Kalenderblatt zum 22. Dezember

Trinkfeste Wismarer kehrten ins Schabbelhaus ein
Am ersten Tag sind alle Bürger zu einem kostenlosen Besuch eingeladen

Das Stadtgeschichtliche Museum Wismar eröffnet am 22. Dezember 2017 seine Ausstellung in zwei umfassend sanierten Gebäuden des Wismarer Bürgermeisters und Brauer Hinrich Schabbell (1531-1600). In der nunmehr neu gestalteten Exposition wird die 800-jährige Ge-schichte der Hansestadt auf 1.200 Quadratmetern erlebbar gemacht. Der Verbund der Hanse, die schwedische Herrschaftszeit, Wismar als Industriestadt und zu DDR-Zeiten sind nur eini-ge Schwerpunkte der Ausstellung, die inklusiv konzipiert wurde und damit für ein Publikum mit unterschiedlichen Wahrnehmungspotenzialen zugänglich ist. Zudem werden Zeitzeugen an Audiostationen zu Wort kommen. Die Ausstellung ist sowohl in deutscher als auch in eng-lischer Sprache aufbereitet und barrierefrei gestaltet.
Das historische Gebäudeensemble, in dem sich das Museum Wismar befindet, gehört zu den bedeutendsten Baudenkmälern Deutschlands. Das Schabbellhaus, ein Solitärbau an der Schweinsbrücke Nummer acht, zählt mit seinem eleganten Giebel, der Backsteinfassade und den schmückenden Sandsteinelementen zu den prunkvollsten Bauten im Stil der niederländi-schen Renaissance. Das benachbarte Gebäude daneben an der Schweinsbrücke Nummer sechs ist dagegen ein typisches hanseatisches Kaufmannshaus mit Vorderhaus und Kemladen aus dem 14. Jahrhundert.
Das „Schabbellhaus“ errichtete 1569 Philipp Brandin aus Utrecht, der auch die Wasserkunst schuf, für den Wismarer Brauer und Bürgermeister Hinrich Schabbell. Es ist ein für damalige Zeiten großartiger Prachtbau im Renaissancestil. Der sich zu der „Frischen Grube“ hin befind-liche Schmuckgiebel sollte den ankommenden Reisenden vom Poeler Tor aus schon den Wert des Hauseigentümers plastisch vor Augen führen. Das Haus hatte auch die Braugerechtigkeit und praktischerweise konnte man aus der neben dem Haus vorbeifließenden „Frischen Grube“ eben „frisches“ Wasser, daher der Grubenname, zum Bierbrauen schöpfen. 1873 übernahm der Bierbrauer Carl Koch das Haus, richtete hier seine Brauerei ein und ab 1907 das „Altdeut-sche Restaurant“. 1920 wurde im Schabbellhaus mit der „Kochschen Brauerei“ eine der letz-ten Wismarer Brauereien geschlossen. Die industrielle Bierbrauerei war zu übermächtig. Gab es um 1475 noch 182 Brauhäuser in Wismar, so waren es 1880 nur noch sechs Brauereien. Koch verkaufte 1920 das Schabbellhaus. Seit 1918 hatte August Schulz das „Altdeutsche Restaurant“ mit den legendären Porterstuben, angemietet, das bis 1938 betrieben wurde. Hier geht die „Legende“ um, dass August Schulz dem Gast, der nach drei Portbieren noch gerade über die Straße kam, die Rechnung dafür erlassen hat. Viele werden es wohl nicht geschafft haben.
Das nun im „Schabbellhaus“ neu eingerichtete Stadtgeschichtliche Museum hat jedoch eine bis ins Jahr 1863 gehende Vorgeschichte. Im Mai 1863 kam es unter der maßgeblichen Füh-rung des Wismar Arztes und Historiker Dr. Friedrich Crull zur Bildung des Wismarer Muse-umsvereines. Ziel des neuen Vereines aus einem veröffentlichen Aufruf sollten sein: „Grün-dung einer öffentlichen Sammlung solcher Gegenstände, welche in ihrer Vereinigung ein Bild ehemaliger Culturzustände und früherer Kunstentwicklung in unserer Vaterstadt geben könn-ten“. Man besann sich im 19. Jahrhundert mit dem Erstarken des Bürgertums auf die eigene regionale Geschichte und bemerkte, dass vieles der letzten Jahrhunderte zu verschwinden drohte. Der Aufruf war äußerst erfolgreich und so konnte am 26. August 1863 die Eröffnung des „Museums für Kunst und Altertum“ in angemieteten Räumen im Haus Dankwartstraße 47 für 60 Taler als erste museale Einrichtung erfolgen. Schon ein Jahr später, 1864, war die Mu-seumssammlung derart angestiegen, dass sich der Wismarer Rat genötigt sah, dem Verein die obere Etage in der 1858 errichteten