Kalenderblatt zum 22. Dezember

  Die ersten Friedensweihnachten auf dem Marktplatz

Am 22. Dezember 1945, an einem milden Sonnabend, öffnete der Weihnachtsmarkt erstmalig nach der Kriegszeit. Diesem hatte die sowjetische Stadtkommandantur zugestimmt, denn es gab das Versammlungsverbot. Die Wismarer und die tausenden Flüchtlinge, zusammen hatte Wismar fast 38.000 Einwohner, waren in Sicherheit und genossen die erste „Friedensweih-nacht“. Viele lebten in Notunterkünften und für die meisten Familien war es ein trauriges Fest, waren doch viele Männer in Kriegsgefangenschaft und es gab für manche kaum Gewissheit, ob sie überhaupt noch lebten. Oberbürgermeister Herbert Säverin (SPD) hatte sich bei den Russen für den Weihnachtsmarkt stark gemacht und so kamen doch viele Wismarer, um etwas Vorweihnachten zu genießen. Das Angebot war einfach und vielfach blühte an diesem Tag auch der Schwarzhandel. Man war zwar befreit von der Nazi-Diktatur, doch das Staatswesen war komplett zusammengebrochen, die Wirtschaft lag am Boden und man begann mühsam nicht nur die Trümmer wegzuräumen, sondern auch die Gesellschaft wiederaufzubauen. An diesem 22. Dezember 1945 werden in Paris die deutschen Reparationen aufgeteilt. Auf die UdSSR entfallen 25 Prozent, die USA und Großbritannien erhalten je 28 Prozent und Frank-reich 16 Prozent. 14 weitere Staaten werden 28 Prozent zugesprochen, was für viele noch die Lage verschlimmern sollte.
Um den Menschen Kraft und Abwechslung zu geben, war am 29. September 1945 am städti-schen Theater die Spielzeit 1945/46 eröffnet worden und ab 9. Oktober 1945 erfreute die Niederdeutsche Bühne ihre Zuschauer im Theater. Damit zog ein Stück Normalität ein. Einen Monat danach, am 28. November 1945 war der erste Markttag nach Kriegsende auf dem Marktplatz. Hier wurde mehr getauscht und gehandelt als verkauft. Doch wer wollte es den Wismarern und den vielen Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten verübeln, denn es gab kaum etwas zu essen und Kleidung für den Winter wurde auch gebraucht. Das Weihnachts-fest fiel auch dementsprechend bescheidener aus. Die Wünsche waren mehr praktischer Art, von selbstgestrickten Socken bis hin zu notdürftig geflickten Schuhen. Tannenzweige schmückten die Wohnungen und wer noch Kerzen hatte, ging sparsam damit um, denn die nächste Stromsperre kam bestimmt. Mit Süßigkeiten wurde experimentiert. Plätzchen sind vielfach mit Pottasche gebacken und aus den auf der Straße „gefundenen“ Zuckerrüben, ist ein herrlicher Sirup entstanden. Natürlich kann man den Weihnachtsmarkt von 1945 mit den heutigen überhaupt nicht vergleichen. Die Märkte in den Städten waren nahezu reine Han-delsmärkte, erst zu Beginn des 20. Jahrhundert kamen verstärkt Schausteller mit ihren Fahrge-schäften hinzu. In der Wismarschen Zeitung vom 22.Dezember 1835 preist der Kuchenbäcker Rechenberg aus der Bliedenstraße an: „Zum bevorstehenden Weihnachtsfeste empfehle ich mich dem geehrten Publicum mit meinen Succade-, Zucker- und meinen Honigkuchen usw. und bitte um gütigen Zuspruch, am Heiligen Abend, in meine Bude auf dem Markt“. Bis spät am Heiligen Abend hatten Händler ihre Geschäfte auf dem Marktplatz offen, denn sie waren auf jeden Groschen angewiesen. Von der Schaustellerfamilie Seeler aus der Neustadt ist fol-gendes verbürgt. Wenn der Weihnachtsmarkt vorbei war, verkaufte Ferdinand Seeler mit sei-ner Familie an der Wasserkunst bis spät am Heiligen Abend Tannenbäume. So kam denn eines Tages, Ende der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, in den schweren Zeiten der Welt-wirtschaftskrise ein Junge an der Wasserkunst vorbei und schaute mit großen Augen auf die übrig gebliebenen Bäume. Ferdinand Seeler sah den Jungen und es entwickelte sich folgendes: „Na“, meinte der alte Seeler, „söchst du noch´n Boom?“. Der Junge druckste herum „Ja, oe-wer dat ward dit Johr nix. Mudder hett uns ´n lütt Süßter schenkt un nu sünd wi söben tau Hus. Dor müßten wi uns utsöken wat wi hebben wull´n – Süßter orrer Dannenboom. Wi heb-ben uns oewer de Süßter freut.“ Ferdinand Seeler greift hinter sich und gab dem Jungen so einen schönen Tannenbaum, dass der Junge vor Freude rot wurde und so schnell wie möglich nach Haus rannte: Nun konnte Weihnachten kommen. Ein besseres Beispiel für weihnachtli-che Nächstenlieben gibt es kaum. Heute feiert jeder das Weihnachtsfest nach seiner Anschau-ung und Einstellung. Aber über allen diesem steht das Bedürfnis nach Friede, Freude in der Familie oder Besinnlichkeit.

Was sonst noch geschah
26. Dezember 1796 Auflösung des Verlöbnisses von König Gustav IV. Adolf von Schweden und Prinzessin Luise Charlotte von Mecklenburg und Verhandlung über eine angemessene Entschädigung. Endet im Wismarer Pachtvertrag.
29. Dezember 1878 Eröffnung der Gaststätte „Alter Schwede“ durch Wilhelm Frähmcke.
29. Dezember 1830 Bestätigung einer neuen Verfassung durch den Großherzog, Auffassun-gen von Bürgermeister Anton Haupt fließen weitgehend mit ein, erstmals seit 1427 werden Handwerker wieder ratsfähig.
29. Dezember 1918 Erste Kommunalwahlen mit Sieg der SPD für den sozialdemokratischen Bürgermeister Hans Raspe.
29. Dezember 1972 Grundsteinlegung eines neuen Arbeiterwohnheims für die Werft am Juri-Gagarin-Ring.

Detlef Schmidt

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