Kalenderblatt zum 20. Juni

Die Schweden hatten für Wismar kein Geld mehr….

Am 20. Juni 1903 schrieb der mecklenburgische Großherzog Friedrich Franz IV. an den Wismarer Rat, „Durch den heute vollzogenen Vertrag (Vertrag von Stockholm) betreffs des Verzichts Schwedens auf das Recht der Wiedereinlösung der Stadt Wismar, hat dieselbe voll und ganz ihre Zugehörigkeit zu Mecklenburg wiedergewonnen.“

Damit hatte ein jahrzehntelanges politisches Tauziehen ein Ende, dessen Beginn aber schon am 10. Januar 1632 mit der schwedischen Besetzung Wismars nach wochenlanger Belagerung und Kämpfen mit den wallensteinschen Truppen begann. Schon einen Monat später, am 29. Februar 1632 kam es zu einem Bündnisvertrag zwischen dem Schwedenkönig und dem Mecklenburger Herzog mit der Abtretung Wismars und der Festung Walfisch. Jedoch erst nach Beendigung des dreißigjährigen Krieges mit dem Westfälischen Frieden, erhält das Königreich Schweden am 24. Oktober 1648  über die Stadt Wismar mit Insel Poel und dem Amt Neukloster volle Souveränität und diese Gebiete werden schwedisches Staatsgebiet. Die Schweden waren zu diesem Zeitpunkt eine militärische Großmacht in Europa und durch ihre aggressive und imperiale Politik, zogen sie Wismar immer wieder in diese Kriege hinein. Die Bürger hatten die Besatzungskosten zu tragen und mussten umfangreich Wach- und Schanzdienste leisten. Die schwedischen Soldaten, manchmal bis zu dreitausend, waren bei den Bürgern einquartiert, die wiederum für „Tisch und Bett“ zu sorgen hatten. Zwar wurde im ehemaligen Fürstenhof das „Königlich-Schwedische-Tribunal“ eingerichtet und die Wismarer Wirtschaft begann sich etwas zu erholen, doch mit dem Ausbau Wismars zu eine der stärksten Festungen Europas begann auch eine verhängnisvolle wirtschaftliche Abwärtsspirale. 1675 stand der Dänenkönig Christian vor Wismar und nahm die anscheinend unbesiegbare Festung ein und musste sie 1680 nach dem Frieden von Fontainbleau wieder verlassen. Die Schweden begannen nun erst recht die Wismarer Festung, zu der als Vorposten auch die Insel Walfisch gehörte, auszubauen. Mit dem Eintritt in den Großen Nordischen Krieg, der von 1700 bis 1721 dauerte, wollte Schweden seine Vormachtstellung im Ostseeraum untermauern, scheiterte doch kläglich. Wismar erlitt schwerste Belagerungen und kapitulierte 1716 vor den Alliierten Preußen und Dänen. Die Bevölkerung war nahezu ausgehungert und musste nun auch noch die selbst angelegten Festungswälle zerstören. Der erst 1686 fertig gestellte Turm auf Walfisch wurde am 2. Februar 1718 mit dem sich dort befindlichem Pulver in die Luft gesprengt. Die Schweden erhielten 1720 Wismar mit der Maßgabe zurück, es nie wieder zu befestigen. Wismars Handelsbeziehungen waren nahezu auf dem „Nullstand“ was sich auch auf den Erhalt der Wohnhäuser auswirkte. 1757 rückten die Preußen im siebenjährigen Krieg in Wismar ein und forderten in den Folgejahren die unvorstellbare Summe von 735.000 Reichstalern von den Bürgern. Diese hatten mittlerweile alles verpfändet, um diese Schuld aufzubringen. Die schwedische Vormachtstellung in Europa ging im 18. Jahrhundert rapide zurück und das Königreich verlor das Interesse an Wismar. Der 1778 geborene schwedische König Gustav IV. Adolf übernahm 1796 den Thron. Er hatte nacheinander „drei Brautens“ mit denen er sich jeweils verlobte doch besonders die Verlobung mit einer mecklenburgischen Prinzessin, die er wieder auflöste, wurde ihm und seinem Land zum Verhängnis. Der mecklenburgische Herzog forderte nun „Genugtuung ob der Schmähung“, die mit 100.000 Taler zu begleichen wäre.
Gustav IV. Adolf bezahlte bis 1803 36.000 Taler. Die Schweden waren durch ihre Kriege „notorisch klamm“ und so entstand am 26. Juni 1803 der Malmöer Vertrag, der unter anderem besagte, dass Wismar für 1.250.000 Taler an Mecklenburg auf 100 Jahre verpfändet wurde. Nebenbei wurde dem Schwedenkönig die Restsumme auf die einmal geforderten 100tausend Taler erlassen. Vertragsbestandteil war auch, dass Schweden nach einer Nichteinlösung der Summe im Jahre 1903, Wismar auch noch 2003 hätte zurückkaufen können. War schon 1903 eine für die Schweden unmöglich hohe verzinste Summe von über 100 Millionen Taler aufgelaufen, so wären es 2003 Milliarden von nunmehr Euros! Die Wismarer feierten überschwänglich am 19. August 1803 ihre Rückkehr nach Mecklenburg, ahnten jedoch noch nichts von den kommenden Problemen. Am 4. November 1806 besetzten Franzosen Wismar und zogen nach unterschiedlichen Besetzungen erst 1813 wieder ab, stellten zwischenzeitlich jedoch ungeheure Geldforderungen an die Bürger. 1807 stürzte das Rathaus wegen Baufälligkeit ein und in St. Nikolai waren seit dem Turmeinsturz von 1703 immer noch das Kirchendach und Gewölbe notdürftig gesichert. Erst 1867 konnten die notwendigen

