Kalenderblatt zum 23. Oktober

Das weiße Gold von Wismar

Am 23. Oktober 1945 nimmt die Wismarer Zuckerfabrik am Philosophenweg unter schwierigsten Bedingungen ihren Betrieb auf und beginnt mit der jährlichen Rübenkampagne. Die Wismarer Zuckerfabrik ist am 2. November 1889 als Aktiengesellschaft gegründet worden. Am 5. November 1889 wird die Bauleitung den Gutsbesitzern Bock aus Rosenthal und Ziemsen aus Kluß übertragen. Die Bauarbeiten wurden zügig durchgeführt, Maschinen und Aggregate liefert die Maschinenfabrik Halle. Am 16. September 1890 konnte dann die Produktion aufgenommen werden, nachdem zuvor noch eine Wasserleitung vom Mühlenteich hier hergeleitet wurde. Schon im Mai 1890 ist ein Eisenbahnanschluss hergestellt worden, der für den Transport der Maschinenaggregate dringend benötigt wurde.
Die ersten 79 Zuckerrüben aus dem Gut Kluß werden am 19. September 1890 geliefert und am 20. September 1890 beginnt die erste Rübenverarbeitungskampagne in der Wismarer Zuckerfabrik.
Die ersten Zuckerfabriken im deutschsprachigen Raum entwickelten sich durch Napoleons Kontinentalsperre. Dadurch durfte kein Rohzucker mehr importiert werden. Es wurde der Zuckergehalt der Runkelrübe entdeckt, aus der die Zuckerrüber herausgezüchtet wurde. Die eigentliche Gründerphase begann in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts. Viele der heutigen Zuckerfabriken haben ihre historischen Wurzeln in dieser Zeit. Die Zunahme des Zuckerrübenanbaus begünstigte die Entwicklung einer Zuckerrübenverarbeitung. Gab es 1880 in Mecklenburg eine Zuckerfabrik, so erhöhte sich ihre Zahl bis Ende der 1890er Jahre auf zehn und betrug 1901 dann zwölf Fabriken. Sie wurden alle als Aktiengesellschaften gegründet, während die Molkereien genossenschaftlich strukturiert waren Die verarbeitete Zuckerrübenmenge wuchs von 24.942 t in den Jahren 1881/82 auf 656.315 t in den Jahren 1912/13 an. Der Bau von Zuckerrübenfabriken wirkte in mehrfacher Hinsicht positiv auf das Land. Die Zuckerrübenverarbeitung sicherte einen gewinnbringenden Verkauf der Rüben, ermöglichte durch die Nutzung der Abfallprodukte als Futtermittel eine Erweiterung des Viehstandes, bot eine Winterbeschäftigung und trug zum Ausbau der Infrastruktur bei.
Sind die ersten Produktionszahlen der Wismarer von 1890 mit 368 Tonnen noch etwas bescheiden, so ist in den Folgejahren eine rasante Entwicklung zu verzeichnen. 1900 waren es schon 1.348 Tonnen. In diesem Jahr wurden auch die eingedeichten Klärschlammteiche angelegt. Nach 1918 wird der gesamte Maschinenbereich modernisiert und man beginnt mit der Produktion von Speisesirup und ab 1922 mit Weißzucker. Durch Inbetriebnahme einer neuen Dampfturbine, 1935, konnte Elektroenergie zur Eigenversorgung in das Netz eingespeist werden. 1936 erfolgte die Umwandlung der Aktiengesellschaft in eine Kommanditgesellschaft „Zuckerfabrik Wismar, Bock & Co., Kommanditgesellschaft“. Der zweite Weltkrieg brachte eine entscheidende Zäsur. Trotz Kriegsschäden wurde die Produktion, die als „Kriegswichtig“ eingeschätzt wurde, weitergefahren. Am 21. Juli 1940 gab es den vierten Luftangriff auf Wismar. Es war ein platzierter Abwurf von etwa 35 Sprengbomben und 60 Brandbomben auf Wismar. Dabei wurden Gebäude und Gleisanlagen der Zuckerfabrik beschädigt. Die von der Zuckerfabrik geltend gemachten Schadensansprüche an das Kriegsschäden-Amt beliefern sich dabei auf 118.000 Reichsmark.
Am 5. Januar 1945 verstirbt mit Ernst Bock aus Rosenthal der Gründer der Wismarer Zuckerfabrik. Die sowjetische Militäradministration erlässt am 1. November 1945 einen Befehl zur Aufnahme der Zuckerrübenkampagne, dem die Wismarer schon am 23. Oktober 1945 gefolgt sind. Am 1. September 1946 wird die nunmehr staatliche Zuckerfabrik dem Landesamt für Wirtschaft unterstellt. 1966 wird die Wismarer Fabrik mit Güstrow zu „VEB Nordkristall“ und am 1. Januar 1981 gehören die Wismarer zum “Zuckerkombinat Rostock“. Erst im Juli werden sie mit „VEB Zuckerfabrik Wismar“ wieder eigenständig. Schon ab 1973 wurde das benachbarte Wohngebiet Kagenmarkt mit Fernwärme aus der Zuckerfabrik versorgt. 1982 und 1983 entstanden der 54 Meter hohe Elevatorturm und der 48 Meter hohe Silo, die beide 2001 als letztes Zeugnis der über 100jährigen Firmengeschichte gesprengt wurden
Mit der „Wende“ nach 1989 kamen stürmische Zeiten auf die Wismarer zu. Es entstand die Zuckerfabrik Nordkristall GmbH aus der Verschmelzung der Zuckerfabriken Salzwedel, Wismar, Güstrow und Lübz, die allein 13 Prozent des Zuckerbedarfes der DDR abdeckten. Für Wismar kam das endgültige Aus 1992/ 1993 mit der Beendigung der letzten Kampagne. Das gesamte Gelände wurde beräumt, lediglich zwei Gebäude sind stehen geblieben. Das Verwalterhaus von 1936 beherbergt seit August 1998 eine Sport- und Fitnesseinrichtung. Die Klärschlammteiche sind mit einer Photovoltaikanlage umgewandelt und einer Nutzung zugeführt worden. Die alten Produktionsanlagen sind am 30. Juli 1995 über den Seehafen Wismar in den Mittleren Osten verschifft worden. Die seit 1997/98 entstandene Wohnsiedlung trägt mit ihren Straßennamen, Siedehaus, Zuckerring und Kandisplatz zur Erinnerung an Wismars hundertjährige Zuckergeschichte bei.

