Kalenderblatt zum 19. Juli

Politische Säuberungsaktion bei Wismarer Polizei

Am 19. Juli 1945 entließ der Rat 61 Polizisten, die nachweislich mit den Nazis zusammengearbeitet haben oder Mitglied der NSDAP waren. Nachdem Wismar zunächst bis zu 30. Juni 1945 von den Engländern besetzt wurden, änderte sich kaum etwas in der Verwaltungsstruktur. Sogar Oberbür-germeister Alfred Pleuger, Mitglied der NSDAP seit 1925, durfte bis zum 19. Mai 1945 sein Amt aus-führen. Durch die Machtergreifung Adolf Hitlers am 30. Januar 1933, sah Pleuger die Stunde ge-kommen, die „nationalsozialistische Revolution“ auch in Wismar durchzusetzen. In Mecklenburg war dafür der politische Boden gut vorbereitet und 1932 waren Adolf Hitler und Joseph Goebbels in Wismar, um für ihre Idee zu werben. Unterstützung bekamen sie durch das Innenministerium in Schwerin und durch die von Nazis durchsetzter Polizei. Die Engländer erließen zur Sicherheit eine nächtliche Ausgangssperre und griff ein, wenn es zu Plünderungen der Geschäfte kam. Ende Mai 1945 gab es den Erlass, dass „unrechtmäßig“ erworbene Fahr- und Motorräder abzugeben sind. Der Ton änderte sich schlagartig mit der Übernahme der Stadt durch die Rote Armee. Am 8. Juli 1945 wird der Wismarer Hermann Willbrandt zusätzlich von den Russen in den Rat berufen und über-nimmt die Kommandantur über das Polizeiamt. Das war auch zwingend notwendig, denn es gab kaum Lebensmittel, Kleidung und Wohnraum. Dazu eine hohe Anzahl von Flüchtlingen, die nichts hatten. Von den nunmehr 45.697 polizeilich gemeldeten Einwohner, waren 15.755 Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Sicherheit konnte die neue Besatzungsmacht auch nicht herstellen. So ein Polizeibericht von 1946: Die Prostitution in der Stadt scheint etwas nachgelassen zu haben, besonders günstig wirkte sich hierbei die Schließung des Schützenhauses aus: Die Unsi-cherheit auf den Straßen, insbesondere während der Dunkelheit, wird erörtert. Die Kriminalpolizei soll Bericht erstatten über Fälle von Beraubung und Vergewaltigung der letzten Wochen. Am 13. April 1946 sind die Wismarer Polizei endlich auf „Parteilinie“ eingeschworen, denn alle Polizisten sind Mitglied der neuen SED. Wismar hatte damals 5.000 Gärten, wo eine besondere „Gartenpoli-zei“ Diebstähle anzeigen sollte. Die Diebe wurden dann öffentlich angeprangert und ihnen der ei-gene Garten abgenommen. Im 1. Halbjahr 1947 wurden 357 Schieber und Schwarzhändler mit ins-gesamt 5.200 Kilogramm Lebensmitteln festgenommen. Die Wismarer Polizei drohte den Eltern, deren Kinder mit Katapulten Schäden insbesondere an Fenstern verursachen und Personen ge-fährden. Die Tätigkeit der Polizei war derart angestiegen, dass man für Wismar 200 neue Polizisten einstellen wollte. Auch politisch wurde die Polizei tätig und überführten den neuen FDJ-Chef von Wismar als ehemaligen Bannführer der HJ.
Sitz der Wismarer Polizei war die 1858 erbaute Hauptwache am Markt, die am 24. Februar 1859 durch den Wismarer Architekten Hartmut Brunswig übergeben wurde. Hier war auch das städtische Gefängnis, die „Hechte“ untergebracht, deren Zellen noch heute auf dem Dachboden des Hauses zu erkennen sind. Erster nebenberuflicher Polizeidirektor war der Senator und Seidenkrämer Chris-tian Cornelssen. 1836 wurde dann der Senator und Jurist Gottlieb Haß „Polizeichef“. Eine eigene Uniform hatten die „Stadtsoldaten“, so wurden die Polizisten allgemein bezeichnet, nicht. Als Zei-chen ihrer „Würde“ durften sie einen „Krückstock“ tragen. 1914 hatte die Polizei bei einer Einwoh-nerzahl von etwa 25.000 Bürgern einen Personalbestand von fünf „oberen“ Beamten, zwei Polizei-wachtmeistern, 18 Schutzmännern und neun Wächtern. 1948 und 1952 bezog die Wismarer Polizei das ehemalige Militärhospital von 1848 oder ab 1920 Finanzamt in der Rostocker Straße. Das Ge-bäude ist in den vergangenen 70iger Jahren in seiner ursprünglichen Darstellung verschandelt wor-den. Die zurzeit stattfindende Restaurierung und Sanierung mit 9,4 Millionen € soll 2018 abge-schlossen sein. Die ehemalige Hauptwache am Markt ist nach 18-monatiger Sanierung am 27. Juli 2015 für die Bereiche Bürgerbüro, Finanzverwaltung und Wohnungswesen der Hansestadt Wismar fertiggestellt. Die Baukosten beliefen sich auf 4,27 Millionen Euro.

Was sonst noch geschah
20. Juli 1629 Erstmalige Bezeichnung das Wismar vorgelagerten Insel als Walfisch in einem Wismarer Ratsprotokoll.
20. Juli 1971 Erstes Tierparkfest im Köppernitztal.
20. Juli 1977 Schausteller Johannes Seeler gestorben.
21. Juli 1905 Kapitän Kommerzienrat Heinrich Podeus gestorben.
22. Juli 1849 Erstfahrt des Schaufelrad-Dampfschiffes „Friedrich Franz II“.
23. Juli 1539 Blitzeinschlag in die Marienkirche, Turm und Dach brennen, Zerstörung der Stundenuhr im Chorumgang.
23. Juli 1781 Bericht des Tribunals an die schwedische Krone über die Brandschäden am Fürstenhof; zerstörtes Dach, verbrannte Bibliothek, zerstörte Decken und Treppen, Einsturzgefahr der Archiv-gewölbe.
23. Juli 1945 Die Sauberkeit der Stadt lässt zu wünschen übrig. Anordnung, dass regelmäßig gefegt werden soll.

Detlef Schmidt

 

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