Kalenderblatt zum 18. November

Flucht war ein Schuldeingeständnis

Dicht gedrängt standen die Bürger vor nahezu 600 Jahren, am 18. November 1427 auf dem großen Marktplatz unserer Stadt, um den Henker und seinen Knechten bei ihrer grausigen Arbeit zuzusehen. Drei Wochen, am 31. Oktober, zuvor waren sie schon einmal hier versammelt. Damals ging es um die Enthauptung des Ratsherrn Hinrich von Haaren. Heute sollte der erste Bürgermeister, Johann Banzkow, hingerichtet werden. Wie war es dazu gekommen?

Schon lange gab es unter den Handwerkern, den Brau- und Budenknechten über die ungerechte Behandlung des „Ehrbaren“ Rates viel Unmut. Kein Handwerker saß im Rat, keiner vertrat ihre Rechte, doch Steuern sollten sie zahlen, und überdies mussten sie in ihrer knappen Freizeit Wachdienst in der Bürgerwehr üben.

Claus Jesup, der Ältermann der Wismarer Wollenweberzunft, war der Wortführer. Schon einmal, 1410, saß er im Rat, denn die Ämter hatten den Zugang zum Rat erstritten, doch in der Folgezeit wurden die Kaufleute und Brauer stärker und drängten die Handwerker wieder hinaus. Jetzt, 1427, war das Maß voll. Claus Jesup stellte sich an die Spitze der Unzufriedenen, zu denen etwa 3.000 einfache Bürger, Handwerker, aber auch zum geringen Teil Kaufleute und Schiffer gehörten. Sie forderten die Einbeziehung aller Bürgerschichten in den Rat. In diese Stimmung hinein kam die Nachricht von der Niederlage der Hanseaten im Sund und davon, dass die Schiffe der Wismarer unter der Führung Hinrich von Haaren von den Dänen gekapert wurden.

Ebenso erging es den Wismarer Salzschiffen, die vor Flensburg lagen. Als dann noch ruchbar werde, dass Bürgermeister Johann Banzkow die Schlüssel zu den Stadttoren nachlässig aufbewahrte, war das Maß der Geduld voll. Ein Ausschuss von 60 Bürgern aller Schichten unter Claus Jesup forderte die Bestrafung der Schuldigen. Zwar stellte sich der alte Rat noch schützend vor die Angeklagten, doch Hinrich von Haaren wurde lediglich vor dem Galgen bewahrt und durch das Schwert „begnadigt“. Solche „Schluderigkeit“ in der Führung duldete man nicht!

Trotzdem blieb es nicht ruhig, denn viele Bürger forderten nun auch die Bestrafung des Bürgermeisters Johann Banzkow. Das Gerücht wurde verbreitet, dass er „Aufrührer“ vor den Stadttoren geduldet habe und eben die Torschlüssel nachlässig mehrere Tage zum Schaden der Stadt aufbewahrt hatte. Das war den Bürgern zu viel und sie forderten auch seine Bestrafung. Johann Banzkow erkannte die tödliche Gefahr, denn seine Verteidigung, dass man diese Anschuldigungen nur vorspielte, um die Machtverhältnisse in der Stadt zu verändern, brachten nichts ein und er versuchte zu fliehen.. Noch vor Erreichen der Stadtgrenze wurde er gefasst, und seine Flucht wurde als Schuldeingeständnis anerkannt. So rollte auch sein Kopf auf dem Wismarer Marktplatz. Dass Claus Jesup aus einem Fenster des Alten Schweden dabei zugeschaut haben soll, ist eine schöne aber auch unwahrscheinliche Sage. Bei solch einer Hinrichtung hatten schon die Offiziellen schön dabei zu sein und für das Volk war es ein abwechslungsreiches, wenn auch makabres Schauspiel. Vielmehr wurde darauf hingewiesen, den Henker nicht zu bedrängen, damit er seine Arbeit gut machen könne. Die Leiche des Bürgermeisters Banzkow wurde nicht, wie sonst üblich, „unehrlich“ auf dem Schindacker begraben, sondern in der Wallfahrtskapelle Maria zur Weiden aufgebahrt und dort auch in einer Gruft beigesetzt.

Claus Jesup wurde für drei Jahre Bürgermeister. Dann übernahm auf Intervention der Angehörigen Banzkow´s, sie hatten den Herzog mit eingeschaltet, wieder der alte Rat das Stadtregiment und stellten auch die ursprünglichen Verhältnisse wieder her. Die Angehörigen Banzkow´s forderten Sühne, die ihnen mit der Errichtung einer Sühnekapelle, die am 1. März 1433 auf dem St.-Marien-Kirchhof geweiht wurde und einem Sühnekreuz auf dem Marktplatz  an der Richtstelle gegeben wurde. Die Banzkow´sche Sühnekapelle ist 1850 wegen Baufälligkeit abgerissen und das Sühnekreuz auf dem Markt wurde immer wieder zerstört. Heute erinnert eine schlichte Steintafel dort an das Geschehen vor etwa 600 Jahren. Über eine etwaige Rache an Claus Jesup ist nichts bekannt und er lebte bis zu seinem natürlichen Tod in seinem Haus an der Faulen Grube, der heutigen Claus-Jesup-Straße. Erst seit dem 29. Dezember 1830 durch die Bestätigung einer neuen Verfassung durch den Großherzog und nach Vorlage von Bürgermeister Johann Haupt, sind Wismars Handwerker seit 1427  wieder ratsfähig.

Kaum ein politisches Geschehen hat in der Wismarer Geschichtsschreibung sich so lange gehalten wie der Aufruhr um Claus Jesup. So tief saß das Geschehen zu Beginn des 15. Jahrhundert den Wismarer in den „Knochen“. Die Gedenkplatte auf dem Markt erinnert bis heute jedes Stadtoberhaupt, dass er sein Amt gewissenhaft ausüben soll. Sonst……., aber dafür gibt es heute andere, ebenso wirksame Mittel.

 

Was sonst noch geschah:

  1. November 1959 Übergabe Park der Solidarität auf ehemaligem Ziegeleigelände (heute Burgwallcenter).
  2. November 1884 Schulrektor und Heimatforscher Dr. Rudolf Kleiminger geboren.
  3. November 1991 Gründung der „Wismarer Wirtschaftsgemeinschaft“ im „Wismarer Hof“ (heute Fründts Hotel).
  4. November 1936 Flak-Kasernen (I. Abt. Flaksturmregiment 61) an der Lübschen Burg werden bezogen.
  5. November 1554 Fertigstellung des Fürstenhofes.
  6. November 1909 Übergabe des Eisenbahnfußgängertunnels in der Rostocker Straße, Baubeginn war im August 1909.
  7. November 1901 Der Ostfriedhof wird feierlich geweiht.
  8. November 1835 Bürgermeister Anton J. F. Haupt gestorben (geb. 18. September 1800).
    22. November 1887 Benennung der Lindenstraße ( Dr.-Leber-Straße).

Detlef Schmidt

 

 

 

 

 

 

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