24. Oktober 1648 Wismar wird im „Westfälischen Frieden“ Schweden zugesprochen.
24. Oktober 1982 Wiederinbetriebnahme des Glockenspiels von 1592 im St. Marienkirchturm durch Spenden der Altschülerschaft der Großen Stadtschule. 24. Oktober 1831 Einweihung des Friedhofes (Ost) auf dem ehemaligen Gal
26. Oktober 1908 Die Ingenieurakademie nimmt ihren Betrieb auf. Es beginnen die Vorlesungen.
27. Oktober 1846 Gründung des Gewerbevereins Wismar im „Fründts Hotel“. Vorsitz Senator Dr. jur. Wilhelm Christian Süsserott.
27. Oktober 1947 Die Wismarer Feuerwehr wird zur Berufsfeuerwehr.
28. Oktober 1987 Städtepartnerschaft Lübeck-Wismar.
28. Oktober 1946 Auf Befehl der SMAD wird die staatliche Bau- und Ingenieurschule gegründet.
28. Oktober 1998 Fertigstellung der Kompaktwerft mit Dockhalle (600 Mio. DM Investitionen) Grundsteinlegung 15.11.1994. Die Halle ist 72 m hoch, 155 m breit und über 395 m lang.
30. Oktober 1902 Ein hölzerner Schwedenkopf wurde durch den finnischen Segler „Alfa“ zerstört. Die Schwedenköpfe sind im April durch zwei gusseiserne Köpfe aus der Eisengießerei Crull ersetzt worden. Die beiden Schwedenköpfe sind 1803 in der Hafeneinfahrt aufgestellt und befanden sich als Schmuck auf dem ehemaligen schwedischen Kriegsschiff „Hercules“, das 1651 in Wismar vom Stapellief und 1689 grundlegend umgebaut wurde, wobei die Köpfe entfernt wurden und in Wismar eingelagert worden sind.

Detlef Schmidt
Wismar im Oktober 2017

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