Kalenderblatt zum 19. August

Wo Schüler ihren Lehrer „Onkel Rudi“ nannten

Am 19. August 1967 verstarb Dr. phil. Rudolf Kleiminger am Fritz-Reuter-Platz 3 in Wismar. Er war nicht nur einfach Lehrer oder Gymnasialdirektor an Großen Stadtschule oder auch geachteter Heimatforscher, nein er war ein Pädagoge, wie er besser nicht hätte sein können. Bezeichnend ist dafür, dass ihn seine Schüler, die ihn nicht nur verehrten, sondern sie liebten „Onkel Rudi“, wie er von seinen Schülern und Altschülern bis heute liebevoll genannt wird.
Rudolf Kleiminger ist am19. November 1884 in Neustadt an der Elde als Sohn des Pastors Ludwig Kleiminger geboren. Die Familie zog 1888 nach Teterow, wo Rudolf Kleiminger die Schule besuchte und danach auf das Friderico-Francisceum in Doberan wechselte. Hier erhielt er eine humanistische Bildung, und schloss das Gymnasium1903 mit dem Abitur ab. 1903 begann er ein Studium der Mathematik, Physik, Zoologie, Botanik zunächst an der Universität in Tübingen, danach ab 1904 in Halle und in Rostock. Hier wird er am 18. Oktober 1905 im-matrikuliert und promoviert am 21. Dezember 1906 mit der Dissertation zu „Über die innere Energie des Isopentans“ zum Dr. phil. erfolgreich. Da die die Promotionsurkunde erst am 31. Dezember 1906 ausgestellt und bestätigt wurde, gilt dieses Datum. 1907 legte er sein Staats-examen mit Lehrbefähigung ab und leistete bis 1908 seinen Freiwilligen-Wehrdienst ab. Nach Probejahren für den höheren Schuldienst in Güstrow und Parchim geht Kleiminger 1910 an das Realgymnasium in Schwerin, wo er bis 1924 als Lehrer für Mathematik tätig ist. Das Schweriner Unterrichtsministerium holte ihn im Oktober 1921 für ein halbes Jahr als wissen-schaftlicher Mitarbeiter in das Haus. Am 1. April 1924 wurde Dr. phil. Rudolf Kleiminger als Studiendirektor an die Große Stadtschule in Wismar berufen. Am 29. April 1924 wird er als Direktor in sein Amt durch das Schweriner Ministerium und Bürgermeister Raspe eingeführt. Kleiminger wird sich als „Glücksfall“ für die Schule in aufkommender schwerer Zeit erweisen. Der mittlerweile erfahrene Pädagoge, er war von 1922 bis 1933 auch Mitglied der Prüfungs-kommission für Mittelschullehrer, begann in Wismar äußerst zurückhaltend die 1923 verstaat-liche Große Stadtschule neu zu ordnen und nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Das war auch notwendig, da das damalige Lehrerkollegium schon einen beachtlichen Altersdurch-schnitt hatte. Trotzdem erreichte er durch Beharrlichkeit die Sammlungen der Schule neu zu ordnen, den Unterrichtsablauf zu gestalten und die dringenden baulichen Erweiterungen der Schule voranzutreiben. Auf dem ehemaligen kleinen Exerzierplatz am Vogelsang sollte ein neues Gymnasium gebaut werden, was wegen fehlender finanzieller Mittel und später durch den Krieg nie zustande gekommen ist, obwohl schon die Baugrube ausgehoben war. Lediglich am bestehenden Schulhaus ist ein Anbau hinzugekommen. Schon vor 1933 begann die NSDAP auch in Wismar auf den Schulbetrieb Einfluss zunehmen, was Kleiminger gut zu ver-hindern wusste. Doch ab dem 8. März 1933 waren die Nazis mit dem damaligen Kreisleiter Alfred Pleuger an der Macht und dieser setzte die vorgegebenen Parteilinien voll durch. Am 17. Mai 1933 gründet Kleiminger mit ehemaligen Schülern die „Altschülerschaft der Großen Stadtschule“ im Haus der Wismarer Kaufmannscompagnie, um mit dem Ziel, das Zusammen-gehörigkeitsgefühl der Vereinsmitglieder zu stärken und in Wahrung der humanistischen Tra-dition der Lehranstalt, eine Gegenkraft zum Nationalsozialismus zu bilden. Der freiwillige Verbund aller ehemaligen Schüler besteht bis heute. Zum Gedenken an den ehemaligen Schul-leiter wird seit einigen Jahren an der Schule der „Dr. Kleiminger-Preis“ für herausragende Leistungen von Schülern verliehen. Rudolf Kleiminger hat nachweislich in der Nazizeit ver-sucht, diese Ideologie von seinen Schülern fernzuhalten. Er hatte zu seinen Schülern einen wunderbaren Kontakt, was sich am besten an den zweimal jährlich bis heute herausgegebenen Altschülerheften zeigt. Er trauerte mit den Eltern, deren Kinder, seine Schüler, zu Tode ge-kommen sind. Er wusste wovon er redete, denn das Ehepaar Kleiminger hatte drei Söhne, wovon zwei Söhne an der Front gefallen sind. Noch im Frühjahr 1945 schickte er das letzte Altschülerheft, notdürftig auf einer Vervielfältigungsmaschine bei Dornier gedruckt, an seine Schüler an die Front. Nicht um Durchhalteparolen zu verkünden, sondern ihnen mit einem Gruß aus der Heimat Freude und Trost in schwerer Zeit zu bereiten. Es muss für ihn ein großer Schmerz gewesen sein, als er am 1. September 1945 wegen seiner nachgewiesenen Anwart-schaft auf eine Parteimitgliedschaft, die er als Schutz brauchte, aus dem Direktorenamt ent-fernt wurde und am 6. Januar 1946 wurde er ganz aus dem Schuldienst entlassen. Fortan widmete er sich ganz seinen heimatgeschichtlichen Forschungen. Er hatte schon ab 1934 Wer-ke über das Heiligengeisthospital, das Graue Kloster und das Schwarze Kloster, die längst zur Wismarer Standardliteratur über die Stadtgeschichte gehören, verfasst. Doch nach 1946 arbei-tete er an einer umfassenden Geschichte zur Großen Stadtschule, wohl um Abstand von sei-ner geliebten Schule zu gewinnen, dass sein Hauptwerk werden sollte. Die Zeit des National-sozialismus an der Schule wird von ihm akribisch dokumentiert, genauso wie die gefallenen Schüler im letzten Krieg. Er war auch Mitautor der Festschrift zur 725 Jahrfeier Wismars 1954. Wismar ist ihm zur Heimat geworden, die er nicht mehr verlassen wollte. Vor seinem Tod 1967, übergab Dr. Kleiminger dem in Kiel tätigen Gymnasialdirektor Joachim Grehn das 1.200 Seiten eng beschriebene Manuskript, mit der Bitte, dies für eine spätere Veröffentli-chung in Sicherheit zu bringen. 1991 kam die Altschülerschaft Wismar dieser Bitte von „On-kel Rudi“ nach und ein nachgefragtes geschichtliches Standardwerk zu einer der ältesten Schule in Mecklenburg, liegt nun gebunden vor. Die Große Stadtschule wird 1948 in „Ge-schwister-Scholl-Oberschule“ umbenannt und erhält 1991 den Kompromissnamen „Große Stadtschule – Geschwister-Scholl-Gymnasium“.
Dr. Rudolf Kleiminger war verheiratet mit Gertrud, geborene Gaster aus Wismar und sie hat-ten drei Söhne. Sein Bruder, Dr. med. Johann-Heinrich Kleiminger, Facharzt für Hautkrank-heiten praktizierte seit 1920 in Wismar. Verwandte Kleimingers, wie z.B. das ehemalige Bun-destagsmitglied der SPD, sein Enkel Christian Kleiminger, als Neffen der 2015 verstorbene Fußballspieler Heino Kleiminger und der ehemalige Rostocker Landessuperintendent Matthias Kleiminger, sowie der spätere Rostocker Augenarzt und einzig verbliebene Sohn, Dr. med. Heinz Kleiminger, sind nur einige der im Mecklenburgischen verstreuten Verwandtschaft.

