Kalenderblatt zum 21. Oktober

Als der Hahn von St. Georgen weg flog

Am 21. Oktober 1993 wurde im Beisein von Bürgermeisterin Dr. Rosemarie Wilcken, den am Bau beteiligten Unternehmen und vielen Bürgern beobachtet, auf dem kleinen Glockenturm die goldene Abschlusskugel mit dem Wetterhahn auf die Turmspitze gesetzt. So wie es üblich ist, wurde zuvor die Kugel mit aktuellen Dokumenten, einer Zeitung und Münzen gefüllt. Für viele war das ein erster sichtbarer Abschluss, des drei Jahre zuvor begonnenen Wiederaufbaus von St. Georgen. Nach dem Einsturz des Nordgiebels am 26. Januar 1990 erholten sich die Verantwortlichen schnell von diesem Schock. Einer der ersten Spender war damals Willy Brandt, der St. Georgen aus seiner Kinderzeit, die er im Klützer Winkel bei seinem Großvater verbrachte, gut in Erinnerung hatte. Nach dem Antritt der neuen Stadtverwaltung am 31. Mai 1990 wurde zügig an der Akquirierung weiterer Spenden gearbeitet und der erste namhaften Wismarer Spender war der Geschäftsführer einer damals neu wieder übernommenen, ehemals enteigneten Tiefbaufirma. Waren die Bürger zunächst noch skeptisch über den Wiederaufbau, denn jahrelang lebten sie mit der Ruine und sie meinten Wohnungen wären jetzt besser, so war mittlerweile die Akzeptanz für den Wiederaufbau unter den Wismarer Bürgern gestiegen. Die Spendenbereitschaft wuchs, wenn auch die Deutsche Stiftung den „Löwenanteil“ von zuletzt 40 Millionen Euro, die St. Georgen letztendlich kosten würde, übernommen hatte. Viele Wis-marer haben seitdem persönliche Jubiläen dazu genutzt, auf Blumen und Geschenke zu ver-zichten und das erhaltene Geld für St. Georgen gespendet.
Umso erschrockener waren die Wismarer, als sie merkten, dass der goldene Wetterhahn nur einen Tag nachdem er in 56 Meter Höhe angebracht war, wieder verschwunden war. Als eine der ersten hatte die Bürgermeisterin es bemerkt, die morgens, wenn sie aus dem Haus ging, immer zu St. Georgen hinaufschaute. Sofortige Nachfragen von ihr bei den dafür zuständigen Ämtern, brachten die traurige Gewissheit, dass der Wetterhahn wohl gestohlen wurde. Dies lief wie ein Lauffeuer durch die Stadt. Die Kriminalpolizei nahm die Ermittlung auf, die Ost-see-Zeitung titelte „Schlug die Kultur Mafia zu?“, und wer Rosi Wilcken kennt, weiß welche Energie sie bei sich und ihren Mitarbeitern freisetzte, um den Hahn wieder zu bekommen. Die Ergebnisse blieben erfolglos – der Hahn war verschwunden, bis drei Tage später er in einem Bettlaken eingewickelt im Vorgarten der Familie Wilcken in der Dahlmannstraße unbeschadet wieder aufgefunden wurde. Den Dieben ist die Ware doch wohl zu heiß geworden und Ge-rüchte, dass die Bürgermeisterin schon im Vorgriff auf anstehende Bürgermeisterwahlen et-was mehr Publicity haben wollte, erwiesen sich auch als unbegründet. Der Fall erinnert ein klein bisschen an den „goldenen“ Löwen aus Holz, Gips und goldenen Überzug über dem Eingang der Löwen Apotheke, der auch schon einige Male verschwunden war und dessen Verschwinden, genauso wie beim goldenen Wetterhahn nie aufgeklärt wurden.
Der goldene Wetterhahn wurde sofort wieder auf den kleinen Glockenturm von St. Georgen angebracht und Rosi Wilcken wacht seit dieser Zeit mit Argusaugen, dass er auch da oben bleibt.
Die meisten Kirchen hatten neben ihrer seelsorgerischen Aufgaben noch einige praktische Aufgaben. Da es keine Uhren gab, war die an vielen Kirchen vorhandene mechanische Kirch-turmuhr, oder früher auch eine Sonnenuhr, der Zeitmesser für die Bürger und noch heute fra-gen sich die in den fünfziger Jahren aufgewachsenen Kinder, woher sie eigentlich die Zeit zum pünktlich nach Hause zu gehen hatten – vom Kirchturm. Die zweite wichtige Aufgabe erfüllten Kirchen als höchste Gebäude eines Ortes mit der Anzeige einer Windrichtung. Später hatten viele Häuser auch Windfahnen, aber Kirchen hatten einen Hahn als Windrichtungsan-zeiger. Der erste „Wetterhahn“ hatte Bischof Rampertus in der italienischen Stadt Brescia 820 auf dem Turm einer Kirche anbringen lassen. Grund ist wohl die Bibelstelle, in der Jesus dem Apostel Petrus prophezeit: „Ehe der Hahn krähen wird, wirst du mich dreimal verleugnen.“ was Petrus nach dem Bericht des Evangeliums nach der Verhaftung Jesu aus Angst vor Ver-folgung auch dreimal tat. Als der Hahn krähte, erinnerte er sich an diese Prophezeiung, schäm-te sich sehr und verkündete dann bis zu seinem Märtyrertod den neuen Glauben. Der Hahn war also eine Mahnung sich nicht nach dem Wind zu drehen, sondern wie Petrus in seinem weiteren Leben dem christlichen Glauben treu zu folgen. Neben dieser Bedeutung wurde der Hahn auch als Christussymbol verwendet. So wie der Hahn mit seinem Ruf das Ende der Nacht und den Beginn des Tages verkündet und die Menschen aufweckt, so besiegt Christus nach diesen Interpretationen die Nacht der Sünde und des Todes und erweckt den Menschen zum christlichen Glauben und zum ewigen Leben.
Am 8. Mai 2010 ist St. Georgen in einen für Wismar einmaligen Festakt mit Beethovens Neunte Sinfonie eingeweiht worden. Den goldenen Wetterhahn hat keiner mehr angerührt. Ob das an der Höhe liegt oder an Wismars Ex-Bürgermeisterin und Ehrenbürgerin Rosi Wilcken, wer weiß. Es ist eben nichts aufgeklärt.

