Kalenderblatt zum 17. Oktober

Turnvater Jahn war Vorbild für Turnplatz

Am 17. Oktober 1863 wurde mit einem Bläserchor und einem Schüleraufmarsch der neue Turnplatz eingeweiht. Hier auf dem Gelände einer alten schwedischen Befestigungsanlage fand man das richtige Gebiet dafür

Dieser Platz hat eine wechselhafte Geschichte. Als Wismar in den Dreißigjährigen Krieg hineingezogen wurde, begannen zuerst die Wallensteinschen Truppen, diese strategisch äußerst wichtige Stadt zu befestigen. Unter anderem wurde vor dem Neuen Tor, oder man sagte auch Windpforte, sie befand sich dort wo sich heute die Straßen Kloster Kirche und Turner Weg begegnen, eine Zitadelle angelegt. Man sprach auch vom Neuen Werk oder Kastell. Nach der Zerstörung desselben 1718, lag diese Stelle, eben unser heutiger Turnplatz, wüst da. Zwar waren zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts Bestrebungen im Gange, Wismars nächste Umgebung zu verschönern, aber sie dauerten lange, und so wurde hier erstmal ein „Rondell“ angelegt. Dieses zur „Lustwandlung der Bürger“, wie die Zeitung schrieb. 1863 wurde angeregt, auf diesem Rondell den Turnplatz für die Große Stadtschule anzulegen. Eingeführt wurde der Turnunterricht 1833, und zwar war der erste Turnplatz auf der „Großen Arbeit“, die sich gegenüber dem Bauergehöft Övelgünne (niederdeutsch für „stinkender Ort“) befand und der heute noch vorhanden „Kleinen Arbeit“. Die Bezeichnungen „Große und Kleine Arbeit“ gehen auf schwedische Befestigungen zurück.

Aus einem Angebot aus dem Jahre 1865 lesen wir, dass der „vormalige Turnplatz vor dem Pölerthor rechts vom Damm neben der großen Arbeit“ zu Gartenland verpachtet werden sollte. Der Turnplatz der Schüler ist aber schon 1837 auf dem Gelände der Großen Stadtschule verlegt worden. Er befand sich neben dem Garten des Direktors nach der ABC-Straße. Schließlich wurde er für die Schüler zu klein. Anlässlich der 50jährigen Wiederkehr der Völkerschlacht bei Leipzig, am 17. Oktober 1863, wurde der neue Turnplatz durch die Turner mit einem Aufmarsch eingeweiht. Die Stadtschule stellte einen Bläserchor.

Geturnt wurde an der Wismarer „Großen Stadtschule“ freiwillig, und so begann man Pfingsten und endete am 18. Oktober oder später schon zu Michaelis (29. September), zweimal in der Woche und zwar jeden Dienstag und Sonnabend. Der Unterricht dauerte dann zwei bis drei Stunden und fand ausschließlich am Nachmittag statt.

Der Sportunterricht einiger Wismarer Schulen fand hier noch bis vor einigen Jahren statt.

Es waren einige Freiluftsportgeräte, mit Reck, Barren, Sprunggrube, Volley- und Kleinfußballfeld vorhanden. Das Bemerkenswerte noch heute ist, dass die Laufstrecke zwischen den Bäumen genau 400 Meter beträgt und gilt als Zeichen, dass der Platz im 19. Jahrhundert nach Jahn´schem Vorbild angelegt wurde. Die deutsche Turnbewegung war ganz eng mit der Vorbildwirkung von Friedrich Ludwig Jahn zusammen, dem „Turnvater“ und Helden der Befreiungskriege von 1813. Vor diesen historischen Hintergründen aus, sollte man sensibel mit dem Baumbestand und auch der bitter notwendigen Pflege umgehen und den Platz unter Denkmalschutz stellen. Leider ist heute kaum etwas von dem alten Sportplatz zu erkennen bis auf die noch vorhandene aber kaum erkennbare Laufstrecke zwischen den Bäumen.

