 1945 und der Name Lin-denstraße wurde wieder angebracht. Am 5. Februar 1946 sprach Annedore Leber vor den Wismarer SPD-Genossen im Schützenhaus über das politische Vermächtnis ihres Mannes, des am 5. Januar 1945 ermordeten Reichstagsabgeordneten Dr. Julius Leber, und war damit wohl so überzeugend, dass noch an diesem Abend auf Antrag von SPD-Oberbürgermeister Herbert Säverin beschlossen wurde, die Lindenstraße in Dr.-Leber-Straße umzubenennen. Damit steht Wismar nicht allein dar, denn in Deutschland gibt es in 36 Städten Straßen mit dem Namen Dr. Lebers. Am 15. Oktober 1948 erhielten Wismars Schulen nach Beschluss der Stadtverord-netenversammlung die teilweise noch heute gebräuchlichen Namen.

Was sonst noch geschah
16. Mai 1945 Die Dornier-Rüstungswerke beseitigen die Betonsperren der Wismarer Straßen
16. Mai 1975 Eröffnung der Tierparkgaststätte im Köppernitztal. Seit dem 28. April 2007 Vereinsheim des Modelleisenbahn-Club e.V.
16. Mai 2014 Stiftertafeln der Bürgerstiftung der Hansestadt Wismar von 1997 wird in St. Georgen in der Turmkapelle enthüllt.
17. Mai 1653 Das Wismarer Tribunal nimmt seine Arbeit auf.
18. Mai1959 – 6. Hanseatenring-Rennen für Serienmotorräder.
19. Mai 1675 König Karl XI. bestätigt einen Plan zum Ausbau der Walfischbefestigung als fünfeckige Sternschanze.
19. Mai 1819 Der Wismarer Rat verkauft die ihm gehörige Ratsapotheke zur Finanzierung des Rathausneubaus für 8000 Taler und jährlichen Zahlungen von 400 Talern an den Apotheker Hirsch aus Eimbeck.
19. Mai 1946 Mit dem sowjetischen Frachtschiff „Soumen Neito“ wurde das erste Schiff im Wismarer Hafen nach dem Krieg abgefertigt.
20. Mai 1983 Übergabe des fertiggestellten Torraumes im Wassertor an den „Club maritim“ durch Detlef Schmidt.

Detlef Schmidt

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