Kalenderblatt zum 24. Juni

   Wismarer Fischer durften neue Zunft gründen

Am 24. Juni 1825 erneuerten die Wismarer Fischer mit Genehmigung des Wismarer Rates ihre Zunft. Die Fischer betrieben eines der ältesten Gewerbe Wismars. Schon zur Zeit der Stadt-gründung und davor sind sie zum Fischfang in die geschützte Bucht und auf die freie Ostsee hinaus gefahren. Der Fisch war und ist ein Grundnahrungsmittel und zu allen Zeiten lebens-notwendig. Die Wismarer achteten ihn so hoch, dass er sogar im städtischen Siegel von 1250 und im heutigen Stadtwappen einen Platz hat, war doch der Handel mit Fisch teilweise die Basis für den Wohlstand der Stadt.
Fisch war im Mittelalter ein weitaus wichtigeres Grundnahrungsmittel wie heute und wurde besonders zur „Langzeitnahrung“ gebraucht. Man trocknete oder dörrte ihn oder er wurde in Salz gepökelt. Damit hielt sich der Fisch und auf den langen Seereisen diente er als Nahrung. Zu den Fastentagen war Fisch das Nahrungsmittel, das über die strengen Regularien hinweg half. Fisch kam früher sprichwörtlich auf jeden Tisch – ob arm oder reich, es kam nur auf die Menge und Art an. Besonders zu den Festtagen, wie eben Weihnachten oder zum Jahres-wechsel war Fisch das Festmahl anstelle des heutigen Festbratens. Der Hering war schon der Fisch des „kleinen Mannes“ und da es dieser Schicht mitunter bettelarm ging, wurde viel heimlich gefischt. Wehe aber wenn der „Sünder“ von den Wismarer Fischern oder den städti-schen Bütteln erwischt wurde, dann setzte es als „milde Strafe“ ein tüchtige Tracht Prügel oder es ging als „Wilddieb“ in den Turm. Auch die Krabbenfischerei ist begehrt gewesen. Da aber im Amt der 20 Fischer nur elf zu vergebende Krabbenstellen vorhanden waren, wurde um diese gelost. Später bekamen nur die ältesten Mitglieder der Zunft diese begehrten Stellen.
Jahrhunderte lang gehörten die Fischer zu den ärmeren Schichten der Wismarer Bevölkerung. Unter den Wismarer Ämtern gehörte sie zum dritten Stand. Sie hatten ein eigenes Amt, das noch 1825 mit einer erneuten Eintragung in die Zunftrolle bestätigt wurde. Die mittelalterliche Arbeitsteilung in den Zünften spielte im Amt der Fischer eine große Rolle. So wurden im Amt nicht mehr als 20 Fischer zugelassen und diesen war es auch nur gestattet, Seefischerei zu be-treiben, das heißt sie durften auf die Bucht und auf die freie Ostsee fahren. Lediglich den einheimischen Bootsleuten und Schiffern, so die Zunftrolle von 1825, ist es erlaubt, im Hafen bis zu den „alten Schweden“, ein Gericht Aal zu hauen oder zu stechen. Wismarer fischten gelegentlich im 16. Jahrhundert auch vor der schwedischen Küste bei Schonen. Die Wismarer Fischer hatten bis in das 18. Jahrhundert das alleinige Recht in der Wismar-Bucht, bei Goll-witz und Wustrow aber auch in der Wohlenberger und Boltenhägener Bucht zu fischen. Den Bewohnern der am Ufer liegenden Dörfer wurde nur die Strandfischerei gestattet. Die „Bau-ernfischerei“ ließ sich jedoch nicht aufhalten, obwohl der Wismarer Rat seine Privilegien hart verteidigte. Erst ab 1880 gab es einvernehmliche Regelungen und 1895 wachte ein Fischmeis-ter streng auf die Einhaltung. Lediglich im Innenbereich des Wismarer Hafens durften nur Wismarer fischen. Gewerbefreiheit gab es im mittelalterlichen Wismar nicht. Der Rat ließ nur so viel Gewerbe zu, wie alle einträgliche Einnahmen hatten. Bei Tod eines Fischers oder durch Aufgabe, rückte ein nächster nach. Am 1. Oktober 1869 gab es den Erlass der „Gewerbeord-nung für den Norddeutschen Bund“, später 1883 zur „Gewerbeordnung für das Deutsche Reich“. Damit erlosch das Zunftwesen auch in Wismar und nahezu jeder durfte ein Gewerbe ausüben.
Als Amtshaus wählten die Fischer „Ottilies Gartenhaus“ an der Reiferbahn. Die ehemalige Gaststätte „Wallgarten“ in der Dahlmannstraße ist seit 1816 als „Ottilies Gartenhaus“ bekannt und wurde seit 1857 „Zur Wallhalle“ genannt. Der Name kommt nicht aus der Götterwelt, sondern vom in der Nähe liegenden Stadtwall, von dem auch die „Wallgärten“ ihren Namen ableiten. In der „Wallhalle“ hatte die Wismarer Fischerzunft seit 1825 ihr Amtshaus, wo auch der jährliche „Jungclaas-Ball“ durchgeführt wurde. Dieser wurde im Februar veranstaltet und stolz waren die frisch gebackenen Schiffsjungen, wenn sie an diesem Tage erstmalig von den Matrosen und Älterleute mit „Herr“ angesprochen werden mussten. Danach war es aber auch vorbei mit der „Jungenherrlichkeit“ und der raue Alltag zog ein. Zum hundertjährigen Beste-hen am 25. Juni 1925 gab es noch 38 selbständige Fischer. Vieles im öffentlichen Bereich er-innert an die Fischer, von denen es heute nur noch zwei selbständige Wismarer Fischer gibt. Da sind die „Fischerstraße“, die „Fischerreihe“ und der kleine Fischerwachturm am Hafen. Er wurde als Ersatz für einen abgerissenen Fischerschuppen an der Stadtmauer für die Wismarer Fischerzunft gebaut und diente jahrzehntelang als Geräteschuppen und als notwendiger Sig-nalgeber für Wetter und Hafeneinfahrt. Wegen Straßenerweiterungen ist 1981 der Schuppen um den Turm abgerissen. Am Turm befinden sich die Wappen des am 14. Januar 1870 abge-rissenen Poeler Tores. Schon seit 1272 ist St. Nikolai die Kirche der Seefahrer und Fischer, deren heutiger Bau um 1380 begonnen wurde.
Wurden im Wismarer Hafen nun größere Mengen Fisch angelandet, mussten diese erst sechs Stunden am „Strande“ angeboten werden, ehe sie zur Weiterverarbeitung oder zum Räuchern gegeben wurden. Am „Strande“ hieß früher ein Teil der heutigen Hafenstraße. Der Fischer verkaufte seinen Fang bis vor einigen Jahrzehnten am frühen Morgen in kleinen Mengen selbst in den Straßen oder auf dem Markt und es kam schon vor, dass er noch mittags mit einem Hering an der Stange lauthals rufend durch die Stadt lief: „Köfft Fisch, all lebennig un frisch“. Wer das glaubte, war kein echter Wismarer. War viel Fisch am Hafen, lief ein Ausru-fer durch die Straßen: „Haalt gräune Hiering, an´t Wader sünd weck!“ und hinterher: „Pund fief Penning“. Dabei hatte er an einer Stange einen Hering hängen. Später kauften Fischhänd-ler den Fischern ihre Waren schon am Strand ab und priesen sie in den Straßen: „Haalt Butt, dicke fette Butt! All lebennig!“. Das letzte wurde schnell hinterher gesagt; es tat ja nicht nötig, dass es jedermann verstand, zumal der dicke fette Butt schon längere Zeit spazieren gefahren wurde. Auf dem Markt hatten Fischer und Fischhändler ihre eigenen Stände oder Tröge, die sich von der Wasserkunst bis zum Rathaus hinzogen. Dabei wurde darauf geachtet, dass an der Wasserkunst die älteren und am Rathaus die jüngeren Fischer standen. Es muss wohl übel zugegangen sein, denn nicht umsonst wurde eine strenge Verordnung erlassen, die das „schlechte Reden über des anderen Fisch“ bei Strafe untersagte. Ob es geholfen hat?

