Kalenderblatt zum 2. August

Die Stadt versank im Müllchaos
Wo ein Wort noch etwas gilt und ein Handschlag reicht

Am 2. August 1991 stellten 14 Wismarer Unternehmen Sperrmüllcontainer an 36 verschiedenen Orten in der Stadt auf. Vorangegangen war ein Aufruf der Initiatoren von der Wismarer „Mittwochsrunde“, im Rahmen der Aktion „Saubere Stadt“ an alle Bürger, hier den in den Haushalten angefallenen Sperrmüll kostenlos zu entsorgen. Was nun gut gemeint war, endete in einer kleinen „Müllkatastrophe“. Nach der Wende haben viele Bürger sich neu eingerichtet und leider nahm der illegal entsorgte Sperrmüll dramatisch zu. Hinzu kam, dass, bedingt durch die Mangelwirtschaft in der DDR, viele Einwohner sich mit nun überflüssigen Dingen bevorratet hatten. Ein Beispiel war der ehemalige KIB (Kraftfahrzeuginstandsetzung) in der Schweriner Straße (jetzt VW und Audi). Hier lagerten hunderte ehemals begehrte Windschutzscheiben für Trabant und Wartburg. Diese, ehemals heiß begehrt, wurden nun vernichtet.
In dieser Situation wurde die Initiative „Aktion Saubere Stadt“ des gerade erst am 18. April 1991 gegründeten Wirtschaftskreises „Mittwochsrunde zu Wismar“ gerne angenommen und nach erfolgtem Aufruf in der Ostsee-Zeitung füllten sich die Container rasch. Da diese nicht ausreichten, wurde weiterer Sperrmüll einfach an den Straßenrand gelegt. Es war ein Wochenende und die Bürger „entsorgten was das Zeug hielt“. Die Lokalseite Wismar der Ostsee-Zeitung berichtet am 5. August 1991: „Massenweise brachten die Leute ihren Haussperrmüll zu den Behältern; Kühlschränke, Fernseher, Fahrräder, Nähmaschinen, Rasenmäher, Kleider- und Küchenschränke, Anbauwände, Polstermöbel, Bettbezüge, Blechteile von Autos und Motorrädern, Auslegeware, Waschmaschinen, alte Koffer, Autoreifen, Toilettenbecken, Flaschen, Gläser, Bierdosen, halbvolle Farbtöpfe, Nachtschränke, Holzkisten, sogar Küchen- und Gartenabfälle. In Wendorf durchwühlten ein paar Russen der Garnison Wismar auf dem Parkplatz Bruno-Tesch-Straße den Müll: „Deutschen muß gut gehen! Was alles weggeworfen wird, oh jeh!“ Kopfschüttelnd standen auch gestern viele Passanten vor den großen Müllbergen, die nach dem Sonnabend-Einsatz nicht abnahmen.“
Mit so einen Umfang hatten die Initiatoren nicht gerechnet und Günter Genz, einer der Initiatoren, der damals mit seinem gerade gegründeten Containerdienst dabei war, erinnert sich: „Mit solch einem Zuspruch hatten wir nicht gerechnet. Die gesamte Stadt stand voller Sperrmüll, denn viele Wismarer Familien, hatten nach der Wende ihre Wohnungen teilweise oder auch komplett neu eingerichtet. Alle meine Container waren rund um die Uhr im Einsatz….“
An diesem Wochenende und teilweise bis in die folgende Woche hinein, waren die „Brummis“ bis zu zwölf Stunden täglich im Einsatz, um alles auf die städtische Deponie nach Müggenburg zu bringen. Insgesamt wurden 2.500 Kubikmeter Sperrmüll entsorgt!
Bei dieser aufwändigen Aktion erhielten die ausführenden und beteiligten Unternehmen tatkräftige Unterstützung aus der damaligen Garnison der Roten Armee. Garnisonskommandant Wladimir Utjaschew zeigte sich, wie auch bei anderen Projekten, immer sehr kooperationsfreudig und war dem Wirtschaftskreis „Mittwochsrunde zu Wismar“ bis zum endgültigen Abzug der Roten Armee aus Wismar am 30. Juni 1993 sehr verbunden.
Die „Mittwochsrunde“ hat mit dieser Aktion jedoch ihre Feuertaufe bestanden. Gegründet wurde der Wirtschaftskreis, der kein Verein ist, am 18. April 1991, einem Mittwoch.
