Kalenderblatt zum 24. Dezember

Am Heiligen Abend zeigte sich der Rat gnädig

Am Heilig Abend Anno 1668, suchte der Buchdrucker und Küster von St. Marien, Georg Rhet, den Wismarer Rat auf und bat sie die Kündigung vom 18. November 1668 zurückzu-nehmen. Er versprach, sich so zu verhalten, dass „die Herren Bürgermeister keine Klagen mehr über ihn hören sollten“. Diese erklärten „in Ansehung seines Weibes und seiner Kinder wollten sie ihn diesmal noch einstellen“! Für Georg Rhet und seiner Familie war dies ein schönes Weihnachtsfest.
Georg Rhet kommt aus Litauen und ist 1661 auf Vermittlung des Vizepräsidenten Mevius vom königlich schwedischen Tribunal empfohlen worden. Er hatte im dreißigjährigen Krieg sein Anwesen verloren, seine beiden Brüder hatten eine Druckerei in Stettin und Danzig. Der Wismarer Rat entscheidet sich für ihn, wenn er neben der Druckerei auch das Küsteramt von St. Marien übernehmen will. Rhet entscheidet sich schnell und so wird er am 1. Juni 1661 ein-gestellt. Damit ist Georg Rhet der erste Drucker in Wismar.
Es gab in Wismar nach der Erfindung der Buchdruckerei von Johannes Gutenberg, mit Joachim Lewenow 1562 den ersten Buchhändler, schon 90 Jahre zuvor gab es Buchhandel in Lübeck und Rostock. Die Buchhändler nannte man „Buchführer“ und in diesem Beruf ver-band man auch den Buchbinder, die sich im 17. Jahrhundert abtrennten. Waren neue Bücher erschienen, so wurden diese handschriftlich an der Rathaustür bekannt gemacht. Ein Buch war zu der Zeit eine Kostbarkeit. Ein Bücherverzeichnis von1550 nennt über 70 Bände „in unser lieben Frawen Kerken“ (St. Marien), aber bei den „schwarten Monniken“ (Schwarzes Kloster) sind es 179 Bände, zumeist akademisch und geistliche Schriften. Eine Ratsdruckerei gab es nicht und der Wismarer Rat schielte etwas neidisch auf andere Städte, denn mit einer eigenen Druckerei ließ sich vielmehr machen und man war unabhängiger.
Georg Rhet begann mit seiner für uns heute ungewöhnlichen Kombination zwei Tätigkeiten und das sollte auch zu Konflikten hinführen. Zunächst wurde der Stadtsyndicus zum Zensor der gedruckten Sachen bestimmt und da Rhet sich nicht darangehalten hat, wurde ihm verbo-ten, ohne vorherige Zensur zu drucken. Er war dauernd in Geldnot, denn er selber musste alles vorher bezahlen, ehe er erst nach Ablieferung Geld bekam. Jahrelang bat er um Darlehen, doch erst als er für das Tribunal drucken sollte und für Schulbücher, erhielt er 300 Taler vorge-streckt. Man hatte gedroht, die Druckwerke in Lübeck herstellen zu lassen. Das wirkte, denn der Wismarer Rat wollte ebenbürtig dastehen.
Mehr Ärger gab es mit Georg Rhets Tätigkeit als Küster. Dazu gehörte auch die Wartung Turmuhr von St. Marien. Den Wismarer Ratsherren störte, „dass die Uhr immer falsch geht, andere Zeiten anzeigt, als die Sonne steht“ und sie luden in immer wieder vor. Ihren Ärger machten sie ihm klar, dass er weniger Verstand als ein Esel habe“. Dagegen hielten die Geist-lichen ihm vor, indem sie sich beschwerten, „wegen des Saufens“ von Rhet. „Er sei nachlässig geworden mit der Uhr und den kirchlichen Zeremonien, und dass die Ratsstühle in der Kirche nicht sauber seien. Nach einer erneuten Auseinandersetzung ist Rhet wutentbrannt aus dem Rathaus gestürmt und hat sich selbst eine „Auszeit“ von vier Tagen genommen. Da fehlte er nun wieder in der Kirche bei der Vorbereitung geistlicher Zeremonien. Kein Wunder, dass man sich „Bier und Köm“ als Tröster suchte. Das war Grund genug für die Bürgermeister, ihn vom Küsteramt und als Ratsdrucker abzuberufen. Das war hart, denn somit verlor die gesamte Familie ihre Wohnung. Dies machte Rhet doch nachdenklich und bat nun am 24. Dezember 1668 ihn wiedereinzustellen. Er gelobte Besserung, was wohl letztendlich auch gelungen scheint. Es sind viele Drucke von ihm erhalten, so die Feuerordnung von 1665 oder die Gas-senreinigung von 1676. Seine Darlehensschulden hat er wohl schwerlich getilgt, denn 1677 klagt der Wismarer Stadtkämmerer noch über ausbleibende Rückzahlungen. Georg Rhet starb 1680 in Wismar und hinterließ Frau und vier Töchter.
Der Buchhändler Hermann Rhein hat Rhet mit seinem grafisch gut gestalteten Exlibris ein Denkmal gesetzt, indem er Georg Rhet darstellt, wie er um den St. Marienturm herum fliegt, gefolgt von stechenden Hornissen, die den Wismarer Rat darstellen sollten. Vor 35 Jahren schenkte Hermann Rhein dem Verfasser dieses Beitrages diese kleine Druckgrafik und erzähl-te beiläufig die Geschichte dazu, die mich neugierig machte, um es weiter zu erzählen.

Was sonst noch geschah
26. Dezember 1796 Auflösung des Verlöbnisses von König Gustav IV. Adolf von Schweden und Prinzessin Luise Charlotte von Mecklenburg und Verhandlung über eine angemessene Entschädigung. Endet im Wismarer Pachtvertrag.
29. Dezember 1878 Eröffnung der Gaststätte „Alter Schwede“ durch Wilhelm Frähmcke.
29. Dezember 1830 Bestätigungen einer neuen Verfassung durch den Großherzog, Auffas-sungen von Bürgermeister Anton Haupt fließen weitgehend mit ein, erstmals seit 1427 werden Handwerker wieder ratsfähig.
29. Dezember 1918 Erste Kommunalwahlen mit Bürgermeister Raspe von der DVP.
29. Dezember 1972 Grundsteinlegung eines neuen Arbeiterwohnheims für die Werft am Juri-Gagarin-Ring.
30. Dezember 1600 Bürgermeister Hinrich Schabbell gestorben.
30. Dezember 1970 Übergabe und Eröffnung der Sport- und Kongresshalle.

Detlef Schmidt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

zwanzig − eins =