Kalenderblatt zum 19. September

Das Neue Forum war für Gewaltfreiheit

Am 19. September 1989 meldet die sich immer stärker formierende Oppositionsinitiative „Neue Forum“ die Gründung ihrer Vereinigung unter Berufung auf Artikel 29 der DDR-Verfassung in elf der 15 DDR-Bezirke an. Zwei Tage später wurde über die staatliche Nach-richtenagentur ADN das Neue Forum als verfassungs- und staatsfeindlich beschrieben. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits 3.000 Menschen den Aufruf unterschrieben. Am 25. Septem-ber wurde der Antrag auf Zulassung offiziell mit der Begründung abgelehnt, es bestehe keine gesellschaftliche Notwendigkeit für eine derartige Vereinigung. In Regierungskreisen wurde der Gründungsaufruf wie folgt interpretiert: „Es sei ein gefährliches Oppositionspapier, weil es zu 70 Prozent die Probleme der Bevölkerung benenne und nur zu 30 Prozent ein Angriff auf die DDR sei.“ Nur knapp sechs Wochen später fiel die Mauer – soweit zur Vergänglich-keit von Mauern, Grenzen und Zäunen. Auch in Wismar hatte sich unter der Bevölkerung viel Unzufriedenheit und Unmut angesammelt. Misstrauisch wurden die Umweltgruppen unter dem Dach der Kirche beobachtet und die Ausreisewilligen brachten ihre Forderungen offener zum Ausdruck, indem sie sonntags einen „Spaziergang“ um den Markt machten. Beobachtet und belauscht von der Staatssicherheit mit modernsten Geräten. Wie versteinert reagierten zuständige Organe der Stadt und der „führenden“ Partei auf die berechtigten Forderungen der Bürger. Die Kommunalwahl am 7. Mai 1989 brachte das Fas zu Überlaufen. Die nachge-wiesenen Wahlfälschungen, zwölf Bürgereingaben gegen die Wahl und wegen Unregelmäßig-keiten wurden nicht beachtet und immer mehr Bürger erkannten das Lügengebilde, der sich an die Macht klammernden Funktionäre. Acht Wochen später, am 7. Juli 1989, waren alle Wahl-unterlagen in der Papiermühle Steffin vernichtet. Die Niederschlagung des Pekinger Aufstan-des vom 4. Juni 1989 auf dem Tiananmen-Platz in Peking und die Interpretation des Politbü-ros der SED sorgte für weitere Empörung, die öffentlich geäußert wurden. Besonders stark nahmen im Sommer die „Urlaubsreisen“ nach Ungarn zu, wo zehntausende sich auf den Cam-pingplätzen versammelten, um eine Gelegenheit zu erhaschen über den „Eisernen Vorhang“ nach Österreich zu kommen. Campingplätze waren im Übrigen deshalb bevorzugt, da den DDR Bürger schlichtweg das Geld für Hotel- oder Pensionsübernachtungen fehlte oder nicht umtauschen durften Ein internationales Signal war dann das „Paneuropäische Picknick“ am 19. August 1989 an der ungarisch-österreichischen Grenze. Hilflos mussten die DDR-Funktionäre auf ihren gen Westen gerichteten Fernsehern sehen, wie ihre „treuen Bürger“ zu hunderten in den Westen flohen. Letztendlich führte dies und die Erstürmung der Prager Bot-schaft zur Schließung der Grenzen, doch wie Geschichte zeigt, lässt sich der freiheitliche Drang der Menschen nicht aufhalten. Aus unserer Stadt waren ebenfalls viele Menschen in Richtung Süden aber auch nach Polen unterwegs und hier war es die „Initiative 89“, die sich am 26. 9.1989 gründete und eben das Neue Forum, die den Widerstand bündelten, um es auch zu keiner Gewalt kommen zu lassen – der wohl wichtigste Faktor der gesellschaftlichen Umwälzung von 1989. Am 18. Oktober 1989 schreibt das Neue Forum an die Kreisleitung der SED, den Rat der Stadt und des Kreises, das am 23. Oktober 1989 in einer außerordentlichen Sitzung der SED Kreisleitung mit einer Kampfansage des Kreissekretärs Hans-Jürgen Große-Schütte, seine Antwort fand. Man wollte zu dem Zeitpunkt keinen Dialog mit „Volksfein-den“. Doch diese versammelten sich am 18. Oktober 1989 mit 2.000 Sympathisanten in der Prosekener Kirche und am 23. Oktober 1989 im Haus von Fritz Kalf in Voßkuhl. Unter dem Eindruck dieser Volksmasse begann am 25. Oktober 1989 die erste „Dialog“veranstaltung im Wismarer Rathaus, die wegen Platzmangels bei den nächsten „Dialogen“ in das Theater und in die Sporthalle verlegt wurden. Die Funktionäre meinten nun, sie hätten „verstanden“, doch die Menschen wollten sie nicht mehr. Das war der große Irrtum der allgegenwärtigen Partei, dies nicht zu begreifen – sie waren schlichtweg dazu nicht mehr in der Lage. Einen Höhe-punkt des Neuen Forum Wismar, war dann der Reformationsgottesdienst am 31. Oktober in der St. Nikolaikirche. Thomas Beyer vom Neuen Forum hielt eine beachtete Rede vor einer mehr als vollen Kirche. Er gab ihnen Trost aber auch Kraft den noch vor ihnen liegenden Weg weiter zu gehen und mahnte aber gleichzeitig einige Hitzköpfe keine Gewalt auszuüben. So einen Reformationstag hatten die meisten von ihnen noch nicht erlebt und setzten die Refor-mation ihrer eigenen Gesellschaft mit der ersten großen Demonstration am 7. November 1989 mit zehntausenden Menschen auf dem Wismarer Marktplatz fort. Zwei Tage später war die Deutschland trennende Mauer und die Grenzen Geschichte. Das Volk hatte gesprochen und gehandelt. Zur Wiedervereinigungsfeier am 3. Oktober 1990 fand auf dem Marktplatz und im offenen Rathaus ein großes Bürgerfest statt und in St. Nikolai ein feierliches Requiem zum Gedenken an die Ereignisse von 1989. Diese und viele kleine in der Zeit spielende Ereignisse sind bald 30 Jahre her und doch sind sie einigen nah und sollten unseren Mitmenschen nah bleiben, um zu begreifen, dass Zäune und Grenzen auch heute keinen Bestand haben werden.