An diesem Tag gab es mit dem damaligen Wirtschaftsminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Conrad-Michael Lehment (FDP), und Bürgermeisterin Dr. Rosemarie Wilcken in der Aula der Großen Stadtschule ein Treffen mit Unternehmer und wirtschaftlich interessierten Bürgern zu Fragen der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung der Hansestadt Wismar. Die Teilnehmer kamen aus Ost und West und jeder gab seine „guten Ratschläge“ hinzu. Nach der Veranstaltung trafen sich einige Wismarer Unternehmer in einem Restaurant noch zu einem Bier, um den Abend mit Diskussionen ausklingen zu lassen. Hier kam dann die „zündende“ Idee, dass man sich doch alle 14 Tage zu einem Abend mit Unternehmern und weiteren Personen an einem bestimmten Ort zu einem Gedankenaustausch treffen sollte. Die Treffen fanden seither im Ziegenkrug statt und die Mittwochsrunde zog 2006 in das Hotel & Restaurant „Wismar“ um.
Nach der Wende trafen im wirtschaftlichen Umfeld Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen und Regionen mit verschiedenen Weltanschauungen und auch politischen Ansichten aufeinander und auch gegeneinander. In Wismar war und ist es dank der Mittwochsrunde anders. Ost und West, Frauen und Männer, setzten sich an einem Tisch, tranken Bier und Wein, aßen ihr „Krabbenfrühstück“ und erzählten sich gegenseitig ihre Erfahrungen. So verstand „West“ warum „Ost“ so dachte und handelte und umgekehrt war es auch so – eine unschätzbare Kostbarkeit im Miteinander eines über vierzig Jahre getrennten Landes. Man kann im Land lange suchen, wo es eine Unternehmergemeinschaft gibt, die nach diesen Regeln arbeiten und das Handeln eines Ehrbaren Kaufmannes so verinnerlichen!
Das ist das Geheimnis der alle 14 Tage tagenden Mittwochsrunde, deren Sprecher der Wismarer Unternehmer Uwe Steinhagen von Beginn an ist. Zwar sind die Treffen nicht immer voll besucht, doch, einmal im Jahr,t beim mittlerweile berühmten Neujahrsempfang, an dem seit Gründung des Wirtschaftskreises immer der jeweilige Wirtschaftsminister des Landes teilnahm, kommen schon mal über 120 Teilnehmer zusammen. Wer will da schon fehlen.
Bei jedem Unternehmertreffen geht der „Pott“ um und dies nimmt der schatzführende Sprecher an sich, vermeldet die Summe und schreibt sie in sein Buch – so wie es die Hanseaten und die Ehrbaren Kaufleute machten. Von dieser kleinen Kasse profitieren viele soziale Projekte, Stiftungen, Schulen und Kindergärten. Jedes Projekt wird in der Runde genau durchgesprochen, einiges auch verworfen und genau auf die richtige Verwendung geachtet. Es sind eben Kaufleute im besten hansischen Sinne.

Was sonst noch geschah
1. August 1946 Waggonfabrik wird sowjetische Aktiengesellschaft.
1. August1947 Befehl über Wiederaufbauarbeiten in den Häfen Wismar, Rostock, Warnemünde, Stralsund.
1. August 1950 Baubeginn der neuen Schiffsreparatur, ab 13. Oktober 1951 mit dem Namen MTW.
1. August 2011 Fertigstellung von 21 betreuten Wohnungen im Seniorenzentrum Lübsche Burg. Eröffnung Pflegebereich mit 84 Pflegeplätzen am 1. Januar 2012 im ehemaligen Mannschaftsgebäude der Wehrmacht von 1936.
4. August 1944 9. Luftangriff: Es griffen erstmals Fliegerkräfte der 8. US Air Force die Stadt an. Es wurden Häuser am Klußer Damm, Am Torney und in der Poeler Straße beschädigt.
4. August 1960 Entscheidung der Wismarer Stadtverordnetenversammlung – die Sprengung von St. Marien ist beschlossen.
5. August 1945 Volkszählung in der Stadt, um einen Überblick über den Zuzug von Flüchtlingen und verbliebenen Wohnraum zu erhalten.

Detlef Schmidt

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