Kalenderblatt zum 22. Januar

Wismarer Arbeiter-Sport-Kartell e.V. wird enteignet

Am 22. Januar 1935 wird der Wismarer Arbeitersportverein durch die Stadtverwaltung mit einer Zwangsversteigerung zerschlagen. Das Arbeiter-Sport-Kartell hatte am 1. Februar 1929 einen An-trag zum Überlassen von 1.600 Quadratmetern für einen Sportplatz und einem Wirtschaftshaus gestellt. Der Bauantrag wurde genehmigt und das Erbbaupachtrecht am 2. Juli 1929 erteilt. Die Bau-arbeiten beginnen am 1. Juli 1929 am neuen Arbeitersportlerheim mit Sportplatz am Friedrich-Ebert-Damm. Das Haus war zu der Zeit das einzige Gebäude im weiten Umkreis. Die Kaserne war noch nicht da und auch die Wohnbebauung erfolgte erst später. Diese freie Gegend hatten sich die Sportler auserkoren, um ihren Sport ungehindert ausüben zu können. Von der Parkstraße längs der heutigen Straße am Köppernitztal sollten sich die Sportanlagen erstrecken.
Die Hansestadt Wismar hatte um 1929 etwa 27.000 Einwohner und durch die größeren Unterneh-men auch eine gefestigte Arbeiterschaft, die zum einen in der SPD und zum anderen in der SPD nahen Gewerkschaften organisiert waren. Kein Wunder, dass den erstarkenden Rechtsextremen mehr als ein Dorn im Auge war. Noch bei der letzten Reichstagswahl vor der Machtergreifung Hitler stimmte Wismars linke Parteien mehrheitlich dagegen. Erst mit der Machtergreifung und der blitz-schnellen Durchsetzung der braunen Diktatur von nicht einmal 100 Tagen, was das Ziel der Brauen war, brach der Widerstand zusammen.
Damit war auch das Projekt „Sportanlage mit Gastronomie“ zum Scheitern verurteilt. Am 22. Januar 1935 erlosch das Erbbaupachtrecht und das Haus mit Gastronomie ging in städtisches Eigentum über. Die Gastronomie übernahm als Pächter Franz Lucas. In dieser einsamen Gegend ein Restau-rant zu betreiben, mag für Außenstehende ein Risiko gewesen sein, doch auf der anderen Stra-ßenseite in der Parkstraße wurde die Infanteriekaserne gebaut, die am 12. Oktober 1935 als „Wan-genheimkaserne“ durch das II. Bataillon des Infanterie Regimentes 89 in Betrieb genommen wur-de. Wismar wird nach 1920 wieder Garnisonsstadt. Die Parkstraße (heute Ph.-Müller-Str.) hat ihren Namen auch erst durch die Braunen bekommen. Nach 1925 hieß der ehemalige Dammhusener Weg „Friedrich-Ebert-Allee“, aber die Nazis konnten nun den ehemaligen sozialdemokratischen Reichspräsidenten schlecht ehren, also musste der Name weg und mit der Parkstraße verwies man auf den nahen Bürgerpark im Köppernitztal.
Franz Lucas betrieb die Gaststätte im ehemaligen Sportlerheim bis zum 29. September 1939. Er hat-te sich schon vorher beschwerdeführend an den Wismarer Rat um Erlass der Pacht gewandt. Durch mäßigen Umsatz konnte er diese nicht zahlen und beklagte sich, dass die Wehrmacht eigene Kanti-nen hat und er somit einen Umsatzausfall.
