Kalenderblatt zum 23. September

Dahlmanns Ehrenbürgerschaft wird 1839 aus Angst abgelehnt
Der „Vater“ der deutschen Verfassung erhielt in seiner Heimatstadt wenig Ehrung

Am 23. September 1839 verweigerte der Wismarer Rat einem der bedeutendsten Historiker Politiker des 19. Jahrhundert, Friedrich Christoph Dahlmann, trotz massiver Forderung aus der Wismarer Bevölkerung, die Ehrenbürgerschaft.
Der im 19. Jahrhundert in den deutschen Ländern hochgeachtete Historiker und außerordentlich populäre Politiker Friedrich Christoph Dahlmann, wurde am 13. Mai 1785 in Wismar geboren. Das Geburtshaus musste 1886 dem 1888 eingeweihten neuen Postgebäude weichen. Eine erst 1882 angebrachte Erinnerungstafel wurde „gerettet“ und ins städtische Museum gebracht, wo sie noch heute aufbewahrt wird. Kindheit und Schulzeit verbrachte er im schwedischen Wismar. Nach Abschluss der Reifeprüfung an der Großen Stadtschule, begann er 1802 ein Studium an der Universität Kopenhagen und setzte es 1804 in Halle fort. 1810 verteidigte er seine Dissertation in Wittenberg erfolgreich und wurde promoviert. Er habilitierte 1811 an der Universität Kopenhagen und erhielt 1813 mit 28 Jahren seine erste außerordentliche Professur an der Universität im dänischen Kiel. 1829 wurde er an die Universität Göttingen im damaligen Königreich Hannover als ordentlicher Professor berufen, das wohl zu den schicksalsreichsten Entscheidungen Momenten seines Lebens wurde. Er arbeitete dort an einer, für damalige politische Verhältnisse, äußerst progressiven Verfassung für das Königreich Hannover mit, die 1833 in Kraft trat und 1835 erschien dort sein Hauptwerk „Die Politik auf den Grund und das Maaß der gegebenen Zustände zurückgeführt“.
Ernst August I. wurde 1837 König in Hannover und unmittelbar nach seiner Thronbesteigung hob er die freiheitliche Verfassung, an der Dahlmann maßgeblich mitgearbeitet hat, zum 1. November 1837 wieder auf. Sieben Professoren, unter ihnen Dahlmann, die Gebrüder Grimm und der Physiker Weber stellten sich gegen Ernst August und reichten am 18. November 1837 eine Protestresolution ein und verweigerten damit dem König den angeordneten „Huldigungseid“. Diese „Unbotmäßigkeit“ seiner Untertanen konnte der absolutistische Herrscher nicht dulden und entließ am 12. Dezember 1837 alle sieben Professoren, die in die Geschichte als die „Göttinger Sieben“ eingegangen sind, des Landes. Friedrich Dahlmann, der Worführer der sieben, Jacob Grimm und Georg Gervinius wurden sogar des Landes verwiesen. Preußens König Friedrich Wilhelm IV. lud die drei Professoren zu sich ein und sie erhielten eine Lehrerlaubnis in Preußen. Aus der Bevölkerung waren Spenden eingegangen, die den „Göttinger Sieben“ zum Unterhalt dienen sollte.
In vielen deutschen Kleinstaaten wurden die „Göttinger Sieben“ gefeiert, galt ihr Widerstand doch der absolutistischen Monarchie. In Wismar, das Dahlmann im September 1839 letztmalig besuchte wurde er jubelnd begrüßt und gefeiert. Viele „Honoratioren“ Wismars „huldigten“ ihrem großen berühmten Sohn und manch Ehrengedicht wurde ihm gewidmet. 150 Unterschriften der Wismarer Gesellschaft forderten die Ehrenbürgerschaft, die der Wismarer Rat unter Bürgermeister Gabriel Mann aus ängstlicher „Rücksicht“ gegenüber dem hannoverschen König nicht verlieh. Viel Verständnis für dieses Verhalten hatten die Bürger überhaupt nicht, doch die Wismarer waren vorsichtig und wollten sich es nun auch nicht mit der Obrigkeit verderben. Rektor Friedrich Crain von der großen Stadtschule lud ihn zum 300. Schuljubiläum im Jahre 1841 ein, das er aber nicht wahrnehmen konnte.
1842 nahm Dahlmann eine Professur an der Universität im preußischen Bonn an, wo er bis zu seinem Lebensende blieb. Seine Vorlesungen gehörten zu den besuchtesten an der Uni Bonn und er galt als politische Autorität in Preußen. In den nationalen revolutionären Bewegungen um 1848 nahm er eine der zentralen Rolle ein. Er wurde preußischer Bundesgesandter und Vertrauensmann in der Nationalversammlung und der von ihm mit erarbeitetem Verfassungsentwurf von 1849 zur Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, ist maßgeblich auf Friedrich Christoph Dahlmann zurückzuführen. Er stirbt am 5. Dezember 1860 in Bonn und ist dort auch begraben. Die Wismarer Grabstelle der Familie Dahlmann, wo unter anderem sein Bruder begraben liegt, befindet in der Nähe des Grabes von Bürgermeister Anton Haupt. Wismar ehrte ihren berühmten Sohn am 1. Dezember 1881 mit der Benennung einer neuen Straße im Bereich der ehemaligen Stadtmauer, der „Dahlmannstraße“- zu einer Ehrenbürgerschaft konnte sich der Wismarer Rat nicht entschließen. Die Bürgerschaft debattierte 1881 zwei Jahre lang, ob man ihrem verdienten Sohn eine Ehrenplakette an seinem Geburtshaus anbringen sollte. 1882 wurde diese angebracht, ehe das Haus 1886 abgerissen wurde und dem Neubau der Post Platz machte. Unsere Vorfahren haben sich in dem Umgang mit Dahlmann wahrlich nicht mit Ruhm „bekleckert“. Seit einigen Jahren wird am Postgebäude in der Mecklenburger Straße 18 mit einem Erinnerungsschild an der Stelle seines ehemaligen Geburtshauses auf den „Wortführer der Göttinger Sieben und Vater der ersten gesamtdeutschen Verfassung von 1849“ hingewiesen. Die „Göttinger Sieben“ werden vor dem hannoverschen Landtag mit einem Denkmal geehrt und der Campus der Göttinger Universität trägt ihren Namen. Günter Grass gestaltete hier eine Skulptur zu den „Göttinger Sieben“ und die Deutsche Post brachte eine Briefmarke heraus.