Was sonst noch geschah

19. August 1993 Aufstellung des Schwedensteines von 1903 in der Straße Am Schweden-stein. Einweihung mit Bürgermeisterin Dr. Rosemarie Wilcken.
19. August 1997 Aufstellung von 2 Kanonen vor dem Stadthaus. Auf Initiative des Lions Club Wismar und H.-J. Sturbeck aus Landskrona aufgestellt.
20. August 1826 Anton Haupt wird mit 26 Jahren Wismarer Bürgermeister.
20. August 1828 Im heutigen Welt-Erbe-Haus, der ehemaligen Kaufmanns-Compagnie ist durch den Tapezierer Hermann Fölker (lt. Inschrift) im Haus des Bürgermeisters Gabriel Lembcke der Tapetensaal mit der Panoramatapete übergeben worden.
20. August 1954 Die Wilhelmstraße wird in Claus-Jesup-Straße umbenannt.
20. August 2000 Der erste Schwedenlauf mit 70 Läufern findet während des 1. Schwedenfes-tes in Wismar statt.
23. August 1934 Alle städtischen Beamten werden auf Adolf Hitler vereidigt.
24. August 2006 Die Teilstrecke der Autobahn 14 zwischen Wismar und Jesendorf wird für den Verkehr frei gegeben. Am 21. Dezember 2009 wird die gesamte Strecke bis Schwerin freigeben.
25. August 1944 11. Luftangriff: Der Angriff auf Wismar erfolgte in drei Wellen am Tage. An vielen Stellen brannte die Stadt. 105 Häuser wurden völlig zerstört und 205 Menschen verlo-ren ihr Leben. Die Norddeutschen Flugzeugwerke und die Waggonfabrik wurden zu 80 Pro-zent zerstört.

Detlef Schmidt

Zusatz
Laut Hauptbuch der Großen Stadtschule von 1923 bis 1945 wurde Heinz Karl Martin Kleiminger (Sohn von Dr. Rudolf Kleiminger) am 19. September 1919 in Schwerin geboren und besuchte die Schule von 27. August 1931 bis Michaelis 1938 mit der Abschluss des Rei-fezeugnisses.
Nach dem II. WK studierte und promovierte er an der Universität Rostock und arbeitete dort als Facharzt für Augenmedizin.
Quelle: Große Stadtschule Wismar

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