Kalenderblatt zum 19. Juli

Gottesdienst im Bauwagen

Das Haus der Begegnung in Wismar Vor-Wendorf 

Am 19. Juli 1966 wurde das „Haus der Begegnung“ in der Rudi-Arndt-Straße im Stadtteil Vor-Wendorf eingeweiht. Vorangegangen ist eine beschwerliche Arbeit engagierter Christen. Getönt haben die sozialistischen Führer, dass in einer sozialistischen Stadt keine Kirche passe und die einzigen Türme, die die Werktätigen errichten, wären die von Fabriken und nicht Kirchentürme. Der Spruch, „Ohne Gott und Sonnenschein, bringen wir die Ernte ein“, klingt bei mir noch nach. Er sollte nicht nur christliche

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Religionen verächtlich machen, sondern zeugten von der Intoleranz des DDR-Regimes. Das „Haus der Begegnung“ sollte der atheistischen Führung eines Besseren belehren.

Nach der Befreiung von der unseligen Nazi-Ideologie, strömten viele Vertriebene aus Ostpreußen und Schlesien in den Norden Deutschlands. Darunter viele Christen katholischen Glaubens und evangelische Christen. Sie fanden in der Nachkriegszeit Arbeit und ab 1950 wurde als größtes Wohngebiet der Stadtteil Vor-Wendorf bebaut. Mittel- und Hinter-Wendorf folgten und sind heute unter Wendorf zusammengefasst. Eine Kirche war gar nicht erst vorgesehen.

Da der Weg damals von Wendorf in die Stadt noch beschwerlicher war als heute, und Hausbesuche nicht ausreichten, hatte man eine Lösung. Es wurde ein alter Zirkuswagen gefunden. Der Kirchengemeinderat von Heilig Geist lehnte diesen ab. Der Landesbischof unterstützte das Vorhaben, das die Junge Gemeinde realisierte und am 1. September 1958 wurde diese Begegnungsstätte auf dem privaten Gelände des Wendenkruges eingeweiht. Es nahmen alle Pastoren Wismars daran teil, auch der katholische Pfarrer. Damit begann das kirchliche Leben im sozialistischen Stadtteil. Man suchte die Christen und auch die Wendorfer suchten ihre Kirche. Ein Entgegenkommen machte die Stadt, dass sie einen Bekanntmachungskasten im Wendorfer Konsum gestatteten. Zum 1. Juli 1962 erhielt Wendorf eine eigene Kirchengemeinde. Als die Vikarin Roswita Bieleit 1962 durch den Landesbischof „eigenmächtig“ ordiniert wurde, lehnte der Pastor von Heilig Geist diese Theologin ab und so erhielt Wendorf ihre erste eigenständige Pastorin.

Seit 1951 sind Bemühungen für einen festen Bau nachweisbar und 1957 äußerte sich Oberbürgermeister Herbert Fiegert dahingehend, dass die Kirche sich „für alle Zeiten Baupläne für Wendorf aus dem Kopf schlagen solle“. Doch die Wendorfer Christen waren hartnäckig und die Stadt begann, nachdem St. Marien zerstört war, einzulenken. So gab es einige Platzvorstellungen, bis jedoch 1963 die Stadt verfügte, dass der alte Zirkus- und jetzt Kirchenwagen wegsolle. Am 1. September 1963 erhielt die Gemeinde die Nachricht, dass sie bauen dürfe und es wurde ihnen einen Bauplatz an der Rudi-Arndt-Straße angewiesen. Natürlich sollte das keine Kirche sein und so verfügte der Rat der Stadt, dass das neue Gemeindehaus einem Wohnhaus gleicht.  Dem Stadtrat ärgerten jedoch die „hohen Kirchenfester“. Die Wendorfer bekamen nun Freigabe von nicht benötigtem Baumaterial. Sie mussten sich zumeist aus Abbruchmaterial versorgen und viele hundert Stunden wurden von Freiwilligen aufgebracht, um „ihre Kirche“ fertig zu stellen. Viele Schwierigkeit gab es dabei, wenn Baumaschinen zur Fertigstellung des Fundamentes fehlten und man sich mit Spaten und Schaufel behelfen mussten. Am 22. August 1964 wurde dann der Grundstein unter Anteilnahme vieler hunderter Wendorfer und mit dem Prosekener Posaunenchor gelegt. Was nun folgte können nur Zeitzeugen verstehen, mit welchen Tricks und Eifer man an das dringend benötigte Baumaterial kam. Heimlich gab es von „sozialistischen Betriebsleitern“ schon mal eine Kulanz und auch Hilfe. Bis zum Richtfest am Erntedankfest am 3. Oktober 1965, das Landessuperintendent Dr. Georg Steinbrecher vor 360 Gläubigen durchführte, waren durchschnittlich 180 freiwillige Helfer am Bau beteiligt. 10.259 Gesamtstunden sind bis zu diesem Tag nach Feierabend und am Wochenende geleistet.

