Kalenderblatt zum 2. Juni

St. Georgen und der Drache

Am 2. Juni 1946 ist die erste Spielzeit im Wismarer nach dem zweiten Weltkrieg mit der Operette „Saison in Salzburg“ beendet. Die Spielzeit war am 29. September mit Ralf Benatzkys „Meine Schwester und ich“ in der Regie von Wolfgang Struck eröffnet worden und schon am 11. Juli 1945 gab es ein Klavierkonzert mit Prof. Hans Beltz. Für die Wismarer war das Theater nach dem mörderischen Krieg wichtig, was sich auch in den Besucherzahlen widerspiegelt.

170.000 Besucher in 325 Vorstellungen, die sich aufgliederten in Schauspiel, Niederdeutsche Bühne, Konzerte, Ballett und Märchenvorstellungen für Kinder gab, so die Statistik nach einem Jahr. Eine beachtliche Leitung. Man erwirtschaftete einen Überschuss von 40tausend Reichsmark, die zur Entlohnung des Theaterpersonals genutzt wurde. Die Kommandantur der Roten Armee führte die Entnazifizierung des Ensembles durch und 22 Sänger und Schauspieler für Operette und Schauspiel, 35 Orchestermusiker, 12 Damen Ballett, zwei Inspizienten, eine Souffleuse, ein Bühnenbildner, 18 Mann technisches Personal, dazu die Niederdeutsche Bühne mit 20 Personen durften im Theater auftreten. Alle Theaterangehörige waren bei der Stadt Wismar angestellt. Es wurde nicht, wie vor den Krieg, eine Kulturstätte mit wechselnden Ensembles, die sich jedes Jahr neu bewerben mussten. Das Theater sollte sich finanziell selbst tragen. Dafür musste jedoch mehr getan werden und so appellierte die Intendanz an die Wismarer, Musikinstrumente, Kostüme und Trachten zu spenden. Die Niederdeutsche Bühne suchte „spielfreudige Damen und Herren“ und es wurde ein kostenloser Tanzunterricht für die dem Theater angegliederte Ballettschule angeboten.

Wismar ist nun nicht gerade eine überragende Theaterstadt, doch die Wismarer liebten ihr Theater, das 1842 in der Mecklenburger Straße eingeweiht worden ist. Da die Bausumme um 100 Prozent überzogen wurde, spendeten die Wismarer reichlich. Dieser Bau trug dem Theaterinteresse der Wismarer Rechnung. Im 1819 erbauten Rathaus ist 1827 im Westflügel ein Theatersaal eingerichtet worden. Mitunter sollen 700 Besucher gewesen sein. 1948 brannte das Theater nieder und die Wismarer schafften es unter schwierigsten Bedingungen, im März 1949 in ein neues Haus einzuziehen. Dieses Theater ist nach einer Grundsanierung am 3. Dezember 2014 mit Tschaikowskis 5. Sinfonie, nach einer Bauzeit von drei Jahren und einer Gesamtinvestition von 5,44 Millionen Euro eröffnet worden.

Doch das Theaterspiel hat eine längere Vorgeschichte in Wismar. 1464 soll der Zisterziensermönch Peter Kalff in dem klostereigenen Hof der Doberaner Mönche das Stück in Hof Redentin verfasst haben. Es gibt neuere Forschungen, die diesem widersprechen, doch die Jahreszahl stimmt. Ob es in Wismar zu der Zeit aufgeführt wurde ist nicht gesichert, aber 2000 fand am Alten Hafen eine bemerkenswerte Aufführung statt. Es gab schon im Mittelalter Theateraufführungen von umherziehenden Schauspielertruppen bei den Jahrmärkten und auch in den großen Backsteinkirchen gab es Aufführungen. Diese hatten zumeist religiösen Inhalt. Etwas anderes wäre auch auf dem Index gelangt. Die Tradition Kultur in die Rathäuser und Kirchen zu bringen, wird in Wismar hervorragend ausgeübt. Im Bürgerschaftssaal finden Konzerte statt und St. Georgen ist seit 2013 Schauplatz der Klassikertage des Festspielvereines Wismar e.V. Diese haben sich das Ziel gesetzt, Werke der Klassik in der Kulturkirche aufzuführen. Begeistert haben Wismarer und Touristen seit 2013 den „Jedermann“ erlebt. Hinzu kam vor zwei Jahren die Aufführung von Goethes „Faust“ unter der Regie von Holger Mahlich. Hervorragend das Inklusionsprojekt, dass Menschen mit einer Behinderung einbezieht. Am 5. Juli 2018 beginnen die Klassikertage mit „Der Drache“, eine Märchenkomödie von Jewgeni Schwarz. Diese erzählt auf vergnügliche Weise von einer Gesellschaft, für die ein Leben ohne Freiheit sehr bequem erscheint. Als überaus zufriedene Untertanen liegt den Menschen nichts daran, die Herrschsucht des Drachen zu beenden. Unter Stalin wurden Aufführungen untersagt. Heute zählt „Der Drache“ zur klassischen Weltliteratur. In St. Georgen, dem „Drachentöter“ aus der Bibel, wird nun erstmalig ein Drache aufgeführt und abzuwarten ist, ob es dem Heiligen Georg auch gefällt.

Was sonst noch geschah

  1. Juni 1993 1. Kreisgebietsreform und Kreisfreiheit Wismars.
  2. Juni 1922 Kaufvertrag zum Bau von 134 Kleinsiedlungen bei Dargetzow und dem großen Exerzierplatz.
  3. Juni 1851 Erstmalige Erwähnung als Löwenapotheke: „Wohn- und Apothekenhaus, früher die untere Apotheke, jetzt die Löwen-Apotheke genannt“.
  4. Juni 1911 Arzt und Historiker Dr. Friedrich Crull gestorben.
  5. Juni 1996 Sprengung Nebengebäude des Kalkofens in der Zuckerfabrik.
  6. Juni 1998 Übergabe des neuen Wasserwerkes Friedrichshof.

 

Detlef Schmidt

 

 

 

 

 

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