Was sonst noch geschah:
24. Juni 1940 1. Luftangriff auf Wismar und die Dornierwerke
25. Juni 1777 Karl von Breitenstern (Bürgermeister von 1814-1825) geboren, am 4. Februar 1825 in Wismar gestorben. Gründer des im November 1818 gegründeten Musikvereins, des zweitältesten in Deutschland.
26. Juni 1803 Der Vertrag von Malmö wird unterzeichnet. Wismar wird wieder mecklenbur-gisch.
26. Juni 2000 Betriebseröffnung für die Spanplattenherstellung EGGER Holzwerke Wismar auf dem Hafffeld.
26. Juni 2014 Der Landtagsabgeordnete Tilo Gundlack (SPD) Wismar, geboren 20.8.1968, wird zum Präsidenten der Wismarer Bürgerschaft gewählt. Er tritt damit die Nachfolge von Dr. Gerd Zielenkiewitz, der seit dem 1. November 1990 dieses Amt innehatte.
27. Juni 1682 Neuer Entwurf für die Walfischfestung; aufgemauerte, viereckige Redoute, vier Eckbatterien, ein massiver, dreistöckiger, feuerfester Geschützturm mit zwei Geschützgale-rien, unterkellerte Außenbastionen, verschiedene Gebäude im Innenraum.
27. Juni 1990 Gründung der Deutsch-Italienischen Gesellschaft e.V. zu Wismar.
27. Juni 2002: Aufnahme der Altstädte Wismars und Stralsunds in die Welterbe Liste der UNESCO.
28. Juni 1940 2. Luftangriff: Von 0.39 Uhr bis 2.57 Uhr Angriff auf die Stadt durch fünf bis acht englische Kampfflugzeuge, die etwa 25 Sprengbomben und 100 Brandbomben abwarfen.
29. Juni 1831 Die Großherzogliche Medicinal-Kommission weist mit Nachdruck auf eine dro-hende Choleraepidemie und die Verlegung der Kirchfriedhöfe außerhalb der Stadt hin.
29. Juni 1901 Kauf des Hauses „Ravelin Horn“ durch Paul Heinrich Podeus jun. (Ravelin Horn geht auf eine Befestigungsanlage zurück, seit 1929 Landratsamt).

Detlef Schmidt

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