Kalenderblatt zum 20.November

Unterführung in nur drei Monaten Bauzeit

Am 20. November 1909 ist mit dem Bau der Eisenbahnunterführung in der Rostocker Straße ein für damalige Zeiten wichtiges Verkehrsvorhaben realisiert worden. Die Notwendigkeit der Unterführung ist bis heute unumstritten.
In den so genannten Gründerjahren nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und den französischen Reparationszahlungen an Deutschland mit der ungeheuren Summe von fünf Milliarden Goldfranken, begann ein deutlicher Wandel in Deutschland durch die stärker zunehmende Industrialisierung. Das hatte Auswirkungen auf die Erweiterung der Städte. Es bildete sich über die ehemaligen, von Stadtmauern umgebenen Städte, die Vorstädte heraus. Hier entstanden neue Wohnungen, um die benötigten Arbeitskräfte unterzubringen.
Wer in Wismar in Richtung Rostocker Straße geht, begibt sich in die „Altwismar-Vorstadt“. Hier entstand am 1. November 1888 der Schlachthof, 1890 die Zuckerfabrik und 1898 die Malzfabrik am „Platter Kamp“, schon vorher die Hobelwerke am Lehmberg. 1901 wurden die ersten Häuser an der Rostocker Straße gebaut, 1906 bis 1907 gefolgt vom Straßenquartier Grothusenschanze, Schwartzkopfenhof, Gerberhof und am 3. Juli 1906 der „Platter Kamp“.
Eine Trennung von der Innenstadt gab es durch die seit dem 12. Juli 1848 vorhandene Eisenbahnlinie nach Bad Kleinen, welche die Rostocker Straße schnitt. Der Verkehr muss damals schon recht groß gewesen sein, dass man die vorhanden Schranken, oder wie man sagte, „Barrieren“, als Verkehrshindernis sah.
So wurde im August 1909, bei Aufrechterhaltung des Eisenbahnverkehrs, mit dem Bau eines Fußgängertunnels begonnen. Die Stadt gab einen Zuschuss von 10tausend Mark. Erschwert wurden die Schachtarbeiten durch aufgefundenes starkes Mauerwerk in Klosterformatsteinen in gut zwei Meter Breite. Es war so fest, dass man das Mauerwerk auseinander keilen musste. Vermutet wurden hier die aus Aufzeichnungen bekannten Mühlen vor dem Altwismartor, zumal von hier ein Zufluss vom Mühlenteich in die Grube nachgewiesen wurde. Am 20. November, nur drei Monate nach Baubeginn, kann man folgendes im „Mecklenburger Tageblatt“ lesen: „Der Tunnel vor dem Altwismartor ist vollendet und man kann ihn zu jeder Zeit benutzen, nicht allein am Tage, sondern auch am Abend, wo er durch Dauerlicht hell erleuchtet ist. Man steigt auf 21 Stufen in die Tiefe, geht 15 kurze Schritte durch den Tunnel und steigt 21 Stufen aufwärts und ist wieder oben. Der Fußboden des Tunnels ist zementiert, und an den Seiten sind glasierte Wandplatten.“
Er sieht heute längst nicht mehr so schön aus wie vor über 100 Jahren, doch er erfüllt seine Funktion immer noch. Spürbar war dies insbesondere, als der gesamte Verkehr nach und von Rostock über diese Straße rollte und man schon als Fußgänger und Radfahrer froh über diesen Tunnel war. Die Rostocker Straße war bis 1970 die einzigste Ausfallstraße Richtung Osten und durch den steigenden Verkehr auf der Straße und der Eisenbahn wurde sie zu einem regelrechten Nadelöhr. Die Eisenbahnschranke Rostocker Straße war nahezu berüchtigt für den Verkehr. Etwas übertrieben schätzte man über den „Daumen“, dass von 24 Stunden die Schranke gut 18 Stunden geschlossen war! Lange Autostaus waren die Regel und wer mag sich heute vorzustellen, dass durch und über die jetzt unscheinbare Schrankenanlage der gesamte Verkehr Wismars in Richtung Rostock und Sternberg rollte. Ende der sechziger Jahre wurde ein zentraler Beschluss zum Brückenbau über den Mühlenteich gefasst und am 7. August 1970 ist die 400 Meter lange Brücke als längste Spannbetonbrücke der DDR eingeweiht worden. Die gesamte Brückenbaulänge war über einen Kilometer und kostete damals 15,3 Millionen Mark der DDR. Für damalige Verhältnisse eine stolze Summe. Wegen des schlechten Untergrundes gab es erhebliche Schwierigkeiten mit der Statik, die jedoch behoben werden konnten und so rollt der Verkehr noch heute über die „Vierzigjährige“. 2004 und 2005 wurde sie komplett überholt und neben der neuen Fußgängergestaltung kam eine andere Verkehrsführung zur Anwendung. Die Hochbrücke ist eine Landesstraße, das heißt, die Bauunterhaltung trägt das Land Mecklenburg-Vorpommern und von der Kreuzung Philosophenweg bis Kreuzung Dr.-Leber-Straße misst sie 600 Meter. Aufgrund neuester Messung ist die Sicherheit der Brücke in Frage gestellt, sodass in den nächsten Jahren eine neue Lösung gefunden werden muss.

Was sonst noch geschah
20. November 1554 Fertigstellung des Fürstenhofes.
20. November 2014 Unterzeichnung des Vertrages zur Nutzung der „Kulturkirche“ St. Georgen durch die Hansestadt Wismar und den Kirchgemeinden St. Georgen und St. Marien. Die umstrittene Widmung ist nicht Bestandteil des Vertrages.
21. November 1901 Der Ostfriedhof wird anlässlich der ersten dortigen Beerdigung feierlich geweiht.
21. November 1939 Nutzung des ehemaligen Arbeitersportlerheimes durch die Norddeutschen Dornierwerke als Lehrlingswohnheim.
22. November 1835 Bürgermeister Anton J. F. Haupt gestorben.
22. November 1887 Benennung der Lindenstraße (Adolf-Hitler-Straße und Dr.-Leber-Straße).
23. November 1680 Vertrag von Fontainbleau und Lund, Rückgabe Wismars an Schweden und stärkste Befestigung.
23. November 1680 Wismar wird nach zwischenzeitlicher dänischer Besetzung durch die Verträge von Fontainbleau und Lund von 1675-1680 wieder schwedisch.
23. November 1838 Einweihung der „Koch´schen Stiftung“ in der Mecklenburger Straße.
24. November 2014 Beginn der Abrissarbeiten der Häuser Bleicherweg 25, 26,27 und 28. Es ist keine Neubebauung vorgesehen, sondern eine Rasenfläche. Das Haus Bleicherweg 28 ist das erste Haus, das 1948 in Wismar nach dem Krieg neu aufgebaut wurde. Der gesamte Bereich um die ehemalige Kanalstraße wurde am 25. August 1944 schwer zerstört.

Detlef Schmidt

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