Der Innenausbau des neuen Gemeindehauses wurde nach eigener Vorgabe der evangelischen Kirche gestaltet. Im Andachtsraum sollten nicht mehr als 60-70 Gottesdienstbesucher Platz finden und im Obergeschoß waren zwei Wohnungen für kirchliche Mitarbeiter vorgesehen. Viele uneigennützige finanzielle und vor allem Dingen materielle Spenden, wie Baumaterial oder Innenausstattungen kamen aus dem ganzen Land zusammen. So aus Schwerin, wo eine alte Tischlerei aufgelöst wurde und man von da alte Eichenbohlen bekam, aus denen der Altar und die Türen gefertigt werden konnten. Am 19. Juli 1966 um 14 Uhr konnte dann Landesbischof Dr. Beste das neue „Haus der Begegnung“ einweihen. Mit ihm nahezu 500 Gäste, die alle keinen Platz im Gemeinderaum fanden und draußen im Regen und Bauschlamm standen. Doch sie harrten unter Regenschirmen aus. Nach der Einweihung tagte der Kirchengemeinderat unter Anteilnahme der Öffentlichkeit und der Stadtvertreter. Hier wurde bestimmt, dass der neue Bau „Haus der Begegnung“ heißen soll. Als freiwillige Leistungen wurden 13tausend Stunden nach Feierabend angegeben und die Gesamtkosten beliefen sich auf 200tausend Mark der DDR. Ein Haus, indem Gottesdienste stattfinden, durfte nicht Kirche genannt werden, denn so etwas passt nicht in einem „sozialistischen Stadtteil“, meinten die Parteioberen der DDR. Diese sind verschwunden. Ein „Haus der Begegnung“ steht immer noch allen Menschen, gleich welcher Religion und Hautfarbe, an der Rudi-Arndt-Straße, Ecke Max-Reichpietsch-Weg offen. Es kommt eben nicht auf den Namen an, sondern auf das, wozu es benutzt wird. Seit über 60 Jahren ist die Kirchengemeinde Wendorf fester Bestandteil im größten Wohngebiet der Hansestadt Wismar.

Was sonst noch geschah
20. Juli 1629 Erstmalige Bezeichnung das Wismar vorgelagerten Insel als Walfisch in einem Wismarer Ratsprotokoll.
20. Juli 1971 Erstes Tierparkfest im Köppernitztal.
20. Juli 1977 Schausteller Johannes Seeler gestorben.
21. Juli 1905 Kapitän Kommerzienrat Heinrich Podeus gestorben.
21. Juli 1949 Das Gaskontingent für Haushalte wird erhöht.
22. Juli 1849 Erstfahrt des Schaufelrad-Dampfschiffes „Friedrich Franz II“.
23. Juli 1539 Blitzeinschlag in die Marienkirche, Turm und Dach brennen.
23.Juli 1945 Bekanntgabe für jeden Grundstückseigentümer, täglich den Bürgersteig und die Fahr-bahn bis zur Mitte zu fegen. Bauschutt ist durch die Hauseigentümer selbst abzufahren
24. Juli 1945 Rat der Stadt erklärt die von englischer Besatzungsmacht erlassenen Gesetze für un-wirksam.

Detlef Schmidt

 

 

 

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