neuen Hauptwache am Markt zu verpachten. Dr. Friedrich Crull, der mehr als 70 wissenschaftliche Werke zu Wismar verfasste und seit 1882 seinen Be-ruf zugunsten der Forschung aufgegeben hat, erkannte den Wert, der auf dem St. Marien-kirchplatz befindlichen „Alten Schule“. Dieser damals schon nahezu 600 Jahre alte Bau war in sechs Wohneinheiten unterteilt und machte baulich keinen guten Eindruck und so entschloss man sich zur Sanierung. Baurat Gustav Hamann entfernte die Trennwände zwischen Woh-nungen und natürlich verschwanden alle Neben- und Anbauten der vergangenen Jahrhunder-te. Dadurch entstand im Innern der Alten Schule ein über das gesamte Gebäude sich erstre-ckender Ausstellungsraum. 1880 war die Restaurierung abgeschlossen und hier eröffnete am 7. Mai 1881 das neue Wismarer Museum für Kunst und Altertum, der Vorgänger des jetzigen Kultur- und Stadthistorischen Museums Schabbelhaus, seine Ausstellungsräume im wohl schönsten und dafür würdigsten Haus in Wismar.
Am 11. März 1925 beschließt der Museumsvereinsvorstand das Museum der Stadt zu überge-ben, da sie mit der Weiterführung überfordert sind. Daraufhin werden konzeptionelle Gedan-ken zur Gestaltung der Ausstellung gefasst. Das Museum in der renovierten Alten Schule wird zur 700-Jahr Feier Wismars der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 1933 sollte in der benach-barten Wallfahrtskapelle Maria zur Weiden das „Kirchenhistorische Museum“ erbaut werden, doch die Nazis entarteten die Kapelle durch die Nutzung als erste deutsche Ahnenhalle am 4. November 1934. Dafür wurde am 18. Juni 1933 im Schabbellhaus an der Schweinsbrücke, Wismars neues Heimatmuseum eröffnet.
Nachdem die Wismarer Freimaurer 1935 enteignet und aus ihrem Haus vertrieben wurden, richten die Nazis im Logenhaus Lübsche Straße 50, ein nach ihrer Ideologie ausgerichtetem Weltbild, Museum ein, das jedoch schon am 15. September 1940 geschlossen wird. Die Be-stände des Museums wurden ausgelagert. Das Schabbelhaus erlitt am 24. September 1942 durch Bombeneinwirkung schwerste Beschädigungen. Nach dem Krieg nehmen die zusam-mengeschlossenen gesetzlichen Krankenkassen am 20. August 1945 ihre Arbeit provisorisch im Schabbellhaus auf.
Am 4. Dezember 1950 konnte das Wismarer Heimatmuseum durch den Lehrer Otto Kröplin im Schabbelhaus wiedereröffnet werden. Schon im September 1948 hatte Otto Kröplin in der damaligen Gerhard-Hauptmann-Schule einige zurückgeholte Exponate ausgestellt. Seit 1969 verschlechterte sich die Bausubstanz des Schabbellhauses und es wurden Teilsanierungen durchgeführt. Nach mehrjähriger Rekonstruktion konnte am 30. Juni 1979 das nunmehr „Stadtgeschichtliche Museum“ aus Anlass der 750-Jahrfeier Wismars übergeben werden. In den 80iger Jahren kam eine medizin-historische Sammlung hinzu, die in einem eigenen Muse-um ausgestellt werden sollte, was jedoch nach der „Wende“ nicht zur Ausführung kam.
Am 20. Mai 2010 begannen die umfassenden Bau- und Sanierungsarbeiten am neuen Muse-umskomplex. Bau- und Stadtgeschichtlich ein wertvoller, wie sensibler Bereich, verlangte der Bau sehr viel von Architekten und bauausführenden Unternehmen ab. Am 22. Dezember 2017, nach sieben Jahren und sieben Monaten wird das Stadtgeschichtliche Museum mit einer Gesamtinvestition von 12,54 Millionen Euro übergeben. Mit dem neuen Museumskomplex haben Wismars Bürger und Besucher, eine ausgezeichnete Einrichtung, sich umfassend zur Geschichte der Hansestadt Wismar zu befassen. Neben dem Stadtarchiv gehört das Wismarer Museum zu den „Gedächtnissen“ der Stadt anderen „Biographie“ Wismars Bürger selbst mit-arbeiten. Das Wismarer Museum ist für die touristische Infrastruktur eine wertvolle Einrich-tung, um den Aufenthalt auch bei schlechter Witterung angenehm zu gestalten. Zur Muse-umseröffnung sind am ersten Tag alle Bürger zu einem kostenlosen Besuch eingeladen.

Detlef Schmidt

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