 

Was sonst noch geschah
22. Oktober 1847 Gründung der „Mecklenburgischen Dampfschifffahrtgesellschaft zu Wis-mar AG“, Scheuerstraße 11.
23. Oktober 1910 Parteitag der SPD in der „Hansa“.
23. Oktober 1945 Die Zuckerfabrik beginnt mit 450 Beschäftigten.
23. Oktober 1952 Wiedergründung des „Deutschen Roten Kreuz“ in Wismar.
23. Oktober 1989 Außerordentliche Sitzung der Kreisleitung der SED. Hans-Jürgen Große-Schütte referiert für einen Kampf gegen das Neue Forum.
23. Oktober 1989 Treff von Sympathisanten des Neue Forum in Voßkuhl im Wohnhaus von Fritz Kalf.
24. Oktober 1648 Wismar wird im „Westfälischen Frieden“ Schweden zugesprochen.
24. Oktober 1982 Wiederinbetriebnahme des Glockenspiels von 1592 im St. Marienkirchturm durch Spenden der Altschülerschaft der Großen Stadtschule. Das Glockenspiel wird von den neun im Turm befindlichen Glocken und der Stundenglocke bedient. Es ertönt täglich um 12 Uhr, um 17 Uhr und um 19 Uhr und umfasst 14 Choräle aus dem evangelischen Kirchjahr. Das Glockenspiel ist 1592 gestiftet worden und ruhte seit 1928.
24. Oktober 1831 Einweihung des Friedhofes (Ost) auf dem ehemaligen Galgenberg.
25. Oktober 1894 Dr. Leopold Liebenthal eröffnet in der Altwismarstraße (heute 10) seine Arztpraxis (gest. 30. November 1938).
26. Oktober 1908 Die Ingenieurakademie nimmt ihren Betrieb auf. Es beginnen die Vorlesun-gen.
27. Oktober 1846 Gründung des Gewerbevereins Wismar im „Fründts Hotel“. Vorsitz Senator Dr. jur. Wilhelm Christian Süsserott.

Detlef Schmidt

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