Was sonst noch geschah
23. September 1905 Beginn der Abbrucharbeiten am Mecklenburger Tor und zugehöriger Stadtmauer.
23. September 1945 Wismarer Fußballer bestreiten erste Auswärtsspiele.
23. September 1997 Die „Volksbank Wismar eG“ fusioniert mit der „Raiffeisenbank eG Grevesmühlen“ unter dem neuen Namen „Volks- und Raiffeisenbank eG“. Im Jahr 1999 kam es zu einer Fusion mit der Raiffeisenbank Wismar. Seitdem trägt sie den Namen „Volks- und Raiffeisenbank eG Wismar“ mit Sitz in Wismar. Seit dem 8. August 2005 im Neubau Mecklenburger Straße 12 -16.
24. September 1942 8. Luftangriff: Mit 54 Bombern und 50,9 t Sprengbomben – Zerstörung der Lübschen Straße, Altwismarstraße, Ulmenstraße, ABC-Straße, Wasserstraße, Schweriner Straße, Treffer auf den Ostflügel des Rathauses, Zerstörung des Gefangenenturms. Insgesamt waren 67 Tote und 109 Verletzte zu beklagen.
25. September 1868 Abriss des Altwismar-Tores.
25. September 2014 Unterzeichnung des Vertrages zur Nutzung von St. Georgen durch die Hansestadt Wismar und den Kirchgemeinden St. Georgen und St. Marien.
25. September 2014 Heike Bansemer (SPD) wird als Senatorin im Ehrenamt zum 1. Oktober 2014 vereidigt.
26. September 1989 Die Bürgerbewegung „Initiative 89“ wird gegründet.
27. September 1817 Richtfest des 1807 eingestürzten Rathauses im nunmehr klassizistischen Stil.
26. September 1938 Eröffnung des Museums im ehemaligen Logenhaus der Freimaurer in Wismar.

Detlef Schmidt

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