Wiederherstellungsarbeiten beendet werden. Viele Häuser boten ein jämmerliches Bild, zudem kam die Akzise (Steuer) auf ein- und ausgeführte Waren hinzu. Die Situation besserte sich erst ab dem 19. März 1863 mit der Vereinbarung über den Eintritt Wismars in das neue mecklenburgische Zollsystem, das am 1. Oktober 1863 in Kraft trat und damit die wirtschaftsschädigende Akzise entfiel. An eine schwedische Zukunft glaubte sowieso keiner, doch erst 1897 erhielt Wismar eine Vertretung im mecklenburgischen Landtag. Vor dem historischen Hintergrund kann man auch die Wismarer verstehen, dass sie nahezu komplett ihre alten Stadtmauern und Tore abrissen, um offen für „Handel und Wandel“ zu ein – eine Eigenschaft die den Wismarern heute noch zu Eigen ist. Am 19. August 1903 feierten die Wismarer ihre „Hundertjahrfeier“ der Lösung von Schweden zusammen mit dem Besuch des Großherzog Friedrich Franz IV.. An diesem Datum orientieren die Wismarer seitdem ihre Stadtjubiläen, bis auf das von 1979. Die Schweden von heute sind keine kriegerische Macht mehr und die Wismarer feiern jedes Jahr ihr Schwedenfest im August als „größtes schwedisches Fest außerhalb von Schweden“. Mit Kalmar verbindet sie seit dem 15. Juni 2002 eine von beiden Seiten aktive Städtepartnerschaft.

Was sonst noch geschah:
23. Juni 1824 Gründung der Ersparniß-Anstalt Wismar, die heutige Sparkasse.
23. Juni1946 Wiedereröffnung der am 10. April 1919 gegründeten Volkshochschule Wismar im Hotel „Zur Sonne“.
23. Juni 1951 Fertigstellung der Kalihalle im Hafen.
24. Juni 1825 Gründung der Wismarer Fischerzunft. Zum hundertjährigen Bestehen am 25. Juni1925 gab es noch 38 selbständige Fischer. Das Zunftlokal war die Gaststätte „Zur Wall-halle“.
24. Juni 1940 1. Luftangriff auf Wismar. Es wurden in der Zeit von 1.07 Uhr bis 2.56 Uhr über die Stadt etwa 30 Spreng- und 40 Brandbomben abgeworfen. Die Dornierwerke erlitten Beschädigungen.

Detlef Schmidt

 

 

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