Kalenderblatt zum 17. Februar

Dreckkarren fuhr zweimal die Woche

Am 17. Februar 1975 wurde die Mülldeponie in Müggenburg (aus dem Slawischen für „Landzunge mit feuchter Niederung“) für die Hansestadt Wismar neu eröffnet. Damit hatte die teilweise offene Entsorgung des Wismarer Hausmülls ein Ende.
Die Hansestadt Wismar verfügt heute zwar über einen kontinuierlichen Müllabfuhrdienst und einen modernen Maschinenpark zur Reinigung der Straßen, dennoch müssen die Bürger häu-fig zur Ordnung und Sauberkeit aufgerufen werden.
Nicht anders erging es unseren Vorfahren seit der Gründung der Stadt und der damit verbun-denen städtischen Gesetzgebung. Eine Verordnung, nach der die Bürger alle Sonnabend vor ihrer Tür zu reinigen hatten ist zuerst 348 überliefert. Die Fortschaffung des auf der Straße zusammengekehrten Unrates geschah durch herumfahrende Dreckkarren unter der Aufforde-rung der Abfuhrknechte mit „tho mit drecke“. Abgelagert wurden die Abfälle hinter der Stadtmauer, dessen Ort in einer Schrift mit „ad necessarium“ (lat. zum Notwendigen) und mit „prope secretum“ (lat. zum Abgesonderten) bezeichnet wurde. Diese Orte befanden sich an der südlichen Stadtmauer von der Schatterau bis etwa hin zum Schwarzen Kloster.
Eine neue Gassenreinigungsordnung wurde1714 erlassen, die aber schon 1764 erneuert wer-den musste. Dass diese Ordnungen selten von den Bürgern eingehalten wurden, zeigt folgen-der Ausschnitt aus der Verordnung von 1764: „Obwohl bereits unterschiedene Verordnungen, und noch zuletzt 1714, wegen Reinigung der Gassen ergangen, und durch öffentlichen Druck bekannt gemacht sind, so bezeuge dennoch die Erfahrung, daß, an statt, daß ein jeder selbst darauf bedacht seyn solle, ein so heilsames zur Zierde der Stadt, und Bequemlichkeit der Einwohner, auch Erhaltung der Gesundheit, gereichendes Werk zu befordern, selbige gar sehr vernachlässiget werden.“ Nach dieser Verordnung wurde dem Bürger, der diese Ordnung zuwider lief, hohe Geldbußen und andere wirksame Strafen angedroht. Der anfallende Hau-sunrat wurde danach jeden Montag und Donnerstag von den dafür angestellten städtischen Knechten abgefahren. Ein unrühmliches Zeichen für die damaligen Verhältnisse ist auch noch folgendes Zitat aus dem Jahre 1764: „Sollte sich aber jemand unterstehen, wider die hiesige Statua, und ergangenen öfteren Verbothe auf die Gassen, Kirchhöfe, Märkte und andere öf-fentliche Plätze, stinkende Sachen, Aas, oder gar Menschenkoth zu werfen, und Nachtstühle auszuschütten, so soll er…..jedesmal in vier Thaler unabbittlicher Strafe genommen werden, und nach dem Umständen und Befinden, mit Gefängniss, und anderen Leibesstrafen belegt werden!“ So wurde 1820 die Frau eines städtischen Beamten, einer polizeilichen Bekanntma-chung nach, mit einer Gefängnisstraße von 24 Stunden bei Wasser und Brot verurteilt, weil „sie sich erlaubet hat, Menschenkoth auf die Straße zu werfen!“
Bis in die fünfziger und sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts gab es in Wismar auch noch Häuser und ganze Straßenzüge, die keinen Entsorgungsanschluss hatten, dafür den berühmten „Donnerbalken“. Die Entsorgung der Hausfäkalien im „Schietemmer“ geschah mit geschlos-senen Pferdefuhrwerken (nur die leeren Eimer hingen außen an) und entleert wurden diese unter anderem am Teich im Bereich Viereggenhof und auch in der Nähe der Zentralhalle, heute Parkplatz am Schiffbauer Damm, am Hafen. Wir sagten als Kinder immer „Goldwagen“ und wir standen mit den „Goldmännern“ immer auf Kriegsfuß, da wir nichts ausließen, um diese zu ärgern. Und wenn es nur, in sicherer Reichweite der Peitsche, mit dem symbolischen Zusammenkneifen der Nasen ging. Das brachte die in Fahrt und wir hatten den Spaß.
Die Hausmüllentsorgung geschah noch bis in die 60iger Jahres des letzten Jahrhunderts mit offenen Behältern. Hausmüll und auch Asche wurde in offenen Eimern an der Straße abge-stellt und dann auf einen offenen Pferdewagen ausgeschüttet. Dementsprechend sah es in den Straßen aus! Später kam ein offener LKW hinzu, die dann aber durch Spezialmülltransporter abgelöst wurde und der Hausabfall kam in die doch recht schweren Zinkbehälter, die die Mit-arbeiter der Stadtwirtschaft aus den Häuser zu holen hatten und auch wieder zurückbringen sollten. Doch da die Haustüren oft verschlossen waren, blieben die Zinktonnen draußen und „zierten“ das Straßenbild.
Entsorgt wurde der Hausmüll in den fünfziger und sechziger Jahren im Bereich des Wiesen-weges und an der Ecke Poeler Straße/Philosophenweg, der sogenannten „Großen Arbeit“, ein Name, der von den schwedischen Befestigungen herrührt. Bis 1975 ist Wismars Hausmüll auf dem Platz am Woltersdorfer Weg entsorgt worden, der nun auch nicht gerade den notwendi-gen Umweltstandards entsprach.
Ab 17.Februar 1975 wurde der Hausmüll mit einheitlichen verzinkten Metallkübeln auf der neu eröffneten Mülldeponie Müggenburg mit geschlossenen LKW entsorgt. 1994 wurde die Deponie für die Endlagerung geschlossen und hier befindet sich heute der Abfallwirtschafts-hof Müggenburg, wo der anfallende Restmüll für den Weitertransport auf die Mülldeponie Ihlenberg verdichtet wird. Kostenlos werden hier Sperrmüll, Haushaltsgeräte und elektroni-sche Geräte für Bürger der Hansestadt Wismar entsorgt. Die schweren Zinktonnen sind längst durch Abfalltonnen aus leichtem Kunststoff abgelöst, denn die ehemals vorherrschende Ofenheizung mit der anfallenden Asche ist nur noch eine Erinnerung.

Was sonst noch geschah
18. Februar 1923 Geheimer Medizinalrat Dr. Hugo Unruh gestorben.
18. Februar 1957 Ehrenbürgerin (1987) und Weltmeisterin Marita Meier-Koch geboren.
19. Februar 2013 Gründung des Vereins „Freunde und Förderer des Archivs der Hansestadt e.V.“
20. Februar 1843 Polarforscher Gustav Wilhelm Bade in Hohen Wieschendorf geboren.
21. Februar 1952 Beschluss über die Benennung der Wendorfer Straßen nach den antifaschis-tischen Widerstandskämpfern Rudolf Breitscheidt, Etkar Andre, Katja Niederkirchner, Rudi Arndt, Bruno Tesch, Hanno Günther, Lieselotte Herrmann.
22. Februar 1836 Gründung des Eisenbahnkomitees mit Louis Frege (Ehrenbürger Wismars).

Detlef Schmidt

 

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