Kalenderblatt zum 22. Dezember

    Bahnhofsdach für Wismar ganz „passabel“

Am 22. Dezember 1883 wurde feierlich die Eisenbahnstrecke von Wismar nach Rostock er-öffnet. Dazu schrieb das Mecklenburger Tageblatt in seiner Abendausgabe in Rostock: „Der Eröffnungszug bestand aus 3 Personenwagen II. und III: Klasse, einem Güterwagen, sowie einem Post- und Gepäckwagen und wurde von einer mit reichlich Grün geschmückten Loko-motive gezogen. 90 Personen waren im Eröffnungszug befördert. Mit Musik und Böllerschüs-sen empfing Kröpelin den ersten Zug bei der Einfahrt“. Vorausgegangen war ein jahrelanger zäher Kampf der Wismarer um den wichtigen Anschluss an das deutsche Verkehrsnetz.
Pläne von Friedrich List zum Streckennetz der neuen Eisenbahn hatten Wismar nicht berück-sichtigt, sondern nur Rostock und Lübeck. Daraufhin wurden die Wismarer mit ihrem Bür-germeister Anton Haupt rührig und verlangten einen Anschluss. Am 22. Februar 1836 wurde ein „Eisenbahn-Comitee“ gegründet, das sich sofort an den Großherzog wandte. Dieser ant-wortete schon zwei Tage später, „dass er geneigt sei einer sich für den fraglichen Zweck bil-denden Aktiengesellschaft das Privilegium zur Anlegung einer Eisenbahn von Wismar nach Boizenburg zu erteilen“. Die Wismarer hatten damit einen Anschluss an das hannoversche Bahnnetz ins Auge gefasst. Alle Anstrengungen nutzten nichts und die Wismarer hatten sogar Land für den Eisenbahnbau zur Verfügung gestellt. Wismar erhielt erst am 12. Juli 1848 einen Eisenbahnanschluss und zwar als Nebenstrecke vom Dorf Kleinen, wo die Hauptstrecke zwi-schen Schwerin und Rostock verlief. Wismar hätte um 1848 beinahe die Chance gehabt, einen Knotenpunkt, wie das damalige unbedeutende Dorf Kleinen zu erhalten, doch es wurde durch das Bahnprojekt Hamburg-Berlin als stärkerer Konkurrent regelrecht ausgebotet. Nach Rostock konnte man ab 1883 und in Richtung Sternberg 1887 fahren. Diese Strecke ist heute schon wieder Geschichte und nach Lübeck gab es nie eine direkte Verbindung. Das ist eigent-lich auch verständlich, da so wie heute, die Warenströme nicht zwischen den Hafenstädten, sondern in das Hinterland gebracht werden mussten.
Der erste Fahrplan von 1848 hatte drei ankommende Züge und drei abgehende Züge ver-zeichnet und die Fahrzeit nach Schwerin betrug gut eine Stunde. In Wismar kamen die Rei-senden in ein zunächst provisorisches „Empfangsgebäude“ gegenüber der Grubenmühle unter. Die Lokomotive und die Wagen wurden über den 1847 errichteten Güterschuppen umgeleitet, denn Wismar war und blieb zum Leidwesen vieler Wismarer ein sogenannter „Sackbahnhof“. Der ehemalige Güterschuppen beherbergt seit dem 1. September 2011 das Kundencenter der Stadtwerke und private Unternehmen. Am 1. Juli 1857 konnte dann das neue repräsentative Bahnhofsgebäude im sogenannten „Tudorstil“ eingeweiht werden und nur Teile der Stadt-mauer trennten die Eisenbahn von der Stadt. Deshalb „bröckelte“ hier die Stadtmauer zuerst. Die Eisenbahn erzeugte wirtschaftliche Erfolge und 1853 wurde schon das erste Gleis zum Alten Hafen vor dem Bahnhofsgebäude, das 1857 fertig erstellt war, verlegt. Später noch das zweite Gleis, doch das hinderte 1892 nicht, den Bahnhofsvorplatz mit Droschkenplatz und Blumenanlagen herzurichten. Erst als das dritte Gleis 1898 hinzukam, kam eine Unterführung ins Gespräch. Diese wurde 1908 realisiert und das „Mecklenburger Tageblatt“ schreibt am 19. Mai 1908: „Die Bahnhofsanlage in Wismar genügt den Anforderungen der Jetztzeit nicht mehr. Einmal ist der Zugang zum Bahnhof über das Schienengeleise vor dem Pölertor leicht Störungen unterworfen, und dann müssen wegen des gesteigerten Bahnverkehrs auch neue Schienengeleise geschaffen