Was sonst noch geschah
20. September 1990 Arbeitslosenquote liegt in Wismar bei 7,1 %, das sind über 3.000 Men-schen.
21. September 1945 Tagung der Wismarer Betriebsräte, Wahl von Delegierten für die Grün-dungskonferenz des FDGB.
21. September 1952 Einweihung des Kurt-Bürger-Stadions mit 16.000 Menschen.
22. September 2013 Frank Junge (SPD), geb. 5. Mai 1967, ist für den Wahlkreis Nordwest-mecklenburg-Parchim in den Deutschen Bundestag gewählt.
23. September 1839 Beantragung der Ehrenbürgerschaft Dahlmanns, jedoch Ablehnung durch den Rat.
23. September 1945 Wismarer Fußballer bestreiten erste Auswärtsspiele.
23. September 1997 Die „Volksbank Wismar eG“ fusioniert mit der „Raiffeisenbank eG Gre-vesmühlen“ unter dem neuen Namen „Volks- und Raiffeisenbank eG“. Im Jahr 1999 kam es zu einer Fusion mit der Raiffeisenbank Wismar. Seitdem trägt sie den Namen „Volks- und Raiffeisenbank eG Wismar“ mit Sitz in Wismar. Seit dem 8. August 2005 im Neubau Meck-lenburger Straße 12 -16.

Detlef Schmidt

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