Das Haus übernahm dann am 21. November 1939 die Norddeutschen Flugzeugwerke von Dornier und richtete zunächst auf Pachtbasis ihr Lehrlingswohnheim ein. Am 10. März 1942 kauften die „Dornier-Werke“ das Haus. Nach der Kapitulation und der Befreiung Deutschlands von der braunen Diktatur fällt das gesamte Gelände mit Haus und Baracken mehreren Eigentümern, wie Hafenge-meinschaft, VEB Transport usw. zu ehe es die Seestadt Wismar übernimmt. Zunächst sollte die Sportgemeinschaft „Vorwärts“ hier einziehen, doch denen wurde ein Ausgleichsgelände am Wen-dorfer Weg angeboten. Die Baracken auf dem Gelände wurden unterschiedlich genutzt, für die Hafengemeinschaft, Malerbetrieb Ewald Schmidt und zwischen 25.Februar.1947 bis 20.August 1947 war hier die Wismarer NAK drin, ehe die Hafengemeinschaft Eigenbedarf anmeldete. Das Haus hatte am 1. Juli 1945 schon der Wismarer Kinderarzt Dr. Otto Connerth angepachtet und richtete hier nach umfangreichen Bau- und Sanierungsarbeiten seine Kinderklinik ein. Dies war ein wichtiger Beitrag für die medizinische Versorgung der Bevölkerung, denn gerade die Kinder hatten kriegs- und ernährungsbedingt mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Typhus und Tuberkulose war an der Tagesordnung. Connerth richtete auch im Wallgarten die Liegehalle für TBC-Kranke ein. Connerth war selbst mit seiner Praxis in der Mecklenburger Straße ausgebombt und bemühte sich, hier mit großen finanziellen Mitteln zu helfen. Doch Otto Connerth war Arzt und kein Betriebswirt-schaftler, zudem beäugte man eine private Klinik scharf als Profitmittel. Er trennt sich 1950 als Mie-ter von seiner Klinik und übernimmt sie als angestellter Chefarzt für Kinderkrankheiten der Wisma-rer Krankenanstalten wieder. Der Name „Connerthsche Klinik“ hat sich bis heute gehalten. Nach der Wende zieht hier die Bundesanstalt für Versicherung ein.
Die Umlandbebauung ist ab 1936 verstärkt worden, um Wohnraum zu schaffen und auch für die Garnison. Der „Schwedenstein“ wurde 1938 als „Moltke-Straße“ gebaut und der „Köppernitztal“ war die „Bismarckstraße“. Diese Militärs hatten natürlich in der DDR nichts zu suchen. Der ehemali-ge Bernittenhöfer Weg ist 1936 zum einhundertsten Todestag des ehemaligen bedeutenden Bür-germeisters Haupt mit seinem Namen umgeändert worden.1976 wurde die inzwischen zweispurig, zeitweilig bis 1959 als Rennstrecke „Hanseatenring“ genutzte Straße, zusammen mit der Straße „Köppernitztal“ willkürlich in „Wilhelm-Pieck-Allee“ umbenannt. Nach der politischen Wende er-folgte 1993 durch einstimmigen Bürgerschaftsbeschluss die Rückbenennung beider Straßen in ihre traditionellen Namensgebungen.

Was sonst noch geschah
23. Januar 1883 Der Kieler Dampfer „Augusta“ löscht im Wismarer Hafen seine Ladung mit elektri-schem Licht, dessen Strom durch einen bordeigenen Generator erzeugt wird.
23. Januar 1896 Dr. med. Ludwig Böckel (1.3.1867 – 27.03.1967) eröffnet am 23.1.1896 in Hinter dem Rathaus 27 und später in der Lübschen Straße 48 seine Praxis und führt diese bis zu seinem 100. Lebensjahr 1967.
23. Januar 1903 Auftrag des schwedischen Königs zur Ausarbeitung eines Vertrages zur Rückgabe Wismars.
25. Januar 1919 Nach Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und Soldaten bewaffnen sich die-se und übernehmen zeitweise die Polizeigewalt.
25. Januar 1990 Wismarer Ostsee-Zeitung berichtet erstmalig mit Fakten über das MfS.
25. Januar 1990 Der Nordgiebel von St. Georgen stürzt ein.

Detlef Schmidt

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