werden. Deshalb will man den Zugang zum Bahnhof verlegen. Dies geschieht durch Anlage eines Tunnels, dessen Eingang bei der Bahnhofstraße liegt. An der Stadtseite wird ein Vorempfangsgebäude errichtet, in dem sich Gepäckannahme und Fahrkartenschalter befinden. Von dem Vorempfangsgebäude geht man auf einer Treppe in den Tunnel, steigt nach Passieren desselben auf und tritt in eine große Bogenhalle, an die sich der überdachte Bahnsteig an beiden Seiten anschließt. Das Gepäck wird in einer besonderen Anlage mit Maschinerie durch den Tunnel befördert. Am Bahnsteig werden Dienst- und Ne-bengebäude errichtet. Das Vorempfangsgebäude wird einstöckig im Ziegelrohbau mit Man-sardendach aufgeführt und mit Ziegeln gedeckt, ebenso das Dienstgebäude am Bahnsteig.“ Am 15. November 1908 ist der kleine Bahnhofsbau mit der Unterführung und einer „Koffer-transportanlage“ fertiggestellt worden. Ein Buchhändler eröffnete 1906 auf dem Bahnhof sein Geschäft und 1907 wurde der erste Fernsprecher auf dem Bahnsteig aufgestellt. „Schön ist er nicht geworden“, mäkelten damals schon einige Zeitgenossen an diesem Bauwerk herum. Die Überdachung für die neue Bahnhofshalle wurde aus Rostock geliefert. Dort hatte man die alte Überdachung des Friedrich-Franz-Bahnhofes abgerissen und man fand sie für Wismar noch ganz „passabel“. Am 14. November 1887 eröffnete mit der Eisenbahnstrecke nach Karow eine besonders für die Landwirtschaft wichtige Verkehrsverbindung zwischen dem Handelszent-rum Wismar und den Landstädten mit ihren landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Seit 1998 ist diese Strecke wegen der Autobahn A 20 still gelegt.
Weitere Projekte wie die Anbindung des Klützer Winkels und auch der Insel Poel blieben schon in der Anfangsphase stecken. 1890 entstand der heute unter Denkmalschutz stehende Ringlokschuppen. Dieser gehörte ab 1935 zum damals gegründeten Bahnbetriebswerk Wis-mar, das am 31.Dezember 1993 seinen Betrieb einstellte. Heute kümmert sich der Verein „Ei-senbahnfreunde Wismar e.V.“ um die Geschichte und Erhalt der Bahnanlagen. Ein ehrgeiziges Ziel der DDR-Wirtschaftsführung war die durchgehende Elektrifizierung der Eisenbahn. Am 29. Mai 1987 konnte die Bahnstrecke Wismar-Bad Kleinen mit einer E-Oberleitung übergeben werden. Wismar wäre ohne Hafen nichts aber der Hafen wäre auch ohne Eisenbahn im „schwierigen Fahrwasser“. So zieht sich der Aufbau der Verkehrsinfrastrukturen seit Stadt-gründung wie ein roter Faden durch unsere Geschichte und nachdem in den vergangenen zwanzig Jahren hier viel aufgeholt wurde, entwickelt sich in den nächsten Jahren mit der Neu-verlegung der Hafengeleise die Infrastruktur weiter für eine noch bessere wirtschaftliche An-bindung der Hansestadt Wismar. Hoffnung für einen neuen Bahnhofsvorplatz mit dem alten, immer noch „schmucken“ Bahnhofsgebäude kann man sich machen.

Was sonst noch geschah
22. Dezember 1945 Der erste Weihnachtsmarkt nach dem 2. Weltkrieg findet statt. Es gibt Gemüse und Fisch, Milch, Brot, und Fleisch zu kaufen, außerdem Spielzeug und kleinere Ge-brauchsgegenstände.
22. Dezember 1992 Der Maler Hans Mühlemann (geb.11.10.23 in Wohlau) verstirbt in Wis-mar.
24. Dezember 1992 Die EU-Kommission beschließt in Brüssel einem stattlichen Beihilfepakt für die Wismarer Werft zu. Damit werden 191,2 Mio DM Betriebsbeihilfe, 94,8 Mio DM In-vestitionsbeihilfe und 18 Mio DM Schließungsbeihilfe genehmigt.
26. Dezember 1796 Auflösung des Verlöbnisses von König Gustav IV. Adolf von Schweden und Prinzessin Luise Charlotte von Mecklenburg und Verhandlung über eine angemessene Entschädigung. Endet im Wismarer Pachtvertrag.

Detlef Schmidt

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