Die ersten Villen am Turnplatz sind 1906 erbaut und ab 1908 begann die Bebauung der Straßen „Fürstengarten“ und „Dahlberg“ unter maßgeblicher Planung des Berliner Baumeisters Lübsen und des Wismarer Planers Dolberg. Das Lyzeum, die Höhere Töchterschule, am Turnplatz ist am 29. Januar 1907, eingeweiht worden. Mit der Inbetriebnahme des Wasserturmes am 3. November 1897 hörte auch die Wasserversorgung der Stadt von der Wasserkunst auf dem Markt auf. Der Wasserturm wurde mit Inbetriebnahme Wasserwerkes Friedrichshof am 7. August 1967 stillgelegt.

Ein weiterer bemerkenswerter Bau ist die katholische Kirche „St. Laurentius“, die am 12. Oktober 1902 geweiht wurde. Der Namensgeber der Kirche, der Heilige Laurentius, war zur katholischen Zeit auch der Schutzpatron der Hansestadt Wismar. Lange hatte man einen Bauplatz für die Kirche gesucht und zunächst sollte in der Breiten Straße eine Kirche gebaut werden, doch man entschied sich zugunsten der anwachsenden katholischen Gläubigen für einen größeren Bau.  Eines der ersten Häuser im Turnerweg dürfte die „Orthopädische und Schroth´sche Heilanstalt“ von Dr. Gustav Meyer, seit 1848, sein. Heute befindet sich dort unter anderem die Kreishandwerkerschaft Wismar. Ab 1901 entstanden hier weitere Villen.

Am 10. April 1933 wurden der Turnplatz in „Horst-Wessel-Platz“ und der Turnerweg in „Schlageter-Allee“ umbenannt. Dies musste natürlich nach 1945 sofort rückgängig gemacht werden. Doch am 9. September 1984 erhielt der alte Turnplatz den Namen „Gottlob-Frege-Platz“, die im März 1992 ebenfalls mit der Annahme des alten Namens wieder rückgängig gemacht wurde. Die sowjetische Besatzung richtete nach dem Krieg im alten Lyzeum am Turnplatz ihre Stadtkommandantur ein. Am 12. Januar 1956 räumte die Rote Armee das Schulgebäude und sinnigerweise nannte man die Schule „Schule der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“, der nachmaligen „Turnplatzschule“ und heutigen Musikschule Wismar.

Was sonst noch geschah

  1. Oktober 1915 Wappennagelung des Wismarer Wappen zugunsten der Wismarer Kriegerfamilien.
  2. Oktober 1928 Einweihung des Seegrenzschlachthauses.
  3. Oktober 1819 Feierliche Eröffnung des neuen Rathauses nach Um- und Neubau. 19.10.
  4. Oktober 1993 Die vergoldete Abschlusskugel auf St. Georgen wird mit Zeitdokumenten gefüllt und mit dem Wetterhahn auf die Turmspitze von St. Georgen gesetzt.
  5. Oktober 1847 Gründung der „Mecklenburgischen Dampfschifffahrtgesellschaft zu Wismar AG“.
  6. Oktober 1945 Die Zuckerfabrik beginnt mit 450 Beschäftigten.
  7. Oktober 1952 Wiedergründung des „Deutschen Roten Kreuz“ in Wismar.
  8. Oktober 1648 Wismar wird im „Westfälischen Frieden“ Schweden zugesprochen.
  9. Oktober 1982 Wiederinbetriebnahme des Glockenspiels von 1592 im St. Marienkirchturm durch Spenden der Altschülerschaft der Großen Stadtschule. Das Glockenspiel ist 1592 gestiftet worden.
  10. 24. Oktober 1831 Einweihung des Friedhofes  auf dem ehemaligen Galgenberg.

Detlef Schmidt

 

 

 

 

 

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