Kalenderblatt zum 23. Juni

„Zur Entgegennahme der Geld-Einlagen…… alle Sonntage im Jahre offen“
Vor 190 Jahren wurde die Wismarer Sparkasse gegründet

Im deutschen Sprachraum sind seit 1623 „Ersparniß-Anstalten“ nachweisbar, die auf Initiativen von Privatleuten gegründet wurden. Ihnen einte das Ziel, ärmeren Bevölkerungsschichten finanzielle Rücklagen für Krankheiten oder das Alter anzulegen. Zumeist waren dies Waisenkassen und auch Leihhäuser. 1778 wurde in Hamburg aber schon die erste Sparkasse mit „kommunaler Haftung“ eingerichtet, wo „einfache Leute“ ihr Erspartes sicher und gegen Zins anlegen konnten.
Schnell gründeten sich weitere Sparkassen im Norden Deutschlands. Waren es 1836 300 Sparkassen so waren es 1913 etwa 3.100 Sparkassen i Deutschland. Sparkassen unterscheiden sich von den privaten Banken dadurch, dass „die Erzielung von Gewinn nicht der Hauptzweck des Geschäftsbetriebes“ ist. Leitmotiv ist die Gemeinwohlorientierung. Die Verwendung entstandener Gewinne ist in den regionalen Sparkassengesetzen unterschiedlich geregelt. Zumeist wird ein erzielter Gewinn, soweit er nicht durch die Erhöhung der Sicherheitsrücklage bei der Sparkasse verbleibt, an den Träger ausgeschüttet oder von der Sparkasse direkt für gemeinnützige Zwecke zur Verfügung gestellt.
In Wismar stellte 1821 der Wismarer Kaufmann Sohst einen Antrag zur Errichtung einer „Ersparniß-Casse“ in Verbindung mit einem Leihhaus an den Rat. Am 23. Juni 1824 erließ der Wismarer Rat einen Beschluss zur Gründung einer „Ersparniß-Anstalt“ und veröffentlichte die erste Verordnung dazu. Am 2. Januar 1825 nahm die „Ersparniß-Anstalt“ ihre Geschäftstätigkeit in den unteren Räumen des gerade erst fertig gestellten Rathausneubaues auf. Wesentlichen Anteil am erfolgreichen Aufbau der Wismarer Sparkasse hatte der junge Rechtsanwalt Anton Haupt, der am 23. Januar 1823 in den Rat gewählt wurde und am 20. August 1826 wird mit 26 Jahren jüngster Wismarer Bürgermeister wird.
Ihr erfolgreiches Geschäftsmodell begründete sich im Paragraphen 50 der damaligen Bankstatuten, wo es heißt, dass die Haftung für das anvertraute Kapital die Stadtkämmerei übernimmt. Damit war die „Ersparniß-Anstalt“ eine kommunale Einrichtung. Letztendlich bestätigte Großherzog Friedrich Franz am 24. April 1826 die Statuten und somit die Haftung. Zu Ostern 1826 hatte die Wismarer Sparkasse mit 174 Kunden eine Bilanzsumme von 5.733 Talern. Geleitet wurde die neue Sparkasse, eine Bezeichnung, die sich später durchsetzen sollte, durch eine „Direktion“ von berufenen städtischen Beamten und ehrenamtlich tätigen Vertretern der Wismarer Bürgerschaft. Die Kassenöffnungen sind auf drei Tage, einschließlich des Sonntages, festgelegt und der Rat erließ dazu am 28. Dezember 1824 folgende Verordnung: „Zur Entgegennahme der Geld-Einlagen sind ein für alle mahl alle Sonntage im Jahre, und zwar die Stunden von 11 Uhr Morgens nach geendigten Gottesdienst bis halb 1 Uhr Mittags angesetzt, und wird jeder welcher Geld bey der Anstalt belegen will, Mitglieder der Direction zu dessen Entgegennahme und zur Ausstellung der gesetzlichen Bescheinigungen um die genannte Zeit versammelt finden“. Ob der vorherige Besuch eines Gottesdienstes zum Geldeinzahlen nützlicher und überlegenswerter war, ist nicht überliefert. Jedenfalls stiegen auch in Wismar die Einlagen, was die Bilanzsumme von nahezu acht Millionen Mark im Jahre 1893 zeigt.
Die Wismarer Bürgerschaft entschied über die Verwendung der Gewinne. Diese flossen in Straßenbauarbeiten und öffentlichen Wasserleitungen, aber auch in den Krankenhausbau und in den Schulbauten der Stadt. Letztendlich flossen aber auch 13.000 Taler in den Theaterneubau, 8.500 Taler für die neue Hauptwache und sechstausend Taler für den Hafenausbau, nur um einige wenige Beispiele zu nennen. Viele Finanzmittel aus den Gewinnen flossen sozialen und kulturellen Projekten zu. Daran hat sich bis heute nichts geändert. So erhielt die Armenanstalt für Speiseausteilung ebenso Unterstützung wie die städtische Gewerbeschule und bezuschusste auch die in Wismar stattfindende mecklenburgische Tier- und Gewerbeschau. Das ist eben nur eine kleine Aufzählung unzähliger Projekte. Die Sparkasse wird bis heute ihrer regionalen Verantwortung mehr als gerecht. Dazu zählen ach die von ihr initiierten Stiftungen für die Region.
Am 1. Januar 1927 erfolgte die längst fällige Umbenennung der „Ersparniß-Anstalt“ in „Sparkasse der Seestadt Wismar“ und sie erwarb und bezog nach dem Tod des Rechtsanwaltes Paul Thormann und dessen Frau, das Haus Am Markt 15.
Die Umgestaltung nach dem Zweiten Weltkrieg brachte die Sparkasse zum Erliegen. Der Wismarer Rat betrieb auf Weisung der Besatzungsmächte am 11. Dezember 1945 die Wiedereinrichtung der städtischen Sparkasse, die dann im Januar 1946 wieder ihren Geschäftsbetrieb aufnahm. Am 2. Januar 1950 fusionierte die Wismarer Sparkasse mit der ehemaligen Kreissparkasse zur Kreis- und Stadtsparkasse Wismar. Nach mehreren Erweiterungen, besonders durch den am 1. Juni 1994 vollzogenen Zusammenschluss mit den Kreissparkassen Grevesmühlen und Gadebusch unter dem neuen Name „Sparkasse Mecklenburg-Nordwest“, befindet sich immer noch ein Teil des von der Bevölkerung geschätzten Geldinstitutes in dem traditionsreichen Haus Am Markt 15.

Detlef Schmidt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

zwei × zwei =