Kalenderblatt zum 2. Mai

 

Vor 70 Jahren endete die Nazidiktatur in Wismar

Kanadische Fallschirmjäger marschierten am 2. Mai in Wismar ein

Am 2. Mai 1945 war in Wismar die „tausendjährige“ Nazidiktatur nach zwölf Jahren zu Ende. Eine kanadische Fallschirmjägereinheit der 6. britischen Luftlandedivision unter Führung von Oberstleutnant Napier Crookenden traf gegen Mittag in Wismar ein. Schon am Morgen dieses sonnigen warmen Frühlingstages kam Nazi-Gauleiter Friedrich Hildebrandt, der vor den anrückenden US-Amerikanern aus Schwerin geflohen war, nach Wismar, um noch „Durchhalteparolen“ zu verbreiten. Stadtkommandant Oberst Schröder verwies auf die tausenden Flüchtlinge und Verwundete, die sich in Wismar aufhielten und auf die vorhandenen Panzersperren an den Hauptzufahrtstraßen und im Hafenbereich, sowie auf die gefluteten Flächen der Kuhweide und der Rabenwiese. Oberst Schröder hatte keinesfalls die Absicht, Wismar gegen die heranrückenden Truppen der Briten und Russen in einen sinnlosen Verteidigungszustand zu versetzen. Zur gleichen Zeit verlangte ein Frontoffizier mit vorgehaltener Pistole von Oberbürgermeister Alfred Pleuger, dass er einen Befehl zur Öffnung der Schleusen des Mühlenteiches geben soll. Pleuger lehnte in Abstimmung mit Oberst Schröder energisch ab. Daraufhin fuhr SS-Obergruppenführer  Friedrich Hildebrandt wutschnaubend weiter nach Poel, wo er mit einem Schiff nach Schleswig-Holstein zur dortigen provisorischen Reichsregierung unter Admiral Karl Dönitz floh. Hildebrandt wurde am 5. November 1948 in Landsberg am Lech als Kriegsverbrecher hingerichtet.

Für viele Wismarer stellte sich an diesem und den davor gehenden Tagen nur die Frage, wer nimmt Wismar zuerst ein, die Russen oder die Briten. Die Propaganda zeigte Wirkung und keiner wollte den „bolschewistischen Horden“ in die Hände fallen, dann schon lieber die Briten. Eine politische Führung funktionierte am 2. Mai 1945 nicht mehr. In der neuen NSDAP Kreisleitung an der Ecke Vogelsang auf dem kleinen Exerzierplatz, hatten sich nach einem nächtlichen Saufgelage die Kreisleiter von Wismar, Paul Ohl, und Rostock, Otto Dettmann, sowie die Sekretärin Gisela von Sobbe erschossen. Diese wurden zunächst im Garten verscharrt, doch auf Anweisung der Briten  auf dem Soldatenfriedhof beigesetzt. Oberbürgermeister Alfred Pleuger hatte Kenntnis davon, dass die Briten von Boizenburg anrückten und von Osten die Russen kamen. Gemeinsam mit Stadtkämmerer Dr. Heinz Maus fuhr er mit einer weißen Fahne in Richtung Gadebusch, um die Stadt kampflos den Briten und nicht den Russen zu überlassen. Die Wismarer trafen etwa bei Mühlen-Eichsen auf die kanadische Fallschirmjägereinheit, die die beiden Wismarer kurzerhand mit auf dem Marsch nach Wismar nahmen. Gegen zwölf Uhr Mittag kamen die Kanadier in der Stadt an. Pleuger war als „lebendiges Schutzschild“  auf einen Kühlergrill eines Jeeps gebunden, um etwaige Anschläge zu vermeiden. Wismar gehörte zu den wenigen Städten Deutschlands, die kampflos übergeben wurden. Aufgeputschte Hitlerjungen hatten noch eine kleine Brücke bei Steffin gesprengt. Es gab einen kurzen Kampf um eine Straßensperre und bei den Dornierwerken auf dem Haffeld kam es zu einem kurzen Schusswechsel. Aus dem Hafen liefen zur gleichen Zeit einige deutsche Kriegsschiffe und U-Boote ungestört aus.

Nachmittags traf ein kanadischer Erkundungstrupp an der östlichen Stadtgrenze auf die Rote Armee, die ebenfalls in Wismar einmarschieren wollten. Die Kanadier machten den Russen unmissverständlich klar, auch mit Verweis auf die militärische Stärke seiner Truppen, dass Wismar in ihrer Hand seien. Die Russen hatten keine Ahnung, dass Wismar schon besetzt war, hatten sie doch den Befehl bis Lübeck zu marschieren. Obwohl in Jalta die Demarkationslinien festgelegt waren, wollte der britische Feldmarschall Arthur Montgomery dies verhindern, da er den Russen misstraute. Er hatte sie in Verdacht, dass sie über Lübeck nach Schleswig-Holstein und weiter nach Dänemark marschieren würden. Deshalb initiierte er mit den US-Truppen am 30. April 1945 einen schnellen Vorstoß über die Elbe, um den Russen zuvorzukommen. Trotzdem fuhr in voller Fahrt ein russischer Panzer von Kritzowburg in Richtung Wismar, der in letzter Minute aufgehalten werden konnte. Am Abend des 2. Mai 1945 war für Wismar die Nazizeit vorbei, die Kanadier und Briten hielten Wismar fest in der Hand, und Feldmarschall Montgomery telegrafierte nach London, dass seine Truppen den Wettlauf gegen die Rote Armee gewonnen haben. Die Russen quartierten sich im Gutshaus Kritzowburg ein und es kam in den folgenden Tagen zu mehreren, auch „feucht-fröhlichen“ Begegnungen zwischen den „Waffenbrüdern“. Zwischen Kritzowburg und dem Soldatenfriedhof wurde ein „Niemandsland“ eingerichtet. Major Charles wurde zum Stadtkommandant ernannt und besetzte das Rathaus. Gegenüber der Wismarer Zivilbevölkerung kam es zu Gewalttaten, denn mit den Kanadiern und Briten war auch ein Trupp der polnischen Heimatarmee einmarschiert. Der Buchhändler Hermann Rhein berichtete, dass seine Uhr nicht von den Russen geklaut wurde, sondern von den Kanadiern, die als besonders „ruppig“ galten.  In der Nacht vom 3. Mai zum 4. Mai wurde die Stadt zur Plünderung freigegeben. In dieser Nacht brannte auch das Kaufhaus Otto in der Krämerstraße aus bis heute nicht geklärten Gründen nieder und der Geschäftsführer eines Schuhhauses wurde erschossen. Zur Abschreckung ließen ihn  die Kanadier zwei Tage auf dem Markt liegen. Am 7. Mai flog der englische Feldmarschall Montgomery nach Wismar und traf sich mit dem russischen Marschall Rokossowsky in der Dr.-Unruh-Straße 7, dem Hauptquartier der 6. Luftlandedivision.

Am 12. Mai 1945 veranstalteten die Briten eine große Siegerparade auf dem Marktplatz. Gemäß den Vereinbarungen von Jalta vom Februar 1945 über die Aufteilung Deutschlands, räumten die Briten am 30. Juni 1945 Wismar und am 2. Juli 1945 zogen die Russen ein und blieben 48 Jahre bis zum 30. Juni 1993 in Wismar. Mit den Briten verließ auch Alfred Pleuger die Stadt, in der er noch bis zum 21. Mai 1945 Oberbürgermeister war.

Was geschah weiter:

  1. Mai 1905 Die Insel Walfisch wird wieder städtisches Eigentum.
    1.Mai 1949 Grundsteinlegung für das Wohngebiet Flöter Weg.

1.Mai 1956 Übergabe Hochhaus am Platz des Friedens in Wendorf.

  1. Mai1905 Einweihung der Knaben-Volksschule (Gerhart-Hauptmann-Gymnasium), Architekt Johann Busch
  2. Mai 1957 3. Rennen auf dem Hanseatenring für Motorräder und Seitenwagengespanne, sowie Autos.
  3. Mai 1909 Einweihung des neuen Krankenhauses am Dahlberg.
  4. Mai 1982 Schlüsselübergabe des Feierabend- und Pflegeheimes am Friedenshof mit insgesamt 448 Plätzen.
  5. Mai 1990 Erste freie, unabhängige Kommunalwahlen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Ergebnis: SPD 34,45 %, CDU 27,31 %, PDS 13,0 %, Neues Forum 8,44 %, FDP 6,5 %.
  6. Mai 1993 Verabschiedungsveranstaltung „Doswidanija und Tschüß“ für die sowjetischen Truppen in Wismar im Stadion und auf dem Hafffeld.
  7. Mai 2010 Die St. Georgenkirche wird mit einem Festakt am 8. Mai wieder der Öffentlichkeit übergeben. 40 Millionen Euro wurden seit 1990 in das „Wunder von Wismar“ verbaut.
  8. Mai 1908 Gründung der Ingenieurakademie in Wismar.
  9. Mai 2014 Eröffnung der Aussichtsplattform auf dem ehemaligen Turm von St. Georgen in 34 Meter Höhe. Kosten inkl. Fahrstuhl und Nottreppe 2,1 Millionen Euro.

Detlef Schmidt

 

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