Kalenderblatt zum 23. Mai

Als das Dach des Rathauses einstürzte

Viele schaulustige Bürger trieb es in den Vormittagsstunden des 23. Mai 1807 auf den Markt-platz. Schnell hatte es sich unter den etwa 6.000 Einwohnern herumgesprochen, dass in der Nacht zuvor das Dach des Rathauses, „dat olle Rathuus“, eingestürzt war und die Decke des nach Osten zu gelegenen Ratszimmers durchschlagen hatte. Das war letztendlich eine Folge der vernachlässigten baulichen Unterhaltung des mittlerweile nahezu 450 Jahre alten Hauses. Die Schwedenzeit war nicht gerade förderlich für Wismars Wirtschaft gewesen und seit 1806 besetzten die Franzosen Wismar, deren Geld- und Sachforderungen das nun schon verarmte Wismar überforderten. Viele Häuser der Stadt waren in einem erbärmlichen baulichen Zu-stand.
Es ist wohl das dritte Rathaus der Stadt. Die Existenz der Vorgängerbauten ist schwierig dar-stellbar. Nach der Stadtgründung hat es ein Rathaus gegeben und vermutlich ist es das um 1270 erwähnte Rathaus, das östlich am Markt, am Pferdemarkt, gelegen war. Ein neues Rat-haus ist dann um 1292 erbaut worden und man geht davon aus, dass es das „Neue Haus“, Hinter dem Rathaus 15, war. Dort, im 1569 urkundlich erwähnten Bürgerhaus, hatten die „Papagoyen-Gesellschaft“ und später die Kaufmannscompagnie ihren Sitz. Es ist das ehemalige Hinstorff´sche Haus. 1350 tobte die Pest in Wismar und ein schweres Feuer zerstörte das Rathaus. Es wurden alle Akten, Urkunden und die wertvollen Privilegien-Urkunden vernich-tet. Herzog Albrecht und auch Magnus von Schweden bestätigten 1351 die alten Privilegien. Dies war außerordentlich wichtig und wir würden heute sagen, „so wie bares Geld“. Die Wismarer bauten gleich nach dem Rathausbrand ein neues Rathaus am jetzigen Standort auf und 1353 wird es fertig gewesen sein. Wismar befand sich in der wirtschaftlichen und politi-schen „Blütezeit“ und konnte sich ein repräsentatives, frei auf dem Marktplatz stehendes, Rathaus leisten.
1807 sah es dagegen nicht so rosig aus. Zunächst versuchte man, die Schäden notdürftig zu beheben. Doch der Verfall der Ruine ließ sich nicht aufhalten. Zwar wurde 1809 noch einmal ein Versuch unternommen, die Schäden zu beseitigen, doch es kamen aus der Stadtkasse nur 558 Taler zusammen. Im Februar 1815 besichtigte Landesbaumeister Haase die Rathausruine und empfahl Sicherungsmaßnahmen. Es wurde notdürftig repariert und im Juli 1815 be-schwerte sich dann Stadtsekretär Walter, dass er nicht mehr ins Archiv gehen könne, da „aus der Zimmerdecke schon acht große Steine losgeweicht“ wären. So sah man sich dann am 28. August 1816 gezwungen, die Ruine abreißen zu lassen. Im November 1816 besichtigte Landebaumeister Johann Barca die Ruine und legte dem Wismarer Rat im März 1817 die not-wendigen Unterlagen für einen Neubau vor. Eine Spendenaktion der Wismarer brachten 14.000 Taler ein und der Bau des nunmehr vierten Rathauses wurde sofort begonnen. Die sparsamen Wismarer Ratsherren fanden nun den Architekten Johann Barca mit einer zu-stehenden Summe ab und bauten fortan nach seinen Zeichnungen in eigener Verantwortung weiter. Der Großherzog bewilligte den Wismarern noch 25 Eichen zum Bau, der unter Ver-wendung alter Gebäudeteile, die wir heute noch im Kellergewölbe und in der westlichen Seite des Rathauses erkennen, begonnen wurde. Der Grundriss des Neubaus richtete sich nach sei-nem Vorgängerbau. Am 27. September 1817 konnte schon Richtfest gefeiert werden. Die Einweihung wurde am 18. Oktober 1818 festlich mit Glockengeläut, Kanonenschüsse und Schiffsbeflaggung begangen. Am nächsten Tag fand ein großer Ball im neuen Rathaus mit 600 Personen statt. Viele freiwillige Spenden waren eingegangen, und der Rat hatte zum Bau seines Hauses die Ratsapotheke am 19. Mai 1819 für 5.000 Taler verkauft. Der Balkon wurde 1822 angebaut, und erst 1828 mit der Einrichtung eines Theatersaales im westlichen Flügel war der innere Bau dieses klassizistischen Gebäudes abgeschlossen, der sich seitdem harmo-nisch in das Gebäudeensemble, trotz unterschiedlicher Baustile, des einen Hektar großen Marktplatzes einfügt.
In einigen Jahren feiert Wismar den 200. Geburtstag seines vierten Rathauses, das am 24. Sep-tember 1942 im östlichen Rathausflügel durch eine Bombe stark beschädigt wurde. Ein weite-res Unglück ereignete sich in der Nacht des 18. Dezember 1990, als durch einen Schornstein-brand das Rathaus schwere Schäden davon trug. In einer heute beispielhaften Aufbauarbeit Wismarer Bau- und Handwerksbetriebe konnte das Rathaus am 28. August 1992 modernisiert wieder seiner Bestimmung übergeben werden und charakterisiert aufgrund seiner klaren Formgebung die hanseatisch-kaufmännische Tradition. Es gehört mit zu den schönsten Rat-häusern Norddeutschlands.

Was sonst noch geschah
23. Mai 1903 Aufstellungen zwei originalgetreue Schwedenkopfkopien an gleicher Stelle der 1902 entfernten im Hafen.
23. Mai 1869 Abriss des Mecklenburger Tores.
23. Mai 1908 Eröffnung des Karstadt Warenhaus (Baubeginn 5. April 1907).
24. Mai 1876 Benennung der Ulmenstraße.
25. Mai 1957 Stapellauf des ersten Seefahrgastschiffes von der Wismarer Werft.
26. Mai 1868 Arzt Dr. Leopold Liebenthal geboren. Gestorben 30. November 1938. Seit 1961 trägt eine neuerbaute Straße seinen Namen. Am 27.1.1994 wurde an der Stelle seines ehemali-gen Wohnhauses in der Altwismarstraße 8 eine Gedenktafel angebracht.
26. Mai 1909 Eröffnung des Krankenhauses am Dahlberg.
26. Mai 1933 Kleingartenverein Wismar gegründet.
27. Mai 1403 Weihe von Chor und Hochaltar zu St. Nikolai. Der Bau der jetzigen Kirche ist um 1380 begonnen worden. Die Weihe des Kirchenschiffes war 1459 und der 90 Meter hohe Turm ist 1487 fertiggestellt. In St. Nikolai sind weit über sechs Millionen Backsteinen verbaut worden. Mehr als in den anderen drei großen Kirchen.

Detlef Schmidt

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

